Donnerstag, September 16, 2010

Julia Grosse: Versteh mich nicht falsch!


Gestern Abend zufällig bei TV total von Stefan Raab reingezappt. Er moderierte gerade das Interview mit Julia Grosse über deren neues Buch Versteh mich nicht falsch! Gesten weltweit an. Klang spannend, auch wenn mir nicht ganz klar ist, wie Grosse die Recherchen für dieses Buch angegangen ist. Dazu sagte sie leider im Interview auch nichts, sondern erzählte lediglich, sie habe anderthalb Jahre für das Buch recherchiert. Also hier die Eckdaten:

Julia Grosse: Versteh mich nicht falsch! Gesten weltweit. Das Handbuch

Titel: Versteh mich nicht falsch! : Gesten weltweit ; das Handbuch / Julia Grosse ; Judith Reker
Fotogr. Florian Bong-Kil Grosse
Autorin: Grosse, Julia ; Grosse, Florian Bong-Kil
Ausgabe: 2. Aufl.
Verleger: München : Bierke
Erscheinungstermin: 1. Januar 2010
Umfang/Format: [128] S. : zahlr. Ill. ; 16 cm
ISBN: 978-3-9813370-0-6
EAN: 9783981337006
Einband/Preis: kart. : EUR 14.80
Schlagwörter Hand ; Gestik ; Bildliche Darstellung

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Das Problem mit Gesten ist, dass sie in anderen Kulturkreisen oft völlig andere Bedeutungen haben. Der Schumi-Daumen, der bei uns ein "Gut gelaufen", "Prima" signalisiert, ist im Iran das Äquivalent zum deutschen Stinkefinger: "Du Arschloch!". Wer da zum Beispiel in einem Vortrag seinem Publikum signalisieren will, alles sei doch ganz prima, muss sich über lange Gesichter nicht wundern. Nicht ganz so brisant, aber verwirrungsstiftend ist das chinesische Handzeichen für "acht": dort werden nämlich nur zwei Finger, Daumen und Zeigefinger, in die Höhe gehalten. Das liegt daran, dass der Daumen für die Chinesen beim Zählen ein Minus signalisiert, sprich: zehn minus zwei, macht halt acht. Dies zu wissen, kann in China durchaus hilfreich sein, wenn zum Beispiel der Marktverkäufer mit seinen Fingern wild gestikulierend durch die Luft fährt.

Da wir gerade dabei sind: das chinesische Zeichen für sechs ist das gleiche, das wir Deutschen im Alltag für "Hang loose" - "Bleib mal locker" benutzen. Yuppies führen sich diese Geste, ausgestreckter Zeige- und kleiner Finger, gern ans Ohr, um sich zu signalisieren, sie werden demnächst irgendwann mal miteinander telefonieren. Und in der Gebärdensprache bedeutet die gleiche Geste: "Ich muss mal aufs Klo". Womit bewiesen ist: es gibt nicht nur regionale Unterschiede in der Deutung von Gesten, sondern durchaus auch zwischen verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft. Diese Unterschiede muss man kennen, will man nicht galant aneinander vorbei reden.

Am Projektionsmonitor zeigte Raab zum Beispiel das Bild von George W. Bush, wie er während einer Rede das Satanistenzeichen machte. Nein, so Grosse, Bush forderte seine Zuhörer nicht dazu auf, nun das Haus zu rocken, sondern benutzte lediglich den lokalpatriotischen Gruß für Texas, der Büffelhörner symbolisiert, das Maskottchen des Staates Texas. In Italien bedeutet die gleiche Geste übrigens "Deine Frau geht fremd", also Vorsicht an alle Heavy Metal Fans, die sich dort grüßen wollen. Das kann leicht in eine Schlägerei ausarten.

Auch unser Zeichen für "Alles super", der Kreis, den Daumen und Zeigefinger bilden, kann in bestimmten Regionen sehr übel genommen werden. In Brasilien beispielsweise ist dies das gebräuchliche Zeichen für "Du Arschloch", was es früher auch in Deutschland gewesen sein soll, bevor dies vom Stinkefinger abgelöst wurde. Und in Frankreich, erzählt Julia Grosse, hänge es zumindest vom Zusammenhang ab, ob man für dieses Symbol etwas auf die Nase bekommt. Denn je nach Kontext kann es "excellent" bedeuten, aber genauso auch "zero" (z.B. "Null Toleranz") oder eben "con" (Du Arsch).

Über diese und andere Unwegbarkeiten der Zeichensprache hat die Auslandskorrespondentin Julia Grosse zusammen mit ihrer Kollegin Judith Reker ein Buch geschrieben. Die beiden haben eineinhalb Jahre lang Handgesten aus fast 50 Ländern zusammengetragen. Der Band mit 80 ganzseitigen Farbfotos und ihre Erklärungen auf der gegenüberliegenden Seite ist für jeden Traveller wärmstens zu empfehlen.


Zurzeit (16.09.10) ist das Interview von Stefan Raab mi Julia Grosse auch im Internet abrufbar. Klicken Sie hier, um das Interview auf tvtotal.prosieben.de abzurufen.

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