Montag, September 06, 2010

Fred Grimm: Wir wollen eine andere Welt

Fred Grimm: Wir wollen eine andere Welt

Titel: "Wir wollen eine andere Welt" : Jugend in Deutschland 1900 - 2010 ; eine private Geschichte aus Tagebüchern, Briefen, Dokumenten / zsgest. von Fred Grimm
Autor: Grimm, Fred [Hrsg.]
Ausgabe: Orig.-Ausg., 1. Aufl.
Verleger: Frankfurt, M. : Tolkemitt bei Zweitausendeins Affoltern a.A. - Buch 2000
Erscheinungstermin: Juni 2010
Umfang/Format: 446 S. : zahlr. Ill. ; 26 cm
ISBN: 978-3-942048-17-0
EAN: 9783942048170
Einband/Preis: kart.
Schlagwörter: Deutschland ; Jugend ; Geschichte 1900-2010 ; Quelle

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Was ist das eigentlich, die Jugend? Angesichts der aktuellen Unterteilung in Grufties, Nerds, in Abgreifer und Opfer lässt sich nur eins sicher sagen: die Jugend ist heute zersplittert in zahllose Subkulturen. Dabei ist die Idee eines Lebensabschnitts zwischen Kindheit und Erwachsenendasein eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Der Journalist und Historiker Fred Grimm hat jahrelang in Archiven gestöbert, Tagebücher gelesen und Schülerzeitungen, Briefe und aktuelle Blogs ausgewertet. Daraus entstand eine spannende Darstellung des Begriffs Jugend und dessen historischer Entwicklung. In einem Feature von Kathrin Knabe und Rayk Wieland, das - soweit ich weiß - ursprünglich für artour im MDR entstand, stellte heute 3sat Kulturzeit das Buch vor.

Die Grundidee: das 20. Jhdt. war das Jahrhundert der Jugend, weil Anfang des Jahrhunderts die ersten Jugendbewegungen entstanden, die von Jugendlichen für Jugendliche gemacht wurden. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist um 1900 herum jünger als 22 Jahre. Mit den Wandervögeln der Jahrhundertwende taucht eine neue Generation auf, die gegen die Zwänge und falschen Autoritäten rebelliert und die Hinkehr zur Natur als ihr Alternativprogramm prägt, als ihre Hinkehr zur Freiheit. Dass Hitler diese Natur-Sehnsucht benutzte und eine ganze Generation verführte, steht auf einem anderen Blatt. Beides dokumentiert Grimm ausführlich anhand von Originalzitaten, und dieser intime Blick in die Gefühlswelt der Jugendlichen ist es, die die Lektüre des gerade herausgekommenen Bandes so spannend macht.

Mit den Fünfziger Jahren, dem Kriegsende und dem darauf folgenden Wirtschaftswunder, ändert sich die Funktion der Jugend. Alle müssen beim Aufbau mithelfen, das bedeutet auch: alle verdienen ihr eigenes Geld. Die Jugend wird Marktsegment. Grimm veranschaulicht das im Interview anhand der Jeans, von denen in den Vierzigern vielleicht ein paar tausend Stück abgesetzt wurden, Ende der Fünfziger die Produktion jedoch schon in die Millionen ging. Dann der Umbruch: die Jugendlichen wenden sich in den 60ern gegen den Konsumterror, politisieren sich, definieren sich über ihre Haltung gegen das Establishment. Alles wurde auf den Prüfstand gestellt, Tabus wurden gebrochen, überall wurde experimentiert. Dabei muss Grimm hoch angerechnet werden, dass er bei seinen Recherchen nicht nur die westdeutsche Jugend, sondern auch die Situation im Osten im Blick behielt, zumal die DDR sich immer als Staat der Jugend begriffen hat: Die Weltfestspiele 1973 als Woodstock des Ostens.

Fred Grimm zieht seinen Bogen bis in die Gegenwart, ins Internetzeitalter. Nie zuvor hat die Jugend so viel kommuniziert, sagt er. Aber nie zuvor auch war sie einsamer als heute. Weniger als 6 Prozent der Deutschen sei zwischen 15 und 20 Jahren alt, die Gruppe der Jugendlichen wird zumindest prozentual immer kleiner. Und durch die zunehmende virtuelle Vernetzung gerät sie auch immer mehr aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit.

Wir wollen eine andere Welt bietet ungewöhnliche, unmittelbare und authentische Blicke auf die deutsche Zeitgeschichte: aus der Sicht und mit den Worten junger Deutscher erzählt. Seine aufregende Textcollage, die sich liest wie ein intimer Jugendroman des 20. Jahrhunderts, bringt die unterschiedlichsten Stimmen und Stimmungen zusammen. Und schafft so einen intimen Blick auf die eigene Geschichte. Vielleicht, so das Resümee des Features, wird es Zeit für die heutige Jugend, sich wieder neu zu erfinden. Das Buch jedenfalls macht Mut dazu.

1 Kommentar:

  1. "Dabei muss Grimm hoch angerechnet werden, dass er bei seinen Recherchen nicht nur die westdeutsche Jugend, sondern auch die Situation im Osten im Blick behielt, zumal die DDR sich immer als Staat der Jugend begriffen hat ..."

    Das sehe ich anders: Nach 20 Jahren deutscher Einheit ist es doch wohl selbstverständlich, dass eine Darstellung der deutschen Jugend im 20. Jh. die DDR-Jugend mit einbezieht. Oder war das keine deutsche Jugend?
    Es ist einfach lächerlich, wenn immer noch so getan wird, als sei es ein Riesen-Verdienst, wenn Wissenschaftler, Historiker, Soziologen usw. endlich über ihren westdeutschen Tellerrand hinausgucken. (Mir fällt dann unwillkürlich immer das DDR-Schlagwort vom Alleinvertretungsanspruch der BRD ein, das in meiner Jugend ständig zu hören war. Sollten die ollen DDR-Bonzen noch heute Recht haben??)
    Und was soll die Betonung dessen, als was sich die DDR sah oder besser doch: als was die Ideologen die DDR sahen? Dass das alles nicht so war, weiß doch jeder. Deshalb wird der historische Wert des Buches immer noch nicht größer.

    Im Gegenteil: Ich war sehr enttäuscht über den winzigen Anteil, den die DDR-Jugend in diesem Buch ausmachte. Ich fand mich, Jahrgang 51, jedenfalls nicht vertreten. Dafür wenigstens meine Großmutter und meine Mutter (Dienstmädchen in Berlin bzw. Wandervogelbewegung usw.).

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