Donnerstag, September 02, 2010

Colm Toibin: Brooklyn

Colm Tóibín: Brooklyn

Titel: Brooklyn : Roman / Colm Tóibín
Aus dem Engl. von Giovanni und Ditte Bandini
Autor: Tóibín, Colm ; Bandini, Giovanni [Übers.]
Verleger: München : Hanser
Erscheinungstermin: 2010
Umfang/Format: 302 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel: Brooklyn [dt.]
ISBN: 978-3-446-23566-3
Bestellnummer(n): 505/23566
EAN: 9783446235663
Einband/Preis: Pp. : EUR 21.90
Schlagwörter: Brooklyn [NY] ; Irin ; Verkäuferin ; Integration ; Geschichte 1950 ; Belletristische Darstellung

Leseprobe beim Hanser Verlag

Geschichten über die Auswanderung von Iren aus armen Verhältnissen nach New York sind nicht wirklich neu. Frank McCourt hat 1996 mit Die Asche meiner Mutter einen Millionenerfolg erzielt. Nun versucht Colin Tóibín sich mit demselben Thema, nur dass bei ihm eine junge Irin nach Brooklyn auswandert. Nur langsam und nach harten Kämpfen kann sie sich die Freiheit erobern, die sie sich von der neuen Welt versprochen hat.

3sat Kulturzeit brachte heute ein kurzes Feature über den neuen Roman Brooklyn von Colin Tóibín und verglich darin den Stil Tóibíns mit dem von Henry James. Der Autor selbst beschreibt seine Arbeitsweise so: "Ganz langsam folgt man ihr, wenn sie Dinge wahrnimmt, ohne sie gleich zu verstehen, und wenn sie ihr im Kopf herumgehen. Der Leser versteht auch erst im gleichen Moment wie sie, was tatsächlich alles passiert ist." Das Wagnis, als Mann einen Roman über die Sicht einer Frau auf bestimmte Ereignisse zu verfassen, scheint aufzugehen. Während der Sendung wurde die Literaturkritikerin Ina Hartwig interviewt, die von dem Buch äußerst begeistert wirkte. Das Interview ist derzeit noch über die 3sat-Mediathek abrufbar: hier abrufen.

Eilis, die Protagonistin des Romans, ist eine selbstbewusste Frau von der ersten Seite des Buches an, meint Hartwig. Zwar stoßen Eilis laufend Dinge zu, was aber nichts daran ändert, dass sie ihren festen Willen hat. Dieses Nebeneinander von äußeren Erlebnissen und der Beschreibung der inneren Prozesse sei es, was Tóibíns Meisterschaft ausmache. Hartwig sieht in dem Schicksal der Protagonistin allerdings weniger einen Beitrag zur Heimatlosigkeit, als eine exemplarische Emanzipation, die immer auch etwas mit finanzieller Unabhängigkeit zu tun habe. Ein Priester besorgt Eilis den Job in einem Kaufhaus, und innerhalb kürzester Zeit entwickelt sie sich zur besten Verkäuferin des Ladens.

In diesem Kaufhaus spielt auch eine besonders einprägsame Szene: Der Laden wird für schwarze Kundinnen geöffnet, was damals, zur Zeit der Rassentrennung, durchaus nicht gewöhnlich war. Die italienische Besitzerin des Kaufhauses jedoch will auch diese Personengruppe des melting pots Brooklyn als Kunden erreichen und weist die Verkäuferinnen an, zu ihnen besonders freundlich zu sein. Was Eilis auffällt: die Schwarzen kommen zwar, senken beim Einkauf aber ihren Blick, wagen es nicht, die Verkäuferin anzusehen.

Aber natürlich geht es in dem Roman auch um Liebe. Eilis hat gerade ihre Freiheit entdeckt, als sie Toni, einen jungen Italiener, kennenlernt. Viel zu früh, zumal auch sonst in ihrem Leben allerhand drunter und drüber geht. So stirbt ihre Schwester gerade zu jenem Zeitpunkt, als Eilis sich in Toni verliebt. Dieses Nebeneinander verschiedener Impulse zu beschreiben, gehört nach Ina Hartwig zu den absoluten Stärken des Romans. Vieles von dem, was er erzählt, offenbare sich erst im Nachhinein in seiner ganzen Komplexität - beim Lesen selbst wirke alles ganz einfach, wenn auch wunderschön.

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