Dienstag, August 31, 2010

Literaturliste: Kulturzeit vom 31.08.2010

Neben dem Tod von Christian Schlingensief und einer Retrospektive des Werks Dennis Hoppers ging es heute in der Kulturzeit auf 3sat um Vergangenheitsbewältigung. Zwei Bücher wurden in der Sendung vorgestellt, einmal Hazel Rosenstrauchs "Juden, Narren, Deutsche", dann, deutlich ausführlicher, "Gefühlte Opfer" der Historikerin Ulrike Jureit und des Psychoanalytikers und Soziologen Christian Schneider. Beide Bücher thematisieren kritisch unseren Umgang mit der Vergangenheit, allerdings aus einer ungewohnten Perspektive:

Hazel Rosenstrauch: Juden, Narren, Deutsche

Titel: Juden, Narren, Deutsche : Essays / von Hazel Rosenstrauch
Autorin: Rosenstrauch, Hazel
Verleger: [Mannheim] : Persona-Verlag
Erscheinungsdatum: August 2010
Umfang/Format: 157 S. ; 20 cm
ISBN: 978-3-924652-37-1
EAN: 9783924652371
Einband/Preis: Pp. : EUR 14.50

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Als Nachkömmin von Verfolgten beobachtet Hazel Rosenstrauch – skeptisch, heiter und auch böse – die Erinnerungskultur in Deutschland, Österreich und ein bisschen auch in Europa.

Die Geschichten sind aus ihrem Leben gegriffen – in Berlin, in Wien oder auch in der Bischofsstadt Rottenburg. Denkmale, Stolpersteine und Orte der Erinnerung sollen mahnen. Wie aber wirken sie auf jemanden, der ständig an die Ausgrenzung seiner Vorfahren erinnert wird? Hazel Rosenstrauch beobachtet, denkt sich ihr Teil und schreibt es auf.

Ulrike Jureit/Christian Schneider: Gefühlte Opfer

Titel: Gefühlte Opfer : Illusionen der Vergangensheitsbewältigung / Ulrike Jureit & Christian Schneider
Autoren: Jureit, Ulrike ; Schneider, Christian
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger Stuttgart : Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 2010
Umfang/Format: 253 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-608-94649-9
EAN: 9783608946499
Einband/Preis: Pp. : EUR 21.95

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313 Gedenkstätten gibt es allein in Berlin, um sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander zu setzen. Es waren nicht nur die Alliierten, die die Deutschen dazu bewegten, auf ihre eigene Geschichte zu schauen. Auch die 68er haben ihren Beitrag dazu geleistet, indem sie die Vita ihrer Eltern hinterfragten und herauszuarbeiten versuchten, wo der Opferstatus ihrer Vorfahren wirklich ansetzte, und in wie weit diese nicht auch Täter waren. Die Frage, die sich die Autoren nun stellen, ist, ob Gedächtnis und Erinnerung die richtigen Mittel sind, um mit der eigenen Geschichte umzugehen.

So war lange Zeit Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern das Standardwerk zur Verarbeitung bzw. Nicht-Verarbeitung der Erlebnisse während des Dritten Reichs. Dem setzt Schneider nun entgegen, die Mitscherlichs hätten den wesentlichen Aspekt von Trauer verfehlt. Denn sie setzten Trauer mit Erinnerung gleich. Das wirkliche Ziel von Trauer, sagt Schneider unter Berufung auf Sigmund Freud, sei, sich von dem geliebten Objekt lösen zu können. Und das ginge in der Unfähigkeit zu trauern völlig unter. Was übrig bliebe, sei ein moralisches Postulat: Nun trauert mal endlich!

Dieses moralische Postulat entstehe letztlich, so die Autoren, weil die Gedächtnis stiftenden Instanzen immer wieder die Rolle der Opfer, nicht die der Täter einnähmen. Macht Sinn: geht es doch in den allermeisten Fällen nicht darum, das Handeln als Täter nachvollziehbar zu machen, sondern vielmehr darum, die Auswirkungen auf die Opfer zu demonstrieren. Dadurch befreien wir uns jedoch davon, uns mit unserer eigenen Verantwortung auseinander zu setzen - d. h., eine wirkliche Verarbeitung findet nicht statt - mit der gefühlten Solidarität mit den Opfern rücken wir uns selbst auf die "richtige" Seite, nehmen uns aber die Möglichkeit, wirklich zu verstehen, wie es zu diesen Exzessen kommen konnte. Ein kluges Buch.

Leseprobe beim Verlag Klett-Cotta

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