Donnerstag, September 30, 2010

Titus Müller: Die Jesuitin von Lissabon

Titel: Die Jesuitin von Lissabon : historischer Roman
Verfasser: Müller, Titus
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Rütten & Loening
Erscheinungstermin: 1. März 2010
Umfang/Format: 453 S. ; 22 cm
ISBN: 978-3-352-00782-8
Einband/Preis: Pp. : EUR 19.95
Schlagwörter: Lissabon ; Jesuiten ; Ordensleben ; Politische Verfolgung ; Geschichte 1755 ; Belletristische Darstellung

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Lissabon, 1755: Europa im Zeitalter der Aufklärung. Noch immer legen charismatische Prediger ihren Bannfluch auf alle Neuerungen, während die Wissenschaft immer weitere Fortschritte macht. Als ein Erdbeben Lissabon in Schutt und Asche taucht, nutzt das der Jesuitenpater Gabriel Malagrida, um die Bevölkerung zurück zur Kirche zu ziehen. Allein der junge Antero Moreira de Mendonça, einst ein Zögling Malagridas, stellt sich gegen den selbsternannten Propheten und sucht nach den wahren geologischen Zusammenhängen hinter dem Beben. Dies jedoch nicht aus rein wissenschaftlichen Gründen. Er will mit seinem Wissen die Bevölkerung aus der Gefolgschaft Malagridas befreien, sie frei machen von einem Leben in der Furcht Gottes.

Mendonça ist Vater einer Tochter, die er nach dem Tod seiner Frau aufgrund seines unsteten Lebens bei einer Pflegefamilie untergebracht hat. Nun haben sich beide Töchter des Hauses in ihn verliebt, sowohl die schöne, aber hartherzige Leonor, als auch deren aufopferungsvolle, aber schüchterne Zwillingsschwester Dalila. Mendonça nutzt diese Liebe, um regelmäßig im Haus der Pflegefamilie nach dem Rechten sehen zu können, denn die Töchter wissen nicht um die familiären Beziehungen, die ihn dorthin treiben. Dafür weiß Mendonça nicht, dass Leonor heimlich als Spionin für die Jesuiten tätig ist.

Titus Müller schildert in seinem Roman "Die Jesuitin von Lissabon" detailgenau die Zustände in der portugiesischen Hafenstadt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Er hat den damaligen Forschungsstand zum Thema Erdbeben akribisch recherchiert und im Anhang seines Buches dokumentiert. Und auch vieles von dem, was er über die historische Figur Gabriel Malagridas herausgefunden hat, lässt er sowohl in dem Roman einfließen als auch in den Sachanhang. Ebenfalls erwähnenswert ist die sinnliche Darstellung vieler Szenen, in denen gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt und gefühlt wird. Hier liegt eindeutig eine Stärke des Autoren, der mit der "Jesuitin" seinen siebten Roman veröffentlicht hat (und an zwei weiteren irgendwie beteiligt war).

Damit liegt Titus Müller vielleicht sogar über dem Niveau dessen, was derzeit sonst auf dem Markt historischer Romane zu erwarten ist. Auch erkenne ich die Absicht, die Charaktere mehrdimensional anzulegen, obwohl mir die Personen insgesamt noch zu holzschnittartig gut oder böse erschienen. Ihm gelingt es, historische Szenen bildlich und sinnlich vor Augen zu führen, und sein Roman machte mich neugierig auf den Anhang, in dem er die historischen Fakten hinter dem fiktiven Geschehen ausbreitet.

Allein: zu überzeugen vermochte mich das Buch nicht. Das liegt in erster Linie daran, dass sich Müller in dem Roman an einem theologischen Konflikt abarbeitet, letztlich aber bei seinen Recherchen komplett darauf verzichtet hat, die theologischen Strömungen jener Zeit nachzuvollziehen oder gar nachzuzeichnen. So greift er zwar immer wieder die Frage nach Gott und dessen Rolle im Zeitgeschehen auf, seine Positionen jedoch bleiben phrasenhaft und spiegeln in erster Linie den freikirchlichen Denkansatz von Jesus als dem persönlichen Erlöser und einem liebenden Gottvater wieder, der das Leid in der Welt nur deswegen zulässt, weil er uns die Freiheit gegeben hat zu tun, was wir tun wollen.

Insofern bekommt der Roman immer dann, wenn es inhaltlich um Religion geht, den Flair eines Traktat der Siebenten-Tags-Adventisten, zu denen Titus Müller gehört, statt sich dem Kernthema, der Auseinandersetzung jener Zeit zwischen Kirche und Wissenschaft, formal wie inhaltlich zu stellen. Dies mag für wiedergeborene Christen erbaulich sein. Eventuell mag auch der ein oder andere Leser seine Ressentiments gegen den Glauben durch die Lektüre relativieren - und ich nehme an, dies war die Absicht hinter den Glaubensdiskussionen im Text. Aber das, was ich von einem historischen Roman erwarte, nämlich mich mit hineinzunehmen in die Zeit und die Fragen der Zeit, kann "Die Jesuitin von Lissabon" auf diesem Weg nicht leisten.

Ähnlich unwohl fühlte ich mich angesichts der Titelheldin des Romans. "Die Jesuitin", das klingt - wohl nicht unbeabsichtigt - nach der "Päpstin". Der Titel spielt mit dem Skandalon, eine Frau innehalb einer Organisation zu sehen, die eigentlich nur für Männer zugelassen ist. Dabei mag das Spiel mit der Erwartungshaltung der Leser allein schon deswegen in die Irre führen, weil die reale Johanna als Päpstin zur zentralen Person der katholischen Kirche wurde, während die fiktive "Jesuitin von Lissabon" innerhalb des Romans lediglich eine Randfigur im Geschehen darstellt. Frauen waren im Jesuitenorden nur eine sehr kurze Zeitspanne über offiziell zugelassen. Nun gibt es diverse Belege dafür, dass Frauen in den geheimen Sodalitäten der Jesuiten eingeschrieben gewesen waren, unter der Hand während bestimmter Epochen also durchaus Jesuitinnen aktiv im Orden tätig gewesen sein konnten. Leonor, die Frau, auf die der Titel anspielt, hält jedoch lediglich über den Pater Malagrida Kontakt mit den Jesuiten, ist für diese als Spionin tätig, und - so, wie es der Roman darstellt - in keiner Weise in den Orden integriert, sondern lediglich assoziiert.

Dementsprechend findet sich in der "Jesuitin von Lissabon" auch keinen Platz für eine Innensicht dieser umstrittenen Ordensgemeinschaft, wie ich sie vom Titel her erwartet hätte. Über das durchaus spannende Tabuthema Frauen im Jesuitenorden ist folgerichtig auch nicht mehr als ein Satz zu erfahren. Meines Erachtens hat sich Titus Müller in beiden zentralen Punkten - sowohl der theologischen Denkweise jener Zeit, als auch der Rolle der Frauen bei den Jesuiten - um eine gründliche Recherche gedrückt. Das hätte funktionieren können, hätte er das Buch - in Anlehnung an Kleist - "Das Erdbeben von Lissabon" genannt, und auf den Plot mit den Jesuiten verzichtet. Robert Harris hatte 2003 mit dem Untergang von "Pompeji" äußerst erfolgreich einen solchen Roman veröffentlicht, der sich ganz auf die Naturkatastrophe fokussierte, und bei dem auch die Intrigen des Plots direkt darauf zielten, die Vorwehen der Katastrophe herauszustreichen.

Titus Müller jedoch hat in der "Jesuitin von Lissabon" keine seiner Geschichten wirklich ausgereizt. Sowohl die Liebesgeschichte wirkt ein wenig blutleer, wie nebenbei erzählt. Und auch der Kampf zwischen Malgrida und Mendonça bewegt sich auf weiten Strecken auf der Ebene eines halbwissenschaftlichen Geplänkels, in dem Mendonça für sich allein seine Buchrecherchen durchführt. Dies Problem wird ev. noch dadurch verschärft, dass Müller die Position des Jesuiten Malagrida so gut wie gar nicht beleuchtet. Wir betrachten den Konflikt also nur von einer Seite aus, was wenig hilft, die beiden Seiten eines Konflikts nachzuvollziehen und bei den Schachzügen der beiden Parteien mitzufiebern. Der oben genannte Grundkonflikt zwischen Kirche und Wissenschaft, der meiner Ansicht nach das thematische Zentrum der Geschichte ist, bewegt sich dadurch auf einer wenig greifbaren, fast akademischen Ebene, und bleibt indirekt. Alles in allem hätte ich dem Buch einen anderen Berater an der Seite gewünscht, der mit Titus Müller die inhaltlichen Konflikte deutlicher herausgekitzelt und das Thema des Romans stärker strukturiert hätte. Denn "Die Jesuitin von Lissabon" hätte durchaus mehr hergegeben als den schnell vergessenen Unterhaltungsroman, der das Buch auf diese Weise geworden ist.
Nachtrag vom 05.10.2010: Diese Rezension lag mir einige Tage schwer im Magen, zumal ich in einer ersten Fassung sehr emotional auf das Buch reagiert habe - wenig hilfreich für den Leser, und vor allem verletzend für den Autoren. Sorry, mea culpa! Ich hoffe, dass diejenigen, die die erste Fassung gelesen haben, nicht zu sehr irritiert wurden. Bless ye!

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