Mittwoch, September 22, 2010

Google Street View und die Literatur

Paul Jandl stellte heute in der "Welt" eine durchaus bemerkenswerte Überlegung zum Thema "Google und die Literatur" an. Wenn Street View sich so entwickelt, wie die Macher von Google sich das vorstellen, kann jeder Leser seine Lektüre visuell begleiten. Und so natürlich auch herausfinden, wo seine Lieblingsautoren locations frei erfunden haben.

Als Beispiel führte Jandl Max Frischs Roman "Montauk " an: «Bei Google Street View ist die Gegend um Montauk auf Long Island ein trostlos braunes Elend aus unscharf stehenden Strommasten und flachen Gebüschen. Wollte man wirklich hier verschwinden, in zärtliche Verschwiegenheit abtauchen, wie es am 11. Mai 1974 ein älterer Mann und eine junge Frau in Max Frischs 'Montauk' tun?»

Noch ist das Street View-Projekt nur in einigen Regionen der Welt verfügbar. Aber hier ergibt sich für den Leser auch ein besonderer Reiz: «Man kann schon jetzt die Koordinaten von Rolf Dieter Brinkmanns "Rom, Blicke " auskundschaften, oder Peter Handkes Reiseroute im "Kurzen Brief zum langen Abschied "», so Jandl. Wobei an dieser Stelle vermerkt sei, einige Autoren sind ohne jegliche eigene Ortskenntnisse für ihre Reiseberichte berühmt geworden. Paradebeispiel Karl May. Vielleicht werden irgendwann einmal nachkommende Generationen verwirrt Street View nutzen wollen, um auf den Spuren Winnetous zu surfen. Aber jene visuell orientierte Generation wird ohnehin denken, die Weite Amerikas sehe aus wie die Bergwelt Jugoslawiens. Denn dort wurden die meisten Karl-May-Abenteuer verfilmt.

Mir macht eine ganz andere Entwicklung Sorge: Was ist mit jenen reisefaulen Autoren in den Fußstapfen Karl Mays, die meinen, dank Street View nun über einen uneingeschränkten Fundus an regionalen Recherchemöglichkeiten zu verfügen? Da Google ja aus naheliegenden Kostengründen heraus nie vor hatte, die Straßen der Welt regelmäßig abzufahren, werden die Motive, die das Froschauge festhält, über Jahre hinaus identisch bleiben. Droht uns nun eine Flut inhaltsgleicher visueller Beschreibungen? Werden künftige Generationen zweitklassiger Autoren ihre Ortsrecherchen via Google bewerkstelligen? Auf der einen Seite entstünde so eine Literatur, die zumindest grundlegend an den geografischen Fakten orientiert und somit visuell nachvollziehbar wäre. Aber Wirklichkeit und Erleben der Wirklichkeit sind immer vom Augenblick abhängig: das beginnt bei der Änderung der Farben im Spiel der Jahreszeiten, beim Wachsen und Blühen von Büschen und Bäumen.

Irgendjemand hatte einmal in die Debatte um Street View eingeworfen, er hätte nicht viel dagegen, wenn seine spielenden Kindern von Street View gefilmt würden. Denn in Jahren, wenn Leute die Kinder bei Google sehen, seien aus den Kleinen längst aufmüpfige Teenager geworden, oder sie seien ausgezogen und studierten nun an ganz anderen Orten. Sehe ich mir meinen Garten an, wie ihn Google freundlicherweise abgelichtet hat, so hoffe ich doch stark, dass aus den zahlreichen Neuanpflanzungen diesen Jahres mit der Zeit veritable Büsche und Hecken gedeien. Pfeifenstrauch, Weigelie und Deuzie werden mit ihrer Größe dem Garten einen neuen Schwerpunkt geben, im Herbst werden die Lücken in der Hecke zum Nachbarn vom noch jungen Feuerdorn zugewachsen sein und im knalligen Gelb der Beeren leuchten. Das ist das Nette an der Natur: sie ändert sich fortwährend.

Letztlich seien Anfänger unter den schriftstellernden Kollegen an dieser Stelle noch einmal vor der vermeintlichen Sicherheit einer Street View-Recherche gewarnt: nicht nur bleibt Street View eine Momentaufnahme, die der Welt mit ihren ständigen Veränderungen nicht gerecht wird. Literatur lebt von ihren Sinneseindrücken. Zwar sind wir bereits aus Fernsehen und Kino gewohnt, Erleben auf visuelle und akustische Reize zu reduzieren, Literatur jedoch wird erst dann lebendig, wenn wir durch sie die Situationen nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen, schmecken und haptisch miterleben können. Wir erleben eine Landschaft erst dann, wenn wir sie mit allen Sinnen aufnehmen. So: forget Street View!

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