Freitag, April 30, 2010

SWR Bestenliste Mai 2010

Platz 1 (-) 102 Punkte

MAX FRISCH : Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Titel: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch / Max Frisch
Hrsg. und mit einem Nachw. von Peter von Matt
Autor: Frisch, Max ; Matt, Peter von [Hrsg.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 05.04.2010
Umfang/Format: 212 S. ; 19 cm
ISBN: 978-3-518-42130-7
Bestellnummer(n): 42130
EAN: 9783518421307
Einband/Preis: Pp. : EUR 17.80

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Im August 2009 meldeten die Feuilletons eine Sensation: In einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teil des Max-Frisch-Archivs in Zürich war das Typoskript eines bisher unbekannten Werks des Schweizer Autors gefunden worden: 184 Seiten, von Frisch auf Tonband diktiert, von seiner Sekretärin in die Maschine getippt. Der Autor selbst hatte auf der Titelseite notiert: »Tagebuch 3. Ab Frühjahr 1982«. Max Frisch lebte zu dieser Zeit in New York, zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Alice Locke-Carey, bekannt als »Lynn«. aus der Erzählung Montauk. Ihr ist das Tagebuch 3 gewidmet, und vermutlich fällt das abrupte Ende der Aufzeichnungen Mitte der achtziger Jahre mit der Trennung von der Amerikanerin zusammen. Die USA und die Schweiz, die Reagan-Administration und das belastete Verhältnis zu der um vieles jüngeren Frau, der Kalte Krieg und der Krebstod eines engen Freundes: Wie die beiden legendären, 1950 und 1972 erschienenen Tagebücher verzeichnet auch das Tagebuch 3 Augenblicksnotizen neben längeren reflexiven Passagen - und hebt das scheinbar flüchtig hingeworfene Notat in den Rang des Literarischen: »Es gibt in Amerika alles - nur eins nicht: ein Verhältnis zum Tragischen.«.

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Platz 2 (-) 100 Punkte

HANS JOACHIM SCHÄDLICH: Kokoschkins Reise

Titel: Kokoschkins Reise : Roman / Hans Joachim Schädlich
Autor: Schädlich, Hans Joachim
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Reinbek bei Hamburg : Rowohlt
Erscheinungsdatum: 2010
Umfang/Format: 188 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-498-06401-3
EAN: 9783498064013
Einband/Preis: Pp. : EUR 17.95
Schlagwörter: Naturwissenschaftler ; Alter ; Schiffsreise ; Erinnerung ; Auswanderung ; Belletristische Darstellung

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Der Exilrusse Fjodor Kokoschkin kehrt auf der Queen Mary 2 von einer Reise an die Orte seiner Kindheit und Jugend nach New York zurück. Seine Erinnerungen rufen die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Verfolgungen, Schicksalen und Emigrationen wach ...

Eine Jahrhundertgeschichte der Extreme, gebündelt in einer Biographie: die bolschewistische Revolution treibt den jungen Kokoschkin aus dem Land, dann kommen die Nazis in Deutschland an die Macht, ihm gelingt die Flucht in die USA, dann Prag, der Frühling und der Einmarsch der Sowjets. Die Gewalten wechseln - nur einer bleibt sich treu im Glauben an Freiheit mit menschlichem Maß: Kokoschkin.

«Hans Joachim Schädlich ist der grosse Lakoniker unter den deutschen Gegenwartsautoren.» (Die Zeit)

Leseprobe beim Rowohlt Verlag

Platz 3 (7) 50 Punkte

MICHAEL LENTZ: Offene Unruh - 100 Liebesgedichte

Titel: Offene Unruh : 100 Liebesgedichte / Michael Lentz
Autor: Lentz, Michael
Verleger: Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungsdatum: 2010
Umfang/Format: 167 S. ; 19 cm
ISBN: 978-3-10-043926-0
EAN: 9783100439260
Einband/Preis: Pp. : EUR 16.95

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es regnet
das ist unser
hintergrund
wir gehen in deckung
vom regen verstehen
wir
mehr als von uns

Michael Lentz schreibt über die Liebe, als sei noch nie darüber geschrieben worden. Selbstbewusst und subversiv, leidenschaftlich liebeswund, verführerisch, so dass dem Liebenden das tausendfach Gesagte neu erscheint. Wann ist das letzte Mal so ungestüm und offen von der Unruhe, die wir Liebe nennen, gesprochen worden?

Platz 4-5 (9-10) 25 Punkte

JAN FAKTOR: Georgs Sorgen um die Vergangenheit

oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag

Titel: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag : Roman / Jan Faktor
Autor: Faktor, Jan
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 2010
Umfang/Format: 636 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-462-04188-0
EAN: 9783462041880
Einband/Preis: Pp. : EUR 24.95

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Ein ödipales Vergnügen - Faktors erotischer Entwicklungsroman über Widerstände, Schmutz und Schönheit. Georg wächst in der schönsten Wohngegend Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomversuche und später des Reformversuchs von '68. Zwischen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter bleibt ihm nur die Flucht nach vorn.

Das sozialistische Prag hat in den Jahren von Georgs Jugend seinen Glanz verloren. In einer Stadt voller gewalttätiger Müllmänner, 50-ccm-Motorradcowboys, sexbesessener Fremdgänger und vieler anderer unsozialistischer Elemente nutzt Georg alle sich bietenden Freiräume, um auszubrechen: Er experimentiert mit hochexplosiven Substanzen, verbringt die Nachmittage mit wilden Jugendcliquen und findet im Kreis der Familie schließlich auch eine Geliebte. In einer Gesellschaft, die von den Rändern her vergammelt und sich von innen auflöst, bekommt das Körperliche eine befreiend-subversive Bedeutung. Georg mobilisiert alle Kräfte, um neben der Mutter auch dem stickig-klebrigen Vaterhaushalt zu entkommen, in dem er seine verhassten Wochenenden verbringen muss. Als er nach der Okkupation des Landes den kulturellen Niedergang miterlebt und sich der Prager Dissidentenszene nähert, wird ein geschasster Intellektueller, der sich trotz seiner Blindheit wie ein Sehender in der Stadt bewegt, zu seinem Wunschvater.

Georg macht sich seit seiner frühen Kindheit Sorgen um seine Vergangenheit, seiner hellen glücklichen Zukunft ist er sich aber völlig sicher. Die Frage, ob er wirklich glücklich werden wird, beantwortet sich bei einer zufälligen, aber nicht wirklich vermeidbaren Begegnung auf der Straße.

Indem Jan Faktor Georg selbst erzählen lässt, macht er das Erzählen zu einem zweiten subversiven Akt - und führt damit den Entwicklungs- und den Gesellschaftsroman zusammen. So entstehen ein vor Witz strotzendes Psychogramm einer Familie und ein hellsichtiges Porträt einer Stadt.

"Es ist die allgegenwärtige Wehmut, von der die weise Komik dieses Coming-of-Age-Romans kündet, eine Empfindsamkeit, die nicht ausgestellt wird, aber durchschimmert und die Groteske vor dem Leerlauf rettet." (Felicitas von Lovenberg)

Leseprobe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

Platz 4-5 (-) 40 Punkte

KATHRIN RÖGGLA: die alarmbereiten

Titel: Die Alarmbereiten / Kathrin Röggla
Autorin: Röggla, Kathrin
Verleger: Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungsdatum: 3. März 2010
Umfang/Format: 188 S. : Ill. ; 21 cm
ISBN: 978-3-10-066061-9
EAN: 9783100660619
Einband/Preis: Pp. : EUR 18.95

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Sind wir die Helden in einem Katastrophenfilm? In sieben Prosastücken erzählt Kathrin Röggla von der Bedrohung und der Magie einer Welt in Alarmbereitschaft. Brennende Wälder, fliehende Tiere, Panikeinkäufe. Experten, Schaulustige und Beteiligte stieren auf die Katastrophe. Und fragen sich: "hat man jetzt überlebt?". Entwarnung wird nicht gegeben. Eine Welt im Ausnahmezustand: Finanzkrise, Klimakatastrophe, Entführungsfälle- das Leben wird zum Worst-Case-Szenario. Und dadurch dramatisch. Eine gespenstische Hetzjagd. Oder sind diese Panikszenen eine große Fiktion? Kennen wir diese bedrohlichen Sicherheitslücken, spektakulären Rettungsaktionen und exklusiven Berichterstattungen nicht aus den Filmen des Hollywood-Kinos? Sind wir die Helden in einem Katastrophenfilm? Kathrin Röggla spielt diese Katastrophen-Szenen durch und entlarvt ihre Dramaturgie. In acht Prosastücken erzählt sie von der Bedrohung und der Magie einer Welt in Alarmbereitschaft. Schlau und gewitzt führt sie uns die trügerischen und verführerischen Geschichten unserer panischen Gegenwart vor Augen.

Leseprobe beim Verlag S. Fischer

Platz 6 (-) 35 Punkte

GERD FUCHS: Heimwege

Titel: Heimwege / Gerd Fuchs
Autor: Fuchs, Gerd
Ausgabe: Orig.-Veröff., 1. Aufl.
Verleger: Hamburg : Ed. Nautilus
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 250 S. ; 22 cm
ISBN: 978-3-89401-721-7
EAN: 9783894017217
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.90
Schlagwörter: Fuchs, Gerd ; Autobiographie

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Der heute 77-jährige Schriftsteller mit seinen ersten autobiographischen Texten. So persönlich hat Gerd Fuchs noch nie erzählt. Im Rückblick auf sein Leben kristallisieren sich einzelne Geschichten heraus, die eine Autobiografie aus Momentaufnahmen ergeben. Geschichten, prägende Lebensaus- und abschnitte: die Kriegs- und Nachkriegszeit, die Fliegerangriffe, die beginnende Liebe zur Literatur, der Auftritt bei der Gruppe 47. Idyllisch, komisch, ironisch, bitter oder milde sind die Erinnerungen, die immer auch ein Stück Zeitgeschichte sind. Ein poetischer Rückblick auf das Werden eines Schriftstellers.

«Fuchs erzählt in einer Sprache, die ihre Spannung aus ihrer syntaktischen Beweglichkeit gewinnt, durch Kontradiktion, durch Lakonie, auch Ironie, vor allem aber durch dieses Nachdenken, durch die Genauigkeit in der Beschreibung, dieses Staunen über die Menschen.» (Uwe Timm, Laudatio zur Verleihung des Italo-Svevo-Preises an Gerd Fuchs)

Leseprobe bei der Edition Nautilus

Platz 7-8 (-) 33 Punkte

TOM DRURY: Das Ende des Vandalismus

Titel: Das Ende des Vandalismus : Roman / Tom Drury
Aus dem Amerikan. von Gerhard Falkner und Nora Matocza
Autor: Drury, Tom ; Falkner, Gerhard [Übers.]
Verleger: Stuttgart : Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 399 S. : Kt. ; 21 cm
Originaltitel: The end of vandalism
ISBN: 978-3-608-93703-9
EAN 9783608937039
Einband/Preis Pp. : EUR 21.90
Schlagwörter Mittlerer Westen ; Dieb ; Ehefrau ; Sheriff ; Dreierbeziehung ; Belletristische Darstellung

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Der Gelegenheitsdieb Tiny Darling wird von seiner Frau Louise nach sieben Jahren Ehe vor die Tür gesetzt. Sie beginnt eine Affäre mit dem örtlichen Sheriff Dan Norman, einem einfachen Mann mit starken Prinzipien, dem die Machenschaften Darlings schon lange ein Dorn im Auge sind.

Doch nicht nur sein Job, auch die Beziehung mit der undurchschaubaren Louise rauben dem Gesetzeshüter den Schlaf. Als Louise schließlich eine Fehlgeburt erleidet und Tiny Darling Dans Wiederwahl mit seinen kriminellen Intrigen vereiteln will, muss der Sheriff endlich handeln - die Frage ist nur, wie ...

Tom Drury skizziert in Das Ende des Vandalismus ein liebevoll realistisches Bild der amerikanischen Provinz und schildert dabei amüsant und lakonisch die Absurditäten einer Dreiecksbeziehung zwischen Alltag, Leidenschaft und Verbrechen.

"Siebzig Personen zählt der Abspann von Drurys extrem entschleunigtem Heimatroman auf. Siebzig Personen irren mehrere Jahre lang durchs Labyrinth von Grafton und Umgebung. Sie tauchen auf. Sie verschwinden wieder. (...) Sie träumen. Sie schlafwandeln. Während sich ihre Welt verändert." (Elmar Krekeler)

Leseprobe beim Verlag Klett-Cotta

Platz 7-8 (2) 33 Punkte

LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI: Seiobo weilte auf Erden

Titel: Seiobo auf Erden : Erzählungen / László Krasznahorkai
Aus dem Ungar. von Heike Flemming
Autor: Krasznahorkai, László ; Flemming, Heike [Übers.]
Verleger: Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungsdatum: 3. März 2010
Umfang/Format: 461 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel: Seiobo járt odalent
ISBN: 978-3-10-042204-0
EAN: 9783100422040
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.95

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Seiobo ist eine japanische Göttin, deren Pfirsiche nur alle 3000 Jahre blühen, aber Unsterblichkeit schenken. Der Glaube an solche Geschichten ist uns längst abhanden gekommen, nicht aber ihre Sehnsucht. Ihr geht László Krasznahorkai in seinem neuen Buch nach. Er beobachtet, wie es in jeder Epoche und in allen Kulturen vollkommene Dinge gab und gibt: der im Fluss reglos stehende Reiher, die Grimasse einer No-Maske, die äußerste Nacktheit im Gesicht einer Ikone, die Zerbrechlichkeit einer Buddha-Statue. Seine Helden sind Maler, Schauspieler, Wissenschaftler - Menschen, die erzittern, wenn die Dinge plötzlich die Augen vor uns schließen.

Platz 9 (-) 30 Punkte

WARLAM SCHALAMOW: Künstler der Schaufel

Titel: Künstler der Schaufel/Warlam Schalamow
Autor: Schalamow, Warlam; Gabriele Leupold (Übersetzer) Verlag: Matthes & Seitz Verlag
Umfang: 603 Seiten
Preis: 29,90 Euro
Auflage: 1. Aufl.
Erscheinungsdatum: März 2010

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Nach »Durch den Schnee« und »Linkes Ufer« erscheint nun der dritte Band der »Erzählungen aus Kolyma«. Er enthält zwei Zyklen des monumentalen Werks Warlam Schalamows. Wieder entführt er den Leser in die erbarmungslose Welt der sibirischen Lager und erzählt die Geschichte der Besiegten. Im Mittelpunkt steht in diesem dritten Band die meisterhaft geschilderte Ganovenwelt im Lager, ihr Alltag, ihre Sprache, ihre Sitten und ihr Verhältnis zu den politischen Gefangenen. Die illusions- und schonungslose literarische Analyse einer geschlossenen Gesellschaft, die niemand unbeschadet überlebt.

Platz 10 (-) 26 Punkte

JULIAN BARNES: Nichts, was man fürchten müsste

Titel Nichts, was man fürchten müsste / Julian Barnes
Aus dem Engl. von Gertraude Krueger
Autor: Barnes, Julian ; Krueger, Gertraude [Übers.]
Verleger: Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 332 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel: Nothing to be frightened of
ISBN: 978-3-462-04186-6
EAN: 9783462041866
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.95

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"Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn."

Julian Barnes, brillant, geistreich und witzig wie immer, setzt sich mit einem Thema auseinander, das jeden ein Leben lang betrifft. Es geht um unsere Sterblichkeit, um provozierende Gedanken und aufrüttelnde Ereignisse auf dem Weg zum Ende. Eigentlich müsste man sich nicht davor fürchten. Wirklich nicht?

"Was soll eigentlich dieses ganze Tamtam um den Tod?", fragt nüchtern Julian Barnes' Mutter. Aber ihr Sohn kann deshalb oft nicht schlafen: "Ich erklärte ihr, mir widerstrebe eben der Gedanke daran." Die Angst vor dem Tod treibt Julian Barnes seit seiner Jugend um, immer wieder umkreist er das Thema in seiner ganzen Unerbittlichkeit und Hoffnungslosigkeit, denn er glaubt nicht an Gott, vermisst ihn aber. Neugierig und um Erkenntnis bemüht sucht er in der Kunst und in der Literatur, in den Naturwissenschaften und in der Musik nach Antworten. Doch Julian Barnes ist Romancier, deshalb entwickelt er seine Gedanken aus Personen und Handlung. Und so erzählt er auch die anekdotenreiche Geschichte vom Leben und Sterben der sehr britisch zugeknöpften Familie Barnes - von den originellen Großeltern, der herrischen Mutter, dem in sich gekehrten Vater, dem besserwisserischen Philosophen-Bruder und dem belesenen, an den Künsten interessierten Julian. Seine wahren Angehörigen und Vorfahren sind für Julian Barnes allerdings nicht die Mitglieder einer englischen Lehrerfamilie, sondern Schriftsteller und Komponisten wie Stendhal, Flaubert und Strawinsky. Mit ihnen erörtert er scharfsinnig und verängstigt, flapsig und tröstlich, ironisch und ernsthaft die Angst vor dem Treppenlift, den Blick in den Abgrund, das Wie und Wo und Wann. Und hat ein aufregendes Buch geschrieben.

»Das witzigste, bewegendste und offenherzigste Buch über den Tod, das man sich vorstellen kann.«
Michael Maar, FAZ

Leseprobe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

Persönliche Empfehlung im Mai von Wolfgang Werth (München):

CHRISTOPH D. BRUMME: Auf einem blauen Elefanten

Titel: Auf einem blauen Elefanten : 8353 Kilometer von Berlin an die Wolga und zurück / Christoph D. Brumme
Autor: Brumme, Christoph D.
Verleger: Berlin : Dittrich
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 250, XXIV S. : Ill., Kt. ; 22 cm
ISBN: 978-3-937717-32-6
EAN: 9783937717326
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.80
Schlagwörter: Osteuropa ; Radwandern ; Reisebericht 2007

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Mit einem ganz normalen Tourenfahrrad macht sich Christoph D. Brumme im Mai 2007 auf den Weg nach Saratov in Russland. Viel zu gefährlich!, warnen ihn Freunde und Bekannte, Russen, Ukrainer und Deutsche. Doch Brumme möchte die unbekannte Wirklichkeit erforschen. Er träumt davon, in der Wolga zu schwimmen, im Mondschein in der Steppe zu schlafen und sich das Rauchen abzugewöhnen.

Nach acht Tagen durch Polen erreicht er die ukrainische Grenze. Es zieht ihn dorthin, wo mehr Nutz- als Zierpflanzen in den Gärten stehen."Die Leute mit den Nutzpflanzen sind die besseren Erzähler. Die Zierpflanzen-Besitzer verfügen über ein Konto, sie haben Kaufverträge abgeschlossen, und bei ihnen kann man viel kaputt oder schmutzig machen.

Das wirkt sich auf die Bereitschaft zum Erzählen aus."Bald trifft er auch frühmorgens die "Räuber und Banditen": Sie arbeiten im Regen auf den Feldern und tragen Stützstrümpfe und Hörgeräte aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die größte Entdeckung sind jedoch die Buswartehäuschen. Seit Jahrzehnten werden sie mit Mosai-ken gestaltet, eines schöner als das andere. Er fotografiert die farbenfrohen Zeugen der Geschichte und diskutiert mit Passanten über die sowjetische Zeit.

Das Diktiergerät hat Brumme sich um den Hals gehängt, so kann er Einfälle und Beobachtungen auch während des Fahrens festhalten. Er arbeitet als Tellerwäscher und in einer Brigade von Bauarbeitern, trifft weise Offiziere und einen Drogenfahnder, er lernt ein betrunkenes Dorf kennen. Er wird eingeladen, beschenkt und bestaunt. Das Radfahren wird zunehmend zu einem Rausch. Brumme hält sich selbst und den Ziegen am Wegrand Vorträge, denkt über das Schreiben nach und erinnert sich an Schachpartien. Wer mit ihm reist, wird reich belohnt. Die vielen Begegnungen fügen sich zu einem farbigen Porträt der Länder in der "Schwarzen Mitte Europas", über die wir Westeuropäer noch viel zu wenig wissen.

Anhand von Übersichtskarten kann der Leser die einzelnen Etappen der Tour de Wolga nachvollziehen.

Eine Auswahl der Buswartehäuschen wird auf einem farbigen Innenteil dokumentiert.

"Dieses lebendige, nur scheinbar rasch hingeschriebene Tagebuch nimmt einen mit auf die lange Fahrrad- und Erfahrungstour, die der kontaktfreudige Solist Brumme im Sommer 2007 absolviert hat. Zweieinhalb Monate ist er mit seinem 'blauen Elefanten' von Berlin nach Saratov unterwegs gewesen, in 14 strapaziösen Tagen auf anderer Route zurückgestrampelt. Der Lohn der Anstrengung: vor allem viele nachwirkende Begegnungen mit gastfreundlichen (meist auch trinkfesten) Menschen und, nicht zuletzt, die Fotos der mit Mosaikbildern ausgestatteten Buswartehäuschen - Sowjet-Kuriosa, die ihr Entdecker als Kulturerbe würdigt." (Wolfgang Werth)

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