Mittwoch, Juni 30, 2010

SWR Bestenliste Juli/August 2010

Platz 1 (-) 65 Punkte

MARIE NDIAYE : Drei starke Frauen

Titel: Drei starke Frauen : Roman / Marie NDiaye
Aus dem Franz. von Claudia Kalscheuer
Autorin: NDiaye, Marie ; Kalscheuer, Claudia [Übers.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Suhrkamp
Erscheinungstermin: 21. Juni 2010
Umfang/Format: 341 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel: Trois femmes puissantes [dt.]
ISBN: 978-3-518-42165-9
Bestellnummer(n): 42165
EAN: 9783518421659
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.90
Schlagwörter: Frau ; Lebensplan ; Änderung ; Belletristische Darstellung
Sachgruppe(n): Französische Literatur ; Belletristik
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Den neuen Roman der »ungewöhnlichsten Schriftstellerin Frankreichs« beschrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in den knappen und präzisen Worten: Er handle »von drei vollkommen unterschiedlichen Frauen, die sich von den Schwierigkeiten des Lebens nicht unterkriegen und von ihren Mitmenschen nicht demütigen lassen«.

Die vierzigjährige Norah gibt dem Drängen ihres Vaters nach und besucht ihn in Dakar: Die Juristin soll ihren Bruder aus dem Gefängnis holen. Das schwierige Treffen mit dem Vater führt die Frau an den Rand des Wahnsinns. Fanta hat im Unterschied zu Norah Dakar verlassen, um ihrem Ehemann Rudy in die französische Provinz zu folgen. Sie gibt sich dort vor Langeweile auf, so meint Rudy, durch dessen Perspektive wir von Fanta erfahren - doch ihm entgeht Entscheidendes. Von Afrika aus betrachtet erscheint ihre Existenz geradezu luxuriös und begehrenswert, weshalb Khady, die junge Afrikanerin, illegal nach Frankreich einzuwandern sich bemüht - doch sie endet, tot, an Grenzen. Drei Lebensläufe, drei starke Frauen, die ihre Würde verteidigen, indem sie sich im entscheidenden Moment weigern, so zu handeln, wie es die Umgebung verlangt: drei Frauen, die selbst in extremster Situation ihre Würde verteidigen.

"Drei eigenständige Geschichten, die alle vom Exil, von Afrika, von Verrat und Gewalt erzählen. (...) Marie NDiaye erzählt eine afrikanische Tragödie mit ihrer unverstellten und melodiösen Stimme, für deren Schönheit es in der deutschen Gegenwartsliteratur im Moment keinen Vergleich gibt." (Iris Radisch)

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Platz 2 (-) 60 Punkte

MAIKE ALBATH: Der Geist von Turin

Titel: Der Geist von Turin : Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943 / Maike Albath
Autorin: Albath, Maike
Verleger: Berlin : Berenberg
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 189 S. : Ill. ; 23 cm
Anmerkungen: Literaturangaben
ISBN: 978-3-937834-37-5
EAN: 9783937834375
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.00
Schlagwörter: Pavese, Cesare ; Ginzburg, Leone ; Ginzburg, Natalia ; Einaudi, Giulio ; Giulio Einaudi Editore ; Geschichte
Italien ; Gesellschaft ; Literarisches Leben ; Geschichte 1932-1955
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In Mussolinis Italien, im Schatten der Fabriken von Fiat und Olivetti, begegneten sich in den Dreißiger Jahren in Turin ein paar gebildete junge Leute. Sie gründeten Zeitschriften und Verlage, schrieben kritische Artikel, nahmen Verbannung und Gefängnis auf sich und fühlten sich als Avantgarde. Und das waren sie: Aus dem Kreis um Cesare Pavese, Leone und Natalia Ginzburg und den Verlag Einaudi kam jener Geist, der nach 1945 das Klima intellektueller Freiheit in Italien wesentlich geprägt hat. Maike Albath, die Italien kennt und liebt, beschwört in ihrem Buch die Stadt in der diese stolze Episode aus Italiens jüngerer Vergangenheit ihren Lauf nahm, und ihre einmalige geistige Landschaft. Selten haben Intellektuelle einen so nachhaltigen Einfluss auf die Geschicke eines ganzen Landes genommen.

„Wer noch einmal einen Eindruck davon bekommen will, wie sich die literarische Intelligenz souverän zur politischen Macht verhält, wie sie im ästhetischen Modus geschichtsmäßig sein kann, wie sich Politik, Ökonomie und Kunst durchdringen über Ideen, Personen, Geschichten, in einer bedeutenden europäischen Stadt, der ist mit dem Maike Albaths Buch und dem darin verwobenen Geist von Turin gut beraten. Es ist narrative Geschichtsschreibung, der Mut machenden Art, selbst wenn man vom Ende des Prozesses her schaut und weiß, wer Italien heute regiert und wer das große Verlagshaus Einaudi, das wiederentdeckte kulturelle Kraftwerk, besitzt. (Hubert Winkels)

Leseprobe beim Berenberg Verlag

Platz 3-4 (-) 52 Punkte

OLGA MARTYNOVA: Sogar Papageien überleben uns

Titel: Sogar Papageien überleben uns : Roman / Olga Martynova
Autorin: Martynova, Olga B.
Verleger Graz ; Wien : Literaturverlag Droschl
Erscheinungstermin: 29. Januar 2010
Umfang/Format: 199 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-85420-765-8
Bestellnummer(n): 765
EAN: 9783854207658
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.00
Schlagwörter: Deutschland ; Kulturkontakt ; Germanistin ; Russin ; Geschichte 1900-2006 ; Belletristische Darstellung
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Buch ansehen bei amazon.de Marina stammt aus Petersburg und ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht. Außerdem ist da ein Mann, der als Russisch-Student in Leningrad lebte und mit dem sie damals, vor 20 Jahren, eine Liebesgeschichte lebte. Die Vergangenheit ist nicht vergangen – und das gilt nicht nur für diese private Geschichte: »Ich habe Angst vor den Geheimnissen der Zeit.« Ein ganzes Jahrhundert (und manchmal auch darüber hinaus) passiert in den Assoziationen Marinas Revue, und nirgendwo sonst ist dieses letzte Jahrhundert vielfältiger, durch gewaltige Brüche im Sozialsystem fragmentierter gewesen als in Russland: vom Zarenreich über die Revolution, die Sowjetunion, die Weltkriege, die Belagerung Leningrads durch die Deutschen, die Perestrojka ...

Olga Martynova, Lyrikerin und Essayistin, fächert in ihrem ersten (und auf Deutsch geschriebenen) Roman mit bezaubernder Leichtigkeit das Schwierigste vor uns auf: die vielen Seiten der Vergangenheit, den »Grünspan der Zeit«, dieses Gleiten von Positionen und Ansichten, das nur die Literatur vermitteln kann. Wir lesen nicht nur von den literarischen Avantgardisten rund um Charms und Vvedenskij, wir erfahren auch von Hippies und Landkommunen in Innerasien, von Autostop-Reisen nach Sibirien und vom buddhistischen Kloster mit dem unverweslichen Lama. Martynovas genauer Blick fördert aber auch überraschende Beobachtungen an ihrer deutschen Umgebung zutage, an diesem an deutsch-russischen Kulturverbindungen interessierten Publikum ...

Textauszug beim Literaturverlag Droschl

Platz 3-4 (2) 52 Punkte

RICHARD YATES: Ruhestörung

Titel: Ruhestörung : Roman / Richard Yates
Aus dem Engl. von Anette Grube
Autor: Yates, Richard ; Grube, Anette [Übers.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: München : Dt. Verl.-Anst.
Erscheinungstermin: 12. April 2010
Umfang/Format: 315 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel: Disturbing the peace [dt.]
ISBN: 978-3-421-04393-1
EAN:: 9783421043931
Einband/Preis Pp. : EUR 19.95
Schlagwörter: Geschäftsmann ; Mittleres Lebensalter ; Nervenzusammenbruch ; Alkoholismus ; Sozialer Abstieg ; Belletristische Darstellung
Leichtere Lektüre



John Wilder führt das perfekte Leben: Im trauten Eigenheim wartet eine ihn liebende Frau täglich auf seine Rückkehr aus dem Büro, wo er sich eine vielversprechende Karriere als Anzeigenvertreter aufgebaut hat. Seine Abende verbringt er auf Cocktailpartys und die Wochenenden mit der Familie auf dem Lande. Alles scheint gut. Doch wenn John ehrlich zu sich ist, dann weiß er, dass tief in ihm schon seit Langem etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – etwas droht, die Ruhe zu stören.

Die Wiederentdeckung eines modernen Klassikers - John Wilder trinkt, er dreht durch, kommt in die Psychiatrie, gelobt Besserung und beginnt wieder zu trinken. Ein Weg nach unten - gnadenlos.

Leseprobe auf randomhouse.de

Platz 5-6 (-) 49 Punkte

FRANZ DOBLER: Letzte Stories

Titel: Letzte Stories : 26 Geschichten für den Rest des Lebens / Franz Dobler
Autor: Dobler, Franz
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Blumenbar-Verl.
Erscheinungstermin: März 2010
Umfang/Format: 164 S. ; 20 cm
ISBN: 978-3-936738-67-4
EAN: 9783936738674
Einband/Preis: Pp. : EUR 17.90
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In seinen neuen Stories schreibt Franz Dobler über den Abend vor einem Feiertag, ein Mädchen in der Notaufnahme, eine Parkbankbewohnerin, das mysteriöse Pärchen Ying und Yang, ein vertrauliches Gespräch mit einer Katze. Diese Geschichten über die vermeintlichen Verlierer unserer Tage haben mehr Witz und Seele als die meisten Romane.

Ob Franz Dobler wirklich der »letzte bayerische Cowboy« ist, wie die FAS behauptete, muss bezweifelt werden – auch wenn er seit 1991, als mit »Jesse James und andere Westerngedichte« sein erstes Buch erschien, eine beständig wachsende Fangemeinde hat. Zu seinen Einflüssen zählen Jörg Fauser ebenso wie Johnny Cash, Rosa Luxemburg nicht weniger als Charles Bukowski. Und doch ist Franz Dobler eher der Gentleman der Gegenwartsliteratur – der Lässigkeit bewahrt, auch wenn's ernst wird. »Letzte Stories« sind 26 neue Geschichten, alphabetisch geordnet ergeben sie ein »ABC des Lebens«. Sie handeln zum Beispiel davon, wie jemand doch nicht wahnsinnig wurde. Oder von einem Mann in einer Bar, der sich keine Witze merken kann außer diesem: »Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Sex, es macht nur den Amateuren Spaß.«

»Wären diese Stories Lieder, müssten sie von den rauchigen Kehlen eines Tom Waits oder Mark Lanegan gesungen werden, bei denen man ja auch nie so genau entscheiden kann, ob sie mit kräftigem Biss Stücke aus der Wirklichkeit reißen oder ihrem Publikum bloß grimmige Genrebildchen aus der Gosse servieren.«
DEUTSCHLANDRADIO KULTUR

Leseprobe auf buecher.de (auf der Seite ein wenig nach unten scrollen!)

Platz 5-6 (-) 49 Punkte

RAFAEL YGLESIAS: Glückliche Ehe

Titel : Glückliche Ehe : Roman / Rafael Yglesias
Aus dem Amerikan. von Cornelia Holfelder-von der Tann
Autor: Yglesias, Rafael ; Holfelder- von der Tann, Cornelia [Übers.]
Verleger: Stuttgart : Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 426 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel: A happy marriage [dt.]
ISBN: 978-3-608-93707-7
EAN: 9783608937077
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.90
Schlagwörter: New York- Manhattan ; Ehepaar ; Lebenslauf ; Ehefrau ; Sterben ; Belletristische Darstellung
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Als der 21-jährige Enrique Sabas im wildromantischen Manhattan der Siebzigerjahre auf die drei Jahre ältere Margaret Cohen trifft, weiß er, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Doch die familiären Gegensätze könnten größer nicht sein: Er ist ein literarisches Wunderkind, ein eigenbrötlerischer Schulabbrecher, der sich ganz dem Leben der Boheme hingibt, wohingegen die lebhafte, attraktive Margaret aus einem bürgerlichen Haushalt kommt und die kontrollierte Emotionalität ihrer Mutter geerbt hat.

Die erotischen Abenteuer und Missgeschicke in den ersten Wochen ihres Kennenlernens sind verwoben mit Szenen ihrer Ehe – die Erziehung der Kinder, der Verlust eines Elternteils, die Versuchungen eines allzu leichten Seitensprungs –, bevor Margaret mit Mitte fünfzig ihrer Krebserkrankung erliegt. Eine wahrhaftige Geschichte über ein gemeinsames Leben – und darüber, was eine glückliche Ehe ausmacht.

Leseprobe bei Klett-Cotta

Platz 7 (-) 40 Punkte

ANGELA ROHR: Der Vogel

Titel: Der Vogel : gesammelte Erzählungen und Reportagen / Angela Rohr
Hrsg. von Gesine Bey
Autorin: Rohr, Angela ; Bey, Gesine [Hrsg.]
Verleger: Berlin : BasisDruck
Erscheinungstermin: 29. März 2010
Umfang/Format: 299 S. : Ill. ; 20 cm
Gesamttitel: Pamphlete ; Nr. 22

Anmerkungen: Literaturangaben
ISBN: 978-3-86163-117-0
Einband/Preis: kart. : EUR 18.00
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Angela Rohrs späte Erzählungen Der Vogel und Die Zeit – entstanden um 1959 – gehören zu den ersten literarischen Auseinandersetzungen mit den Frauenschicksalen unter der stalinistischen Verfolgung. Beide Texte, die zur Entstehungszeit nicht publizierbar waren, sind erst 2005 wiederaufgefunden worden. Die Österreicherin Angela Rohr (1890 – 1985), unter ihren früheren Namen Angela Hubermann und Angela Guttmann expressionistische Dichterin, Dadaistin und Freundin Rainer Maria Rilkes, verschlug es nach Versuchen in der Psychoanalyse 1925 nach Moskau und Sibirien. Von hier aus schrieb sie Feuilletons für die Frank furter Zeitung und andere deutsche Blätter.

In den Literaturgeschichten des Expressionismus galt die Dichterin bis heute als verschollen. Sowohl ihre frühe Prosa und die journalistischen Schriften als auch ihre späten Texte werden hier erstmals gesammelt und im Rahmen des Gesamtwerks vorgestellt.

1941 kam Angela Rohr unter falschem Spionageverdacht ins Gefängnis und verbrachte 15 Jahre als Lagerärztin im Gulag und in der Verbannung.

»Eigentlich träume ich nie fröhlich. Ja, damit ich nicht vergesse, lachen Sie in Ihren Träumen? Ich lache nie, weil eben ein lauernder Mensch nie lacht: ich lasse mir mein Gehör, dem ich mancherlei verdanke, nicht stören.«

"Verglichen mit ihren Erzählungen nimmt sich "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", Solschenizyns 1962 bahnbrechender Gulag-Roman, wie eine Jugendherbergskoje neben einem Nagelbrett aus. (...) Mit dieser Sammlung von Texten gehört Angela Rohr endgültig zu den Autoren, die das 20. Jahrhundert, "dies Wolfshund-Jahrhundert“, wie Ossip Mandelstam es nannte, den Schafen erzählen." (Elke Schmitter)

Platz 8 (-) 38 Punkte

HARRIET KÖHLER : Und dann diese Stille

Titel: Und dann diese Stille : Roman / Harriet Köhler
Autorin: Köhler, Harriet
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungstermin: 22. Februar 2010
Umfang/Format: 313 S. ; 22 cm
ISBN: 978-3-462-04191-0
EAN: 9783462041910
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.95
Schlagwörter: Älterer Mann ; Selbstreflexion ; Belletristische Darstellung
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Wie ist es, wenn man in hohem Alter seine Frau verliert und auf einmal merkt, dass man nie mit ihr geredet hat – zumindest nicht über das, was einem seit sechzig Jahren das Herz zuschnürt? Wie ist es, wenn man als Rentner wieder bei seinem Vater einzieht – und einen Mann pflegt, der einem ein Leben lang fremd geblieben ist? Und wie ist es, wenn man immer sicher war, anders zu sein als die Eltern – und nun, da man zum ersten Mal liebt, erkennen muss, dass man genauso verstockt und unfähig ist wie sie?

Walther sitzt an Grethes Krankenbett und sieht hilflos die letzte Chance verstreichen, ihr alles zu erzählen. Jürgen will seinem Vater zur Seite stehen, aber der wehrt seine Hilfe ab. Dennoch entsteht zwischen den beiden Männern eine Nähe, die neu für sie ist. Als Walther damals aus dem Krieg und der Gefangenschaft kam, war Jürgen bereits zehn, er hat seinen Sohn nicht aufwachsen sehen. Diese Jahre haben sie immer getrennt, Jahre, in denen viel geschehen ist, Erlebnisse, für die es keine Worte gibt. Doch nun wird Walther zum Pflegefall und Jürgen zum Pfleger, und Vater und Sohn entkommen sich nicht mehr. Als dann auch noch Jürgens Sohn Nicki sie besucht, der mit Ruth gerade zum ersten Mal erfährt, wie schön und schwer es ist zu lieben, wird die Mauer des Schweigens rissig und die Vergangenheit blitzt hervor. Alte, bislang nie ausgesprochene Konflikte bahnen sich wütend ihren Weg an die Oberfläche und führen zu einer vorsichtigen und zarten Annäherung.

Nach ihrem hochgelobten Debüt »Ostersonntag« erweist sich Harriet Köhler erneut als feinfühlige und genaue Beobachterin familiärer Bindungen. Mit beeindruckender Sprache und in intensiven Bildern erzählt sie von Trauer und Sehnsucht, von Wut und Liebe, aber auch von der Möglichkeit, zu verstehen und zu verzeihen – und umspannt, fast nebenbei, die Geschichte dreier Generationen, geprägt von den Spätfolgen des Krieges.

"Man könnte den gesamten Stoff, den Harriet Köhler hier aufbietet, grob in zwei Themen einteilen. Das eine betrifft die Vergangenheit und heißt: die Unfähigkeit zu trauern. Das andere betrifft das Heute und heißt: die Schwierigkeit, dem Familiären eine Form zu geben, die stabil genug ist, Alter, Gebrechlichkeit, Tod zu tragen."
(Ursula März)

Leseprobe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

Platz 9 (7-8) 35 Punkte

IRIS HANIKA: Das Eigentliche

Titel: Das Eigentliche : Roman / Iris Hanika
Autorin: Hanika, Iris
Verleger: Graz ; Wien : Literaturverl. Droschl
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 175 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-85420-764-1
Bestellnummer(n): 764
EAN: 9783854207641
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.00
Schlagwörter: Archivar ; Einsamkeit ; Vergangenheitsbewältigung ; Nationalsozialismus ; Belletristische Darstellung
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Ein Roman über das deutsche Leiden an der Nazi-Vergangenheit, ganz und gar kein historischer Roman also, sondern einer über das Heute. Woher dieses Leiden rührt, ist bestens bekannt, seine Äußerungsformen jedoch sind vielfältig. Darum ist dies zugleich ein Roman über die mittleren Jahre des Lebens, über die Zeit, wenn die Gewissheit abhanden gekommen ist, dass man auf dem richtigen Weg durch die Welt geht, und es ist ein Roman über die Einsamkeit ebenso wie über die Freundschaft.Ein Roman über das deutsche Leiden an der Nazi-Vergangenheit, ganz und gar kein historischer Roman also, sondern einer über das Heute. Woher dieses Leiden rührt, ist bestens bekannt, seine Äußerungsformen jedoch sind vielfältig. Darum ist dies zugleich ein Roman über die mittleren Jahre des Lebens, über die Zeit, wenn die Gewissheit abhanden gekommen ist, dass man auf dem richtigen Weg durch die Welt geht, und es ist ein Roman über die Einsamkeit ebenso wie über die Freundschaft.

Das Eigentliche ist für jeden etwas anderes. Für Hans Frambach sind es die Verbrechen der Nazizeit, an denen er leidet, seit er denken kann. Darum ist er Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung geworden; nur fragt er sich, ob es nicht an der Zeit für eine andere Arbeit wäre.
Auch für seine beste Freundin Graziela stand die Fassungslosigkeit über diese Vergangenheit im Mittelpunkt bis sie einen Mann kennenlernte, der sie begehrte, und fortan die Begegnung der Geschlechter im Fleische für das Eigentliche hielt; ein Konzept, an dem sie nun zweifelt.
Aber kann man denn den Nationalsozialismus für alles verantwortlich machen? Eigentlich ist es doch ihre Unfähigkeit zum Glück, die Hans und Graziela zu so wunderlichen Gestalten macht. Nur sie selbst halten ihr Unglück nicht für gott-, sondern für nazigegeben.
Zugleich hat auch der Staat, in dem sie leben, sein Eigentliches. Es ist das unausgesetzte Bemühen um Harmlosigkeit seiner Repräsentanten, das allen voran die Bundeskanzlerin vorführt, wenn sie jede Woche übers Internet zu uns spricht. Iris Hanika zeigt, wie die Verbrechen der Nazizeit uns bis heute in ihren Klauen halten, und übersieht dabei nicht, zu welchen Absurditäten die Professionalisierung des Gedenkens führt. Eigentlich ist unsere Hilflosigkeit angesichts dieser Verbrechen das Eigentliche.

Textauszug beim Droschl Literaturverlag

Platz 10 (-) 33 Punkte

FRIEDRICH SIEBURG: Die Lust am Untergang

Titel: Die Lust am Untergang : Selbstgespräche auf Bundesebene / Friedrich Sieburg
Mit einem Vorw. und einem Nachw. von Thea Dorn
Autor: Sieburg, Friedrich
Ausgabe: 1. - 7. Tsd.
Verleger: Frankfurt, M. : Eichborn
Erscheinungsdatum: 27. April 2010
Umfang/Format: 417 S. ; 22 cm
Gesamttitel: Die andere Bibliothek ; Bd. 305
ISBN: 978-3-8218-6229-3
EAN: 9783821862293
Einband/Preis: Pp. in Schuber : EUR 32.00
Schlagwörter: Deutschland ; Geistesgeschichte 1945-1960
Sachgruppe(n): Geschichte Deutschlands ; Deutsche Literatur ; Politik
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Wir Deutsche malen am liebsten schwarz. Wenn uns im Augenblick keine Katastrophe heimsucht, dann sehen wir eine kommen. Wir können, so scheint es, ohne die apokalyptischen Ängste nicht existieren. Niemand durchschaute die dunklen Süchte unserer Seele genauer als der große Zeitkritiker Friedrich Sieburg, einer der brillantesten Stilisten seiner Epoche. Seine Bücher wurden zu Hunderttausenden verkauft. Doch in Deutschland steht sein Werk - anders als in Frankreich - unbeachtet im Schrank. Er war kein Mann der politischen Eindeutigkeit und schon gar nicht des Widerstandes gegen den Nazismus. Und dennoch - oder darum - ist er einer der wichtigsten Zeitgenossen jener Epoche, die er in seiner grandiosen Polemik von 1954 Revue passieren lässt.

Persönliche Empfehlung im Juli/August
von Verena Auffermann (Berlin):

LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI: Seiobo auf Erden

Titel: Seiōbo auf Erden : Erzählungen / László Krasznahorkai
Aus dem Ungar. von Heike Flemming
Autor: Krasznahorkai, László ; Flemming, Heike [Übers.]
Verleger: Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungstermin: 3. März 2010
Umfang/Format: 461 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel: Seiobo járt odalent [dt.]
ISBN: 978-3-10-042204-0
EAN: 9783100422040
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.95

Seiobo ist eine japanische Göttin, deren Pfirsiche nur alle 3000 Jahre blühen, aber Unsterblichkeit schenken. Der Glaube an solche Geschichten ist uns längst abhanden gekommen, nicht aber ihre Sehnsucht. Ihr geht László Krasznahorkai in seinem neuen Buch nach. Er beobachtet, wie es in jeder Epoche und in allen Kulturen vollkommene Dinge gab und gibt: der im Fluss reglos stehende Reiher, die Grimasse einer No-Maske, die äußerste Nacktheit im Gesicht einer Ikone, die Zerbrechlichkeit einer Buddha-Statue. Seine Helden sind Maler, Schauspieler, Wissenschaftler - Menschen, die erzittern, wenn die Dinge plötzlich die Augen vor uns schließen.

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