Montag, Juli 26, 2010

Wolfgang Gogolin: Der Geist der Venus

Titel: Geist der Venus / Wolfgang A. Gogolin
Autor: Gogolin, Wolfgang A.
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Goldebek : Mohland
Erscheinungsdatum: 1. März 2010
Umfang/Format: 93 S. ; 21 cm, 138 gr.
ISBN: 978-3-86675-117-0
Bestellnummer(n): 1692
EAN: 9783866751170
Einband/Preis: kart. : EUR 8.40

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Wolfgang Gogolin gehört zu den rührigen Hamburger Autoren, die durch regelmäßige Lesungen in verschiedenen Locations ihren Bekanntheitsgrad erhöhen. Literaturinteressierte kennen ihn aus der Mathilde, dem Duhlsberger Mairauschen oder der Spät-Lese, einer von ihm regelmäßig im Barmbeker Basch moderierten Lesereihe. Seine ersten Buch-Veröffentlichungen drehten sich um den Beamten-Alltag: die Karawane des Grauens oder die Kurzgeschichtensammlungen Beamte und Menschen und Beamte und Menschen, allesamt satirisch überspitzt, mit dem Wissen um die Routine der deutschen Amtsstuben. Denn Gogolin war jahrelang Rechtspfleger, hatte zuletzt auf dem Standesamt gearbeitet. Viele munkeln, sein erster Wurf, die Karawane, sei nicht bitter erfunden, sondern so nahe an der Realität, dass er nur deswegen ohne eine Klage davongekommen ist, weil die Behörde durch das Einschlagen des Rechtswegs nur eine gesteigerte Aufmerksamkeit auf die im Roman geschilderten Vorgänge fürchtete.

Als Publizist hat Gogolin mittlerweile auch eine andere Seite, eine ernstere. In seinen Romanen Der Puppenkasper und Eintritt frei für Männer nimmt er die Auswüchse der Emanzipation aufs Korn, outet sich als überzeugter Vertreter der Mens Lib, oder – wie etwa Arne Hoffmann das nennen würde – der Maskulinisten. Auch in diesem Bereich hat er sich einen Namen gemacht. Seine in den Romanen verbratenen Thesen sind nicht neu, aber zumindest im Kontext der Belletristik originell genug, um noch Aufmerksamkeit zu erregen.

Sein neustes Buch, Geist der Venus, ist weder ein Plädoyer für die neue Männlichkeit, noch spielen Beamte dort eine herausragende Rolle. 14 Geschichten hat Gogolin darin versammelt, die zumindest im Kern einen oft ernsten Hintergrund haben. Da spannt ein Mann seine Weinhändlerin ein, die letzten Momente seines Lebens mit ihm zu verbringen. Eine Frau versucht, der Einsamkeit der Großstadt zu trotzen. Eine andere weint sich am Timmendorfer Strand in einem Strandkorb die Augen aus, weil sie sich nicht mehr geliebt wähnt. Eine dritte hat gerade von ihrem Arzt die Diagnose gestellt bekommen, sie leide an einer bipolaren Persönlichkeitsstörung.

Selbst die vermeintlich glücklichen Momente des Lebens sind durchzogen vom Wissen, das Leben fordere für die kleinen Freuden einen hohen Preis. So ist Das Schweigen des Lammes ein lakonischer Abgesang auf die Zeit der Freiheit, während der Protagonist sich an der festen Hand seiner Zukünftigen zum Trauraum des Standesamtes bewegt. Schon der Titel dieser Geschichte spricht Bände. Und in einer anderen Geschichte heißt es zum gleichen Thema: „Ehe ist ein Soufflé. Dem besten Pâtissier fällt irgendwann ein Soufflé zusammen.“

Als roter Faden zieht sich Gogolins Liebe zu kulinarischen Genüssen durch die Geschichten. In seiner Freizeit ist Gogolin begeisterter Restaurant-Kritiker, und in Fachkreisen haben sich seine auf der eigenen Homepage veröffentlichten Kritiken durchaus einen Namen gemacht. In seinen Romanen hingegen wirkten die ausführlichen Beschreibungen lukullischer Genüsse zumeist leicht deplaziert. Mit dem Mohland-Verlag hat er hier jedoch erstmals einen Herausgeber gefunden, dem dieser Geist der Venus zusagt, und der ihm weitgehend freie Hand ließ.

Ob dies wirklich ein Vorteil im Reifungsprozess des Autors ist, scheint mir zumindest fraglich. Wenn Gogolin in einer Story einen Pastoren, in einer anderen einen Barbesucher den Vanille-Duft des Bourbons aufsaugen lässt, so mag das für den Bourbon sprechen, weniger aber für die Wahrnehmungsbandbreite bzw. den Fundus an Beschreibungsmöglichkeiten des Autors. Da helfen auch die Nuancen Honig versus Minze nicht wirklich weiter, zumal auch der Honigduft in beiden Geschichten zitiert wird.

Ein schwerwiegenderes Problem: Manche Stories dieses Bandes opfern die Glaubwürdigkeit nur allzu leichtfertig einer vermeintlichen Pointe. Schon die erste Geschichte, Victors Paradies, endet mit einem Sakrileg an einer Flasche 45er Mouton Rothschild, die direkt nach einer Fahrt im Auto geöffnet wird – ärgerlich vor allem deswegen, weil Gogolin eigentlich eine große Liebeserklärung an die Welt des Weines verfasst hat. Das wäre auch anders lösbar gewesen, glaubhafter, und dadurch eindringlicher. So bleibt nicht nur hier ein fader Abgang.

Auch andere Geschichten leiden an dieser Crux, etwa Lichter der Stadt, deren Ausgangspunkt die Zeitungsnotiz über einen alten Mann ist, der zwei Jahre tot in seiner Wohnung lag, bevor ihn die Polizei entdeckte. Und das, obwohl in seinem Fenster penetrant die Weihnachtsbeleuchtung weiterblinkte. In der Geschichte nun nimmt eine junge Frau diesen einsamen Tod zum Anlass, Kontakt mit ihren eigenen Nachbarn aufzunehmen, scheitert jedoch an der Gleichgültigkeit ihrer Umgebung. Auch hier bricht Gogolin die Stimmung, die von einer spürbare Empathie für seine Figur getragen wird, zugunsten eines pointierten, absolut unglaubwürdigen Endes. Schade.

Interessant bleibt diese Geschichtensammlung, weil sie eine neue Stufe auf der Entwicklungsleiter Wolfgang Gogolins darstellt. Seine Versuche, ernste Themen in seiner heiter-flapsigen Art anzugehen, sind sicher gewöhnungsbedürftig, lesen sich aber flüssig und leicht. Wer Kurzgeschichten mag, hat mit dem Band Geist der Venus eine süß-saure Mischung, die sich dem leichten Genuss widersetzt, nicht grätenfrei, aber im Geschmack nahezu einzigartig. Es lohnt sich, den Autor weiter im Auge zu behalten.

sam


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