Mittwoch, April 07, 2010

SWR-Bestenliste April 2010

Platz 1 (-) 49 Punkte

PATRICK MODIANO: Place de l´Étoile

Titel: Place de l'Etoile : Roman / Patrick Modiano.
Aus dem Franz. und mit einem Nachw. von Elisabeth Edl
Autor: Modiano, Patrick ; Edl, Elisabeth [Übers.]
Verleger: München : Hanser
Erscheinungsdatum: 8. März 2010
Umfang/Format: 189 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel: La Place de l'Etoile <dt.>
ISBN: 978-3-446-23399-7
Bestellnummer(n): 505/23399
EAN 9783446233997
Einband/Preis Pp. : EUR 17.90
Mittelschwere Lektüre

Paris 1942: Ein junger Mann, Raphael Schlemilovitch, in Paris zur Zeit des Nationalsozialismus. In seiner fingierten Autobiografie ziehen kaleidoskopartig die Lebensentwürfe der Juden im besetzten Frankreich vorüber: Mal ist er "Kollaborationsjude" und Liebhaber von Eva Braun, mal "Feld-und-Flur-Jude" in der tiefsten Provinz, bald emigriert er mit falschen Papieren und wird der Judenverfolgung dennoch nicht entgehen. Bis er bei Doktor Freud auf der Couch liegt, der dem halluzinierenden Held eine "jüdische Neurose" attestiert. Modianos brillantes Erstlingswerk ist einer der aufregendsten Romane über das von Deutschen besetzte Paris und ein stilistisches Meisterstück zugleich.

Leseprobe beim Hanser Verlag

Platz 2 (-) 48 Punkte

LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI: Seiobo auf Erden

Titel: Seiobo auf Erden : Erzählungen / László Krasznahorkai
Aus dem Ungar. von Heike Flemming
Autor: Krasznahorkai, László ; Flemming, Heike [Übers.]
Verleger: Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungsdatum: 3. März 2010
Umfang/Format: 461 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel: Seiobo járt odalent <dt.>
ISBN: 978-3-10-042204-0
EAN: 9783100422040
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.95
Mittelschwere Lektüre

Seiobo ist eine japanische Göttin, deren Pfirsiche nur alle 3000 Jahre blühen, aber Unsterblichkeit schenken. Der Glaube an solche Geschichten ist uns längst abhanden gekommen, nicht aber ihre Sehnsucht. Ihr geht László Krasznahorkai in seinem neuen Buch nach. Er beobachtet, wie es in jeder Epoche und in allen Kulturen vollkommene Dinge gab und gibt: der im Fluss reglos stehende Reiher, die Grimasse einer No-Maske, die äußerste Nacktheit im Gesicht einer Ikone, die Zerbrechlichkeit einer Buddha-Statue. Seine Helden sind Maler, Schauspieler, Wissenschaftler - Menschen, die erzittern, wenn die Dinge plötzlich die Augen vor uns schließen.

Platz 3 (-) 47 Punkte

IRIS HANIKA: Das Eigentliche

Titel: Das Eigentliche : Roman / Iris Hanika
Autorin: Hanika, Iris
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Graz : Droschl, M
Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
Umfang/Format: ca. 176 S. ; 210 mm x 130 mm
ISBN: 978-3-85420-764-1
Bestellnummer(n): 764
EAN: 9783854207641
Einband/Preis: GB. : EUR 19.00
Leichtere Lektüre

Das Eigentliche ist für jeden etwas anderes. Für Hans Frambach sind es die Verbrechen der Nazizeit, an denen er leidet, seit er denken kann. Darum ist er Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung geworden; nur fragt er sich, ob es nicht an der Zeit für eine andere Arbeit wäre.

Auch für seine beste Freundin Graziela stand die Fassungslosigkeit über diese Vergangenheit im Mittelpunkt bis sie einen Mann kennenlernte, der sie begehrte, und fortan die Begegnung der Geschlechter im Fleische für das Eigentliche hielt; ein Konzept, an dem sie nun zweifelt.

Aber kann man denn den Nationalsozialismus für alles verantwortlich machen? Eigentlich ist es doch ihre Unfähigkeit zum Glück, die Hans und Graziela zu so wunderlichen Gestalten macht. Nur sie selbst halten ihr Unglück nicht für gott-, sondern für nazigegeben.

Zugleich hat auch der Staat, in dem sie leben, sein Eigentliches. Es ist das unausgesetzte Bemühen um Harmlosigkeit seiner Repräsentanten, das allen voran die Bundeskanzlerin vorführt, wenn sie jede Woche übers Internet zu uns spricht. Iris Hanika zeigt, wie die Verbrechen der Nazizeit uns bis heute in ihren Klauen halten, und übersieht dabei nicht, zu welchen Absurditäten die Professionalisierung des Gedenkens führt. Eigentlich ist unsere Hilflosigkeit angesichts dieser Verbrechen das Eigentliche.

Ein Roman über das deutsche Leiden an der Nazi-Vergangenheit, ganz und gar kein historischer Roman also, sondern einer über das Heute. Woher dieses Leiden rührt, ist bestens bekannt, seine Äußerungsformen jedoch sind vielfältig. Darum ist dies zugleich ein Roman über die mittleren Jahre des Lebens, über die Zeit, wenn die Gewissheit abhanden gekommen ist, dass man auf dem richtigen Weg durch die Welt geht, und es ist ein Roman über die Einsamkeit ebenso wie über die Freundschaft.Ein Roman über das deutsche Leiden an der Nazi-Vergangenheit, ganz und gar kein historischer Roman also, sondern einer über das Heute. Woher dieses Leiden rührt, ist bestens bekannt, seine Äußerungsformen jedoch sind vielfältig. Darum ist dies zugleich ein Roman über die mittleren Jahre des Lebens, über die Zeit, wenn die Gewissheit abhanden gekommen ist, dass man auf dem richtigen Weg durch die Welt geht, und es ist ein Roman über die Einsamkeit ebenso wie über die Freundschaft.

Kurze Leseprobe beim Literaturverlag Droschl

Platz 4 (-) 46 Punkte

GEORG KLEIN: Roman unserer Kindheit

Titel: Roman unserer Kindheit / Georg Klein
Autor: Klein, Georg
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Reinbek bei Hamburg : Rowohlt
Erscheinungsdatum: 12. März 2010
Umfang/Format: 445 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-498-03533-4
EAN: 9783498035334
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.95
Mittelschwere Lektüre

Der Gewinner des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse.

Ein scheinbar ewiger Sommer umfängt Neubaublöcke, amerikanische Kasernen, ein verlassenes Wirtshaus unter uralten Kastanien und die Laubenkolonie, wo die Kinder der Neuen Siedlung sich die großen Ferien vertreiben. Langsam, kaum merklich, sickert das Unheimliche ein: Ein Mord wird angekündigt, dann kommen die Boten, buchstäblich aus einer anderen Welt. Und es sieht aus, als könnten sie zumindest eines der Siedlungskinder auf die Nachtseite dieses Sommers hinüberziehen. «Roman unserer Kindheit» ist zugleich ein radikal autobiographisches und magisch-phantastisches Buch, ein Kindheitsroman voll fiebrigem Witz und dunkler Einsicht.

«Ein Geniestreich ist dieser Roman, opak, dicht, verrückt, hässlich und irre schön.»
Ina Hartwig, Die Zeit

Platz 5 (-) 45 Punkte

ALEXANDER PUSCHKIN: Eugen Onegin

Titel: Eugen Onegin : ein Versroman / Alexander Puschkin
Aus dem Russ. von Sabine Baumann unter Mitarb. von Christiane Körner
Vorw. und Einl. von Vladimir Nabokov. Aus dem Engl. von Sabine Baumann
Autor: Puшkin, Aleksandr S. ; Baumann, Sabine [Übers.]
Verleger: Frankfurt, M. ; Basel : Stroemfeld
Erscheinungsdatum: November 2009
Umfang/Format: 294 S. : Ill. ; 20 cm
Gesamttitel: Nabokov, Vladimir V.: Alexander Puschkin, Eugen Onegin
Einheitssachtitel: Evgenij Onegin
ISBN: 978-3-86600-018-6
Einband/Preis: Gewebe in Kassette : EUR 128.00 (Gesamtw.)
Schwierigere Lektüre

1949 begann Nabokov seine bewußt auf Reime verzichtende Übersetzung von Alexander Puschkins Versroman "Jewgenij Onegin". Dazu schrieb Nabokov einen nun erstmals auf deutsch vorgelegten Kommentar. Mit Abstand das zeitaufwendigste und umfangreichste all seiner Werke, ist es zugleich der Höhepunkt seines übersetzerischen Schaffens. Nabokovs Kommentar zu Puschkins Versroman ergänzt alles, was der Leser über Puschkin, die Entstehung, Struktur und Poesie seines Werks sowie über dessen vielfältige literarische, biographische und historische Bezüge wissen muß. Mit seinen geistreichen Ausführungen über Duelle, Dandys, Ballmoden und vieles mehr ist Nabokov eine einzigartige Kulturgeschichte Rußlands gelungen. Zugleich entzieht der kosmopolitische Nabokov Puschin dem nationalistischen Zugriff, indem er ihn überzeugend als europäischen, insbesondere von der französischen Sprache und Literatur geprägten Dichter zeichnet.

Für die vorliegende Ausgabe hat Sabine Baumann Puschkins Originaltext aus dem Russischen in zeilengetreue Prosa übertragen.

Platz 6 (-) 42 Punkte

MARTIN WALSER: Leben und Schreiben - Tagebücher 1974 - 1978

Titel Leben und Schreiben : Tagebücher 1974-1978 / Martin Walser
Person(en) Walser, Martin
Verleger Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr 12. März 2010
Umfang/Format 592 S.; 19 cm
Gesamttitel Rororo
ISBN 978-3-498-07369-5
EAN 978-3498073695
Einband/Preis kart. : EUR 24,95
Schlagwörter Walser, Martin ; Tagebuch 1974-1978
Leichtere Lektüre

Ein Schriftsteller in der Krise: ohne Erfolg, politisch isoliert. Alle Hoffnung liegt auf dem neuen Roman "Jenseits der Liebe". Und dann die Kritik von Marcel Reich-Ranicki, eine Hinrichtung. Martin Walser schreibt um sein "Leben und Schreiben".

«Martin Walsers Tagebücher sind Skizzenbücher eines Sprachartisten und Sprachsüchtigen. Alles im Leben gerät ihm zu glänzenden Sätzen. Ein literarisches Ereignis.»
ZDF Aspekte

Leseprobe beim Rowohlt Verlag

Platz 7 (-) 36 Punkte

MICHAEL LENTZ: Offene Unruh - 100 Liebesgedichte

Titel: Offene Unruh : 100 Liebesgedichte / Michael Lentz
Autor: Lentz, Michael
Verleger: Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 167 S. ; 19 cm
ISBN: 978-3-10-043926-0
EAN: 9783100439260
Einband/Preis: Pp. : EUR 16.95,
Mittelschwere Lektüre

es regnet
das ist unser
hintergrund
wir gehen in deckung
vom regen verstehen
wir
mehr als von uns

Michael Lentz, »unter den wichtigsten jungen deutschen Schriftstellern der rasanteste« (Felicitas von Lovenberg, F.A.Z.), schreibt über die Liebe, als sei noch nie darüber geschrieben worden. Selbstbewusst und subversiv, leidenschaftlich liebeswund, verführerisch, so dass dem Liebenden das tausendfach Gesagte neu erscheint. Wann ist das letzte Mal so ungestüm und offen von der Unruhe, die wir Liebe nennen, gesprochen worden?

Platz 8 (-) 33 Punkte

DON DELILLO: Der Omega-Punkt

Titel: Der Omega-Punkt : Roman / Don DeLillo
Aus dem amerikan. Engl. von Frank Heibert
Autor: DeLillo, Don ; Heibert, Frank [Übers.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungstermin: 22. Februar 2010
Umfang/Format: 110 S. ; 20 cm
Einheitssachtitel: Point omega <dt.>
ISBN: 978-3-462-04192-7
EAN: 9783462041927
Einband/Preis: Pp. : EUR 16.95
Mittelschwere Lektüre

Erscheint weltweit gleichzeitig: der neue Roman von Don DeLillo, dem "aufregendsten Schriftsteller seiner Generation" (Die Zeit).

Ein junger Filmemacher sucht einen ehemaligen geheimen Kriegsberater der amerikanischen Regierung in dessen Haus irgendwo in der kalifornischen Wüste auf. Er hofft, ihn für eine Dokumentation gewinnen zu können. Als die Tochter des älteren Mannes auftaucht, nimmt die Geschichte einen verhängnisvollen Lauf.

Im MoMa in New York betrachtet ein Mann eine Installation: Hitchcocks "Psycho", verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden. Und er betrachtet zwei Männer, einen älteren, einen jüngeren, die sich die Installation anschauen. Schnitt. Mitten in der Wüste, "südlich von Nirgendwo", lebt der dreiundsiebzigjährige Richard Elster in einem einsam gelegenen Haus. Hierher hat er sich zurückgezogen, um über Raum und Zeit nachzudenken. Elster, ein Gelehrter, der sich jahrelang mit dem Thema Auslöschung in all seinen Varianten beschäftigt hat, diente der amerikanischen Regierung während des Irakkriegs zwei Jahre lang als geheimer Berater, er sollte ihre Kriegshandlungen mit einem intellektuellen Referenzrahmen versehen. Als seine Dienste nicht mehr gebraucht werden, zieht er sich in die Wüste zurück. Dort besucht ihn Jim Finley, ein junger Filmemacher, der Elster von seinem Filmprojekt überzeugen möchte: eine Dokumentation ganz ohne Schnitt, nur eine einzige Einstellung: ein Mann - Elster - vor einer Wand. Keine Fragen aus dem Off, keine Regieanweisung. Zwölf Tage schon diskutieren die beiden Männer, als Elsters Tochter Jessie auftaucht, eine junge Frau aus New York, die die Dynamik der ganzen Geschichte grundlegend verändert. Etwas Unfassbares geschieht, und alles Gesagte wird in Frage gestellt.

"Der Omega-Punkt" ist ein tief verstörendes, brillantes Werk über Verlust und Verschwinden von einem der größten Schriftsteller der Gegenwart. Die deutsche Übersetzung erscheint zeitgleich mit der amerikanischen Originalausgabe.

Leseprobe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

"Dieses Projekt DeLillos ist kein stolzgeschwellter, wortreicher Marsch durch die Geschichte, sondern ein mürbes, spinnwebenzartes Alterswerk, ein stilles Kauern am Rand." (Elke Schmitter)

Der Roman ist mittlerweile auch als Hörbuch erschienen:
3 CDs, 214:38min
Verlag: Parlando Edition Christian Brückner
Erscheinungsdatum: 22. Februar 2010
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3941004123
ISBN-13: 978-3941004122

Platz 9-10 (-) 25 Punkte

JAN FAKTOR: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder: Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag

Titel: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag : Roman / Jan Faktor
Autor: Faktor, Jan
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 18. März 2010
Umfang/Format: 636 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-462-04188-0
EAN: 9783462041880
Einband/Preis: Pp. : EUR 24.95
Leichtere Lektüre

Ein ödipales Vergnügen - Faktors erotischer Entwicklungsroman über Widerstände, Schmutz und Schönheit. Georg wächst in der schönsten Wohngegend Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomversuche und später des Reformversuchs von '68. Zwischen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter bleibt ihm nur die Flucht nach vorn. Das sozialistische Prag hat in den Jahren von Georgs Jugend seinen Glanz verloren. In einer Stadt voller gewalttätiger Müllmänner, 50-ccm-Motorradcowboys, sexbesessener Fremdgänger und vieler anderer unsozialistischer Elemente nutzt Georg alle sich bietenden Freiräume, um auszubrechen: Er experimentiert mit hochexplosiven Substanzen, verbringt die Nachmittage mit wilden Jugendcliquen und findet im Kreis der Familie schließlich auch eine Geliebte. In einer Gesellschaft, die von den Rändern her vergammelt und sich von innen auflöst, bekommt das Körperliche eine befreiend-subversive Bedeutung. Georg mobilisiert alle Kräfte, um neben der Mutter auch dem stickig-klebrigen Vaterhaushalt zu entkommen, in dem er seine verhassten Wochenenden verbringen muss. Als er nach der Okkupation des Landes den kulturellen Niedergang miterlebt und sich der Prager Dissidentenszene nähert, wird ein geschasster Intellektueller, der sich trotz seiner Blindheit wie ein Sehender in der Stadt bewegt, zu seinem Wunschvater.

Georg macht sich seit seiner frühen Kindheit Sorgen um seine Vergangenheit, seiner hellen glücklichen Zukunft ist er sich aber völlig sicher. Die Frage, ob er wirklich glücklich werden wird, beantwortet sich bei einer zufälligen, aber nicht wirklich vermeidbaren Begegnung auf der Straße.

Indem Jan Faktor Georg selbst erzählen lässt, macht er das Erzählen zu einem zweiten subversiven Akt - und führt damit den Entwicklungs- und den Gesellschaftsroman zusammen. So entstehen ein vor Witz strotzendes Psychogramm einer Familie und ein hellsichtiges Porträt einer Stadt.

„Es ist die allgegenwärtige Wehmut, von der die weise Komik dieses Coming-of-Age-Romans kündet, eine Empfindsamkeit, die nicht ausgestellt wird, aber durchschimmert und die Groteske vor dem Leerlauf rettet.” (Felicitas von Lovenberg)

Leseprobe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

Platz 9-10 (2) 25 Punkte

MARTIN WALSER: Mein Jenseits

Titel: Mein Jenseits : Novelle / Martin Walser
Autor: Walser, Martin
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Berlin Univ. Press
Erscheinungsdatum: 4. Februar 2010
Umfang/Format: 119 S. ; 22 cm
ISBN: 978-3-940432-77-3
EAN: 9783940432773
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.90
Mittelschwere Lektüre

Augustin Finli, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, weiß, was Älterwerden bedeutet. Ab dreiundsechzig hat er mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört und sein Lebenscredo gefunden: »Glauben heißt lieben.« Scherblingen war bis 1803 ein Kloster. Der letzte Abt war ein Vorfahr von Augustin Finli. Der hat, als er noch ein junger Arzt war, ein Seminar besucht, um sein Latein zu verbessern. Im Seminar unangefochtene Beste war Eva Maria Gansloser. Die beiden sind dann so gut wie verlobt. Aber Eva Maria heiratet den Grafen Wigolfing, der an der Eiger Nordwand erfriert. Darauf heiratet sie den 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer. Das erregende Moment: Dr. Bruderhofer ist Oberarzt unter Augustin Finli. Eva Maria schickt gelegentlich Postkarten, die Finli sagen sollen, sie könne ihn so wenig vergessen wie er sie. Kann er das glauben? Er glaubt es. »Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.« So Finli. Und: »Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.« Das wird zu Finlis Daseinsgefühl. Der Vorfahr hat geschrieben, es sei nicht wichtig, ob die Reliquien, an die die Menschen glauben, echt sind. Augustin Finlis Jenseits entsteht durch Glaubensleistungen. Und vom Vorfahr hat er gelernt: »Wir glauben mehr als wir wissen.« Das ist der Kernsatz dieser Lebensgeschichte. Kant hat eingesehen, dass die Vernunft nur begreife, was sie selber hervorgebracht hat. Das gewaltige Andere schaffen wir dadurch, dass wir glauben. Es ist ein heftiges Credo, das aus dieser Lebensgeschichte tönt. In der Musik, in der Malerei, überhaupt in der Kunst ist dieses Credo die Voraussetzung der Kreativität.

Ein Audiobuch ist geplant. Offizieller Erschienungstermin war der 2. März. Bis jetzt ist das Audiobuch jedoch nicht lieferbar. Hier die Bestelldaten:
2 CD und Booklet
Verlag: Berlin University Press
Vollständige Lesung
Sprecher: Martin Walser
Auflage: 1
Offizieller Erscheinungstermin: 2. März 2010
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3940432865
ISBN-13: 978-3940432865


Persönliche Empfehlung im April von Kirsten Voigt (Baden-Baden):

Leonora Carrington: Die Windsbraut – Bizarre Geschichten

Titel: Die Windsbraut : bizarre Geschichten / Leonora Carrington
Hrsg., aus dem Franz., dem Engl. und Span. übers. und mit einem Nachw. vers. von Heribert Becker
Autorin: Carrington, Leonora ; Becker, Heribert [Hrsg.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Hamburg : Ed. Nautilus
Erscheinungsdatum: 26. August 2009
Umfang/Format: 255 S. : Ill. ; 17 cm
Gesamttitel: Kleine Bücherei für Hand und Kopf ; Bd. 61
ISBN: 978-3-89401-602-9
EAN: 9783894016029
Einband/Preis: kart. : EUR 14.90
Schlagwörter: Erzählung ; Anthologie

Dieser Band ist der letzten lebenden Surrealistin gewidmet. In »Bizarren Geschichten« aus den dreißiger bis achtziger Jahren kein anderes Buch der Künstlerin versammelt Werke aus einer solchen Zeitspanne erzählt Leonora Carrington traumhafte, eindringliche, wundersame Begebenheiten. Die meisten Erzählungen liegen hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vor. Ausgewählte Gemälde der Künstlerin illustrieren ihr Schreiben.

"Wenn gilt, dass das Schöne nur des Schrecklichen Anfang ist – und auch das Gegenteil hiervon –, dann in den bösen, wilden, komischen und farbenprächtigen Geschichten der Leonora Carrington. Die 1917 geborene Künstlerin hat die Erziehungsversuche ihres Vaters, den Surrealismus und den Wahnsinn überlebt und dies und mehr zu faszinierenden Phantasmagorien verarbeitet, von denen hier einige erstmals auf Deutsch erscheinen. Sie zeigen, dass wir nicht vor der Wildnis und unserem Begehren beschützt werden müssen, sondern vor den Psychosen der Zivilisation." (Kirsten Voigt)

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Die Bestenliste im Internet:
http://www.SWR.de/bestenliste

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