Montag, September 13, 2010

Natascha Kampusch: 3096 Tage

Natascha Kampusch: 3096 Tage

Titel: 3096 Tage : Wie ich achteinhalb Jahre in Gefangenschaft überlebte / Natascha Kampusch
Autorin: Kampusch, Natascha
Verleger: Berlin : List, Paul
Erscheinungstermin: 8. September 2010
Umfang/Format: ca. 220 S.
ISBN: 978-3-471-35040-9
EAN: 9783471350409
Einband/Preis: GB. : EUR 19.95

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3096 Tage lang war Natascha Kampusch entführt, gefangen in einem Verlies, dass der 35jährige Wolfgang Preklopil im Keller seines Hauses eingerichtet hatte. Im Alter von zehn Jahren wurde sie auf dem Schulweg von Preklopil entführt und erst acht Jahre später gelang ihr die Flucht. Das Medieninteresse war damals gewaltig, und ein ganzes Heer von Beratern fand sich um sie ein, um die Anfragen zu kanalisieren.

Jetzt, vier Jahre nach ihrer Flucht, legt sie einen Band vor, in dem sie auf diese 3096 Tage zurückblickt. Um es vorweg zu nehmen: sie hat das Buch nicht selbst geschrieben, obwohl die Medien immer wieder auch auf ihren eloquenten, ausdrucksstarken Sprachduktus hinwiesen, den sich Natascha Kampusch in ihrem Verlies beim Hören des Kultursenders Ö1 angeeignet hatte. Die Namen der beiden Journalistinnen, die Kampuschs Erinnerungen ghosteten, werden allerdings vom Verlag nicht bekannt gegeben, erscheinen nicht auf dem Titel und nicht in den bibliografischen Angaben zum Buch.

Das ZDF Kulturjournal "aspekte" brachte am 10.09.2010 ein Feature über das Buch: ein bisschen Autorenlesung, ein bisschen Interview, ein bisschen Zusammenfassung der Ereignisse. Sie können den Beitrag in der ZDF-Mediathek ansehen (hier klicken, um zum Video in der ZDF-Mediathek zu gelangen!). Er zeigt Natascha Kampusch bei der Buchpräsentation von '3096 Tage' in Wien, wie sie in ihrer bekannten, leicht stockenden Art Passagen aus dem Werk vorträgt. Sie wolle, so heißt es, mit diesem Buch die wüsten Spekulationen der Boulevard-Presse beenden. Das jedoch klingt für mich nur bedingt logisch - denn so stark das Medienecho in den ersten Monaten war, so entspricht es doch nicht der Funktionsweise der Medien, eine Schlagzeile von vor fünf Jahren künstlich am Leben zu erhalten. Oder anders: ohne das Buch wäre der Rummel um Natascha Kampusch mit einiger Sicherheit weitestgehend verebbt. Dieses Buch - auch wenn die Kampusch es vielleicht selbst anders sieht - kann nicht dazu dienen, die Boulevard-Journaille ruhig zu stellen.

Im besten Falle half ihr die Aufarbeitung der acht einhalb Jahre mithilfe der beiden Journalistinnen, das eigene Trauma zu verarbeiten und sich so aus der Opfer-Rolle zu befreien. Dies ist ihr zu wünschen, und ein wenig liegt es nahe - zumindest in der Sichtweise der Redakteurin des aspekte-Beitrags, die die Kampusch in erster Linie zu einer starken Frau stilisiert. Hat Kampusch doch die 3096 Tage erstaunlich gut überstanden, indem sie in ihrem Entführer Preklopil in erster Linie den Menschen mit seinen Schwächen, nicht den übermächtigen Entführer sah. Man muss verzeihen können, habe sie schon als Kind gelernt. So sagt sie im Interview. Man müsse Nachsicht üben mit Menschen, bei denen etwas nicht stimmt. Und: Sie habe nach ihrer Freilassung vielen Frauen kennen gelernt, denen es in ihren Beziehungen letztlich ganz ähnlich gegangen sei. Denn viele Männer hätten insgeheim diesen Wunsch, eine Frau ganz für sich zu besitzen. Der einzige Unterschied sei, dass diese zumeist physisch nicht so weit gingen, ihre Frauen einzukerkern.

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