Donnerstag, September 30, 2010

Knaur Lektorat stellt auf neobooks um

Nachdem mein Löwen-Roman erneut ausgepackt war, fand ich es an der Zeit, einmal meinen Agenten zu konsultieren. Er hörte sich an, wie es um das Projekt stand, winkte dann ab, da er meinte, derzeit vollkommen überlastet zu sein, riet mir aber, mich mit meinem Buchmanuskript an den Knaur-Verlag zu wenden. Der hätte das Segment historischer Romane immer noch groß auf seiner Verlagsfahne. Als echter Prokrastinierer dauerte es zwischen Idee und Umsetzung ein paar Tage. Und nun, da der Vorsatz, das Buch im dortigen Lektorat einzureichen, fast zum Vollzug gereift war, kommt mir die Information in die Quere, Knaur habe sein Lektorat komplett auf die neue Site neobooks.com ausgelagert.

Ich selbst bin bis jetzt noch nicht dazu gekommen, neobooks ausgiebig zu testen. Dies hat aber Cornelia Lotter, eine Tübinger Autorin, deren Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden, getan und ihre Erfahrungen und Gedanken zu dem neuen Projekt ausführlich auf literaturcafe.de geschildert.

Die Idee hinter neobooks ist einfach: Beim Verlag gehen jeden Tag ca. 30 unverlangt eingereichte Skripte ein, die von Stil und Grammatik teilweise weit jenseits alles Beschreibbaren liegen. Warum mühsame Zeit mit der Lektüre dieser Machwerke verbringen, wenn man dies in Zeiten des web 2.0 den Internet-Usern überlassen kann? Also bekamen 180 Autoren, die vor kurzem ihre Werke bei Knaur eingereicht hatten, die Info, sie sollten statt dessen ihre Manuskripte auf neobooks online stellen. Die Leser der Seite haben nun die Möglichkeiten, die Skripte zu bewerten. Jene Skripte, die die meisten Leserstimmen erhielten, sollten dann zur Prüfung auf dem Tisch eines echten Verlagslektoren landen.

Die Hobbylektoren (im Augenblick ein erlauchter Kreis von Auserwählten, da sich neobooks noch in der Betaphase befindet) haben nun nicht nur die Möglichkeit, das gelesene Skript mit ein bis fünf Sternen zu bewerten, sondern können detaillierte Rezensionen abgeben, in denen sie sich über Handlung, Figuren, Sprache/Duktus und Struktur auslassen. Soweit ich dies sehe, sind diese Bewertungen auch für die Autoren selbst einsehbar. Und damit geht Knaur tatsächlich einen bedeutenden Schritt über die normalen Lektoratsfeedbacks hinaus.

Jeder, der bereits einmal ein Manuskript bei einem Verlag eingereicht hat, kennt die nichtssagenden Standard-Absagebriefe. Dem Wunsch, ein wenig genauer zu erfahren, warum das eigene Manuskript durch das Raster gefallen ist, wird von Verlagsseite aus schon deswegen nicht entsprochen, weil sich unweigerlich eine ellenlange Diskussion anschließen würde, mit der die verletzten Autoren ihr eigenes Werk verteidigten. Das ist legitim: die Bücher sind unsere Kinder, die wir - wie jede Tiermutter ihr Junges - mit Klauen und Zähnen verteidigen. Und andererseits haben Verlagslektoren nicht die Zeit, bei jedem abgelehnten Skript länger als unbedingt nötig zu verweilen. Sie sind von ihrer Position überzeugt, müssen es als Verlagsprofis auch sein, daher wäre jede Diskussion überflüssig.

neobooks, so meine Überzeugung, gibt dem Heer der Hobbyautoren nun die Möglichkeit, ein Feedback auf ihr Werk zu erhalten, welches zum einen frei ist von persönlichen Sympathien (dass das eigene Manuskript den Freundeskreis im Sturm erobert hat, ist kein echtes Kriterium für eine Veröffentlichung), und zum anderen gnadenlos jene Punkte aufzeigt, an denen sie aller Wahrscheinlichkeit nach noch arbeiten müssen. Dass dies immer auch einen subjektiven Zug trägt, braucht an dieser Stelle nicht erwähnt zu werden. De facto erhalten die Autoren aber zum ersten Mal einen reflektierten Blick auf ihr eigenes Werk. So zumindest die Theorie.

Natürlich kann es passieren, dass jemand, der der Fantasy-Welle überdrüssig ist, den neusten Vampir-Roman von Miss Nobody in Stücke reißt. Oder jemand, der mit der Lektüre von Stephen King groß geworden ist, dem Sprachduktus eines Doderer-Epigonen nichts abgewinnen kann. Insofern ließe sich überlegen, ob das Prinzip neobooks, das ich als Entlastung für einen Publikumsverlag als hervorragend geeignet empfinde, sich auch auf einen Verlag eher anspruchsvoller Titel wie z.B. suhrkamp übertragen ließe. Allein: zur Abwehr derer, die nicht glauben, dass Literatur etwas mit Handwerk zu tun haben könne, und die in frühkindlichem Narzißmus begeistert von sich selbst auf die Pfützen ihres literarischen Ausflusses blicken, hilft so ein Portal allemal.

Das mag hart klingen, aber als Kleinverleger habe ich es selbst oft genug erlebt, dass Autoren so begeistert von sich waren, dass sie jedes Arbeiten an den eigenen Texten kategorisch ablehnten und sich wunderten, dass für mich eine Veröffentlichung völlig indiskutabel war. Und andererseits begegne ich im Netz einer Unzahl von Texten, die als Hobbytexte völlig OK sind, die sich aber für eine Veröffentlichung nicht die Bohne eignen würde. Schreiben als Hobby hat ohne Zweifel seinen Wert. Aber sobald es darum geht, einen Verlag zu finden, sind zwei Seiten involviert. Und dann zählt eben nicht nur die Zeit, die der Künstler mit der Erstellung seines Werkes verbracht hat, sondern auch die der Lektoren, die mühsam aus der Vielzahl an Einsendungen die wenigen Perlen heraussuchen müssen. neobooks' Procedere ist vielleicht nicht frei von Problemen, eröffnet aber eine Möglichkeit, beiden Seiten Positives zu bieten.

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