Sonntag, November 27, 2016

Philippe Georget: Rabenschwarzer Winter [Rezension]

Tief im Süden Frankreichs, am Rande der Pyrenäen, liegt die Region Languedoc-Roussillon. Hier, dicht an der Grenze zu Spanien, im Ort Perpignan, siedelt der französische Krimiautor Philippe Georget seine Romane um Inspecteur Gilles Sebag und sein Team an. 2009 ging es los mit „L’été tous le chats s’ennuient“ (deutsch: Dreimal schwarzer Kater, Ullstein 2014), es folgte „Les violents de l’automne“ (Wetterleuchten im Roussillon, Ullstein 2015) und jetzt, den Jahreszeiten folgend: „Méfaits d’hiver“ (Rabenschwarzer Winter, Ullstein 2016).

Während im ersten Band die Familie Inspecteur Sebags noch weitgehend idealtypisch erscheint, lässt sich im Herbstabenteuer bereits seine Tochter Séverine in den aktuellen Fall verwickeln. Und auch in Band 3 der Reihe, Rabenschwarzer Winter, verknüpft sich das Thema eng mit dem Privatleben des Ermittlers.

Es geht ums Fremdgehen, um Ehebruch und die Konsequenzen daraus. Gleich im ersten Kapitel erfährt Gilles Sebag, dass seine Frau eine Affäre mit einem Kollegen eingegangen ist. In Perpignan scheint währenddessen die Zahl an Ehebrüchen, die in einer Katastrophe enden, stetig zuzunehmen.

Da erschießt Stéphane Abad seine Ehefrau Christine in genau jenem Zimmer, in dem sie einige Minuten zuvor noch mit ihrem Freund geschlafen hat. Am selben Tag schlägt Jean-Paul Casty seine Ehefrau zusammen, nachdem er sie mit Fotos konfrontiert, auf denen sie einen anderen Mann küsst. Wenige Tage später stürzt sich der Buchhalter Didier Valls aus dem Fenster. Seine Frau Sandrine hatte ihm eröffnet, sie wolle ihn wegen eines anderen Mannes verlassen. Und der arbeitslose Bastien Gali überschüttet seine untreue Lebenspartnerin Véronique mit Benzin und droht, sie und das ganze Haus anzuzünden. Er hat so viel Benzin gebunkert, dass er damit die ganze Straße in Brand setzen könnte.

Diese Häufung an Gewalt könnte als Zufall durchgehen, wenn sich die Täter nicht bei der Frage, wie sie von der Untreue ihrer Partnerinnen erfahren haben, immer wieder in Widersprüche verwickelten. So aber ahnt Sebag bald, dass in Perpignan irgendjemand Informationen liefert und die Gewaltexzesse bewusst provoziert.

Als Krimi liest sich der „Rabenschwarze Winter“ eher schleppend. Die Ermittlungen dümpeln voran, ordnen sich aber keinem klassischen Spannungsbogen unter. Daran ändern auch die Passagen aus der Sicht des Täters nichts, der sich selbstbewusst „The Eye“ nennt. Denn es gibt keinen großen, finalen Schlag, auf den die Geschichte zulaufen könnte. Was alles passieren kann, hat der Leser bald gesehen und eine Steigerung ist weder zu erwarten noch zu befürchten.

Vielmehr funktioniert das Buch als Meditation über das Thema Untreue. Philippe Georget beleuchtet das Thema von allen Seiten. In den Gesprächen, die sein Inspecteur Sebag führt, erklären sich Opfer wie Täter, Männer wie Frauen. Selbst einer feministischen Lesbe, von Beruf Psychologin mit Spezialgebiet Sexualforschung, begegnet er. Und ihre Erklärung des Phänomens macht nicht weniger betroffen als das, was die anderen Protagonisten zu dem Thema zu sagen haben.

Nicht umsonst hat Philippe Georget seinen „Rabenschwarzen Winter“ in der Weihnachtszeit angesiedelt, unmittelbar vor dem Fest der Liebe und der Familie. So ist der Roman eine gute Alternative zu all den Weihnachtsgeschichten mit Zuckerguss, die sonst um diese Zeit in die Buchhandlungen drängen. Dass der Inspecteur wegen der Untreue seiner Frau zunächst Zuflucht im Alkohol sucht, macht die Geschichte noch eine Spur düsterer, wirkt aber im Kontext glaubhaft.

Ein wenig ungelenk wirken hingegen all die Ingredienzen, die den Roman zu einem typischen Regionalkrimi machen. Wenn Gilles Sebag sich zum Nachdenken immer wieder ausgerechnet an touristisch markante Punkte zurückzieht, überlagert seine Faszination für die Region deutlich die Stimmung, in der er sich befindet und wirkt eigentümlich aufgesetzt. Und Beschreibungen wie „Nachdem sie einmal um die Innenstadt von Bayonne herumgefahren waren und die Nive überquert hatten, nahm Gilles jetzt die Brücke über den Adour“ mögen für Ortskundige durchaus sprechend sein, klingen für andere Leser jedoch eher nach genreüblichem Namedropping.

Eigenartig blass bleiben auch die meisten der Kollegen Sebags. Lieutenant Francois Ménards einzige Eigenschaft scheint sein Konkurrenzdenken zu sein, die anderen Mitglieder des Kommissariats Perpignan bleiben weitgehend frei von Individualität. Lediglich Julie Sadet, die Sebag schließlich aus seinem Sumpf befreit, bekommt ein wenig wohltuendes Eigenleben.

Die Wortgefechte, die sich die Kollegen vor allem zu Beginn des Romans liefern, lesen sich amüsant, sind aber zuweilen derart überpointiert, dass sie schon wieder unglaubwürdig wirken.

Insgesamt ist „Rabenschwarzer Winter“ von Philippe Georget aber gut lesbar, thematisch fokussiert und in sich stimmig. Vielleicht weniger geeignet für Liebhaber klassischer Krimis, als für jene, die sich, aus welchen Gründen auch immer, mit der Frage von Treue und Untreue herumschlagen. Frankreichfans kommen ebenfalls auf ihre Kosten, auch wenn diese Geschichte - kaum verändert - überall spielen könnte. Der Tramontana weht durch alle Seiten des Romans. Ein Winterroman eben, wenn auch ein rabenschwarzer.



TitelRabenschwarzer Winter : ein Roussillon-Krimi / Philippe Georget ; aus dem Französischen von Corinna Rodewald
Person(en) Georget, Philippe (Verfasser)
Rodewald, Corinna (Übersetzer)
Originaltitel Georget, Philippe: Méfaits d'hiver
Ausgabe Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch, 1. Auflage
Verlag Berlin : Ullstein
Zeitliche Einordnung Erscheinungsdatum: Oktober 2016
Umfang/Format 475 Seiten ; 19 cm
Andere Ausgabe(n) Kindle eBook
eBook, ePUB
ISBN/Einband/Preis 978-3-548-28848-2 Broschur
3-548-28848-0
EAN 9783548288482
Sprache(n) Deutsch (ger), Originalsprache(n): Französisch (fre)
Sachgruppe(n) Französische Literatur ; Belletristik
Kataloglink Amazon amazon.de/dp/3548288480/


Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Ullstein Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar von Philippe Georgets "Rabenschwarzer Winter" zur Verfügung gestellt hat. Dank auch an vorablesen.de für die Vermittlung!