Montag, August 02, 2010

Henning Mankell: Der Feind im Schatten

Titel Der Feind im Schatten : Roman / Henning Mankell
Aus dem Schwed. von Wolfgang Butt
Person(en) Mankell, Henning ; Butt, Wolfgang [Übers.]
Verleger Wien : Zsolnay
Erscheinungsjahr 2010
Umfang/Format 589 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel Den orolige mannen [dt.]
ISBN 978-3-552-05496-7
Bestellnummer(n) 551/05496
EAN 9783552054967
Einband/Preis Pp. : EUR 25.90

Buch ansehen bei amazon.de

Die Geschichte um den neuen Wallander-Roman “Der Feind im Schatten” beginnt mit einer Verwirrung. Gern redet die Presse über den 10. Kurt-Wallander-Roman, weil dies eine so wunderbar runde Zahl ist, aber auch, weil dies in der Medien-Kampagne des Verlags nun mal so steht. Und hatte nicht auch das Autorengespann Sjöwall/Wahlöö zehn Bände ihrer Kommissar-Beck-Reihe veröffentlicht, bevor sie sich trennten? Bei dieser Zählung übersehen geneigte Rezensenten geflissentlich den Wallander-Band „Vor dem Frost“, offiziell, weil dieser Band eigentlich der Auftakt zu einer neuen Serie um Linda Wallander sein sollte. Andererseits ist „Vor dem Frost“ die literarische Vorlage für die erste Verfilmung der Fernsehreihe „Mankells Wallander“ gewesen, die mittlerweile auf 26 Episoden angewachsen ist. Niemand wird ernsthaft behaupten, das Buch habe eigentlich gar nichts mit Kurt Wallander zu tun.

Jetzt, mit „Der Feind im Schatten“, überschneiden sich die Fernsehserie mit Krister Henriksson als Kommissar Wallander und die via Buch veröffentlichten Geschichten erneut: Mankell zieht in das Haus am Meer, legt sich seinen Hund Jussi zu, feiert mit seinen Kollegen zur Einweihung bis tief in die Nacht. Das haben wir bereits zu Beginn der zweiten Staffel im Fernsehen gesehen. Warum ich das so ausführlich aufdrösele? Mit „Der Feind im Schatten“ haben wir den elften Wallander-Band in Händen, die intermediale Verflechtung funktioniert einwandfrei. Wallander ist mittlerweile längst ein Produkt geworden, eine Brand.

Neben der Rückschau auf die vergangenen Fälle – ebenfalls eher Marketingstrategie als innovative Erzählweise – handelt der neue Roman von Spionage, vom Kalten Krieg, von dem russischen Atom-U-Boot, das 1980 in den schwedischen Schären auftauchte. Dies ist sicher auf den enormen Erfolg von Stieg Larssons Milleniums-Trilogie zurückzuführen. Larsson hatte diese Zeit über die Grenzen Schwedens zurück ins öffentliche Gedächtnis geholt, hat enorm fleißig recherchiert, und die Fakten in quasi Enthüllungs-journalistischem Impetus zu einem dicken Romanwerk zusammengetragen. Mankells Wallander nimmt mit seinem Roman das Thema, das gerade in Schweden wieder in aller Munde ist auf, hat hierauf aber keine Antwort, erst recht keine Fakten. Altersweise wiegelt er ab: nein, das sei doch eher unwahrscheinlich, dass Olaf Palme ein Spion der Russen war.

Während Larsson in seiner Millennium-Trilogie mit politischen Fakten nur so um sich warf, bewegt sich Mankell komplett im Bereich der Spekulation und der privaten Meinung. Und hier haben wir gleich die Schwäche dieses elften Wallander-Bandes: Seine Geschichte um den U-Boot-Kommandanten von Enke, der sich erst Kurt Wallander anvertraut und dann spurlos verschwindet, wirkt ein wenig arg konstruiert, mit der deutlichen Absicht hindurchscheinend, der Diskussion um den Kalten Krieg eine neue Nuance hinzuzufügen. Der letzte Band der Reihe ist ein Abklang der einstigen Brillanz, mit der Mankell früher seine Romane aufbaute und die Spannung bis zum Schluss steigerte. Bestimmt keins der stärksten Bücher Henning Mankells. Viele Fäden bleiben bis zum Schluss offen, und es hilft wenig, dass auch Wallander selbst dies als offene Fragen im Schlusskapitel rekapituliert.

Die Stärke des Romans "Der Feind im Schatten" liegt eher im persönlichen Erleben der Hauptfigur. Denn der Ystader Kommissar wird langsam alt. Immer häufiger kommt es zu gedanklichen Aussetzern. Er vergisst, seine Frühstückseier vom Herd zu nehmen und geht mit seinem Hund Jussi spazieren. Immer häufiger vergisst er auch andere Dinge: warum zum Teufel sitzt er in der Eisenbahn, und wohin wollte er? Er muss auf den Fahrschein sehen, um sich zu erinnern. Unbarmherzig mehren sich die Zeichen einer einsetzenden Demenz. Bis am Ende Wallander langsam in einem immer dichter werdenden Nebel versinkt.

Henning Mankell stellt diesen Gedächtnisverlust nicht in den Mittelpunkt des Buches, sondern belässt es bei kleinen, eingestreuten Episoden, deren Intensität sich mit der Zeit leicht steigert. Trotzdem ist dies einer der eindrucksvollsten Romane der letzten Jahre, die das Thema Demenz aus Sicht der Betroffenen thematisieren. Erschreckt hat mich vor allem die Beiläufigkeit, mit der sich die Krankheit im "Feind im Schatten" ankündigt, aber auch der resignative Fatalismus, mit der Wallander ihr begegnet. Zum ersten Mal verliert der Kommissar seinen Kampf gegen den Feind, auch wenn er den Fall, an dem er vor allem in seiner Freizeit arbeitet, schließlich doch gelöst bekommt.

Wenn Mankell mit diesem Band nicht politisch überzeugen kann, tut er es doch gewohnt routiniert psychologisch. Seien wir ehrlich: die politische Kritik stand bei ihm nie so weit im Vordergrund wie bei Sjöwall/Wahlöö. Zwar war in seinen Romanen immer wieder auch Kritik an Gesellschaftssystemen verbunden, etwa gegen das Regime in Südafrika oder in Lettland. Auch politische Entwicklungen im eigenen Land nahm er mitunter aufs Korn, wenn er zum Beispiel die Auswüchse von privaten Bürgerwehren beschrieb. Was an ihm jedoch wirklich fesselte, war die Art, wie er mit Wallander einen einsamen Eigenbrödler beschrieb, einen Jedermann, mit Scheidung und Diabetis, mit einem langsam vergreisenden Vater und dem gelegentlichen Versuch, eine neue Partnerin zu finden. In dieser Hinsicht ist das Resümee des neuen Wallander-Romans nahezu zwangsläufig, zumindest aber konsequent. Denn die Aufklärung des Falles ist beinahe nebensächlich. Das Ende, auf das der Roman zusteuert, ist ein privates, psychologisches: es gibt keine Strategien gegen das Altwerden. Das passt zu jener depressive Resignation, die wir von Wallander bereits gewohnt sind.


Leseprobe beim Zsolnay-Verlag
Der Roman ist mittlerweile auch als Hörbuch erschienen:

7 CDs / 492 Min.
Format: Gekürzte Lesung
Sprecher: Axel Milberg
Verlag: Dhv der Hörverlag
Erscheinungsdatum: 30. April 2010
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3867175438
ISBN-13: 978-3867175432

Hörbuch ansehen bei amazon.de

Kommentare:

  1. Wie weit darf mann gehen bei den Recherchen und den Veröffentlichungen, um nicht selbst als Spion und Verräter dargestellt zu werden. Irgendwie ahnt man, dass da noch mehr sein muss.
    Ich finde die Bücher von Henning Mankell genial!

    AntwortenLöschen
  2. Wie weit man gehen darf, hat Stieg Larsson doch eindrucksvoll vorgemacht. Gerade im direkten Vergleich schneidet Mankell hier nicht gut ab, finde ich. Auch wenn ich dir ansonsten recht gebe: gerade die anderen Wallander-Bände finde ich auch absolut gelungen.

    AntwortenLöschen