Samstag, Oktober 09, 2010

Ari Hiltunen: Aristoteles in Hollywood

Wenn Literatur funtionieren soll, muss ein Autor wissen, was er tut. Deswegen ist es meiner Ansicht nach unerlässlich, dass sich jeder Romanautor mit Dramaturgie auseinander setzt. Das gehört zum Handwerkszeug des Schreibens, und wenn Handwerk vielleicht auch nicht alles ist in der Belletristik, so ist es doch elementar.
Dies ist der Grund, warum ich über Jahre hinweg die kleine orange Reclam-Ausgabe von Aristoteles Poetik mit mir herumschleppte. Immer dann, wenn ich gerade ein wenig Zeit hatte, zog ich das zweisprachige Bändchen aus meiner Hosentasche und las ein paar Seiten, rekapitulierte sie, beinahe einem Mantra gleich, versuchte auf diese Art auch mein Griechisch auf Vordermann zu halten (ja, in der Uni habe ich neben Latein und Alt-Hebräisch auch Alt-Griechisch belegen müssen).

2001 kam dann ein Band heraus, der die zugegebener Maßen manchmal etwas trockene Lektüre von Aristoteles plötzlich mit neuem Leben füllte. Ari Hiltunen, seines Zeichens Chefeinkäufer des finnischen Fernsehsenders YLE, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Poetik zu entschlüsseln, die oftmals von Aristoteles nicht näher definierten Begrifflichkeiten mit Leben zu füllen und anhand der modernen Dramentheorien zu verifizieren. Herausgekommen ist dabei Aristoteles in Hollywood, ein Handbuch, das ich jedem Autoren nur wärmstens ans Herz legen kann. Plötzlich bekommen hamartia und peripeteia, anagnorisis und vor allem die viel beschworene katharsis einen Kontext, der weit über die griechischen Tragödien hinausweist. Hiltunen vergleicht Aristoteles’ Ansatz mit Alfred Hitchcock, analysiert eine Folge von Emergency Room, geht den Aufbau von Romanzen durch und tut mithin alles, um die alte „Poetik“ für uns Leser des 21. Jahrhunderts greifbar zu machen.

Zwei Dinge sind mir bei der Lektüre unter anderem aufgegangen: eine gut konstruierte Geschichte mit all ihren Verwicklungen sollte nie vollständig chronologisch erzählt werden. Spannung entsteht in dem Augenblick, wenn die Handlung, die der Leser (oder Zuschauer) miterlebt, etwa im letzten Drittel der Geschehnisse ansetzt. Dadurch bekommen die Figuren einen reichen Background, werden also vom Leser als vielschichtig wahrgenommen. Und der Autor hat die Möglichkeit, durch Andeutungen, Erkenntnisse etc. nach und nach die Zweidrittel der Geschichte in den Text zu verweben, die bisher unerzählt blieben. Diese Verfahrensweise ist für Krimis existenziell, bei denen der Protagonist zusammen mit dem Leser die Vorgeschichte einer Tat mühsam herausfinden muss. Aber es funktioniert de facto genauso bei jedem Drama: auch Oedipus’ Geschichte wird ja nicht von seiner Geburt an chronologisch erzählt, sondern setzt erst dort an, wo Theben unter Missernten, Geburtenrückgang und schließlich einer Seuche zusammenbricht, und der gütige König Oedipus den Seher Thereisias um Rat fragt, warum in seiner Stadt alles zum Teufel geht. Erst jetzt rollt sich das Drama Stück für Stück von hinten auf.

Eine zweite Sache, die mir bei der Lektüre Hiltunens aufgegangen ist: Spannung lässt sich nur erzeugen, wenn wir als Leser/Zuschauer beide Parteien eines Konflikts erleben können. Wir Rezipienten brauchen den Wissensvorsprung, der uns mit den Protagonisten mitleiden lässt. Erst wenn wir wissen, dass der Held der Geschichte sehenden Auges in sein Unglück läuft, - wenn wir also auch um die Schlichen des Antagonisten wissen -, können wir wirklich mitfiebern. Deswegen sind wir gut beraten, bei der Strukturierung eines Plots nicht nur die Sicht des Helden zu schildern, sondern zumindest einen Teil der Geschichte auch aus Sicht des Antagonisten zu schildern.
Sicher, bei dieser Regel fallen mir unzählige Ausnahmen ein, in denen die Story auch dadurch funktionierte, dass die Bedrohung des Helden derart übergroß geschildert wird, dass wir auf die Position des Antagonisten getrost verzichten können. Die Wendepunkte der Handlung erleben wir dann als Überraschungsmoment, nicht als Suspense. Das kann dramaturgisch gut gehen. Allerdings nehmen wir uns ein brauchbares Instrument zur Erzeugung von Spannung, wenn wir uns der Sicht des Antagonisten nicht bedienen.

Das sind nur zwei von etlichen Aha-Erlebnissen, die ich bei der Lektüre Hiltunens hatte. Leider ist das Buch heute nur noch gebraucht zu bekommen, auch wenn der Verlag es seinerzeit als „Das neue Standardwerk der Dramaturgie“ anpries. Meiner Ansicht nach lohnt es sich, nach einem gebrauchten Exemplar des Werks zu suchen. Wichtiger aber noch ist mir, sich überhaupt neben dem eigenen Schreiben regelmäßig mit den Theorien des Schreibens auseinander zu setzen. Bücher zu diesem Thema gibt es unzählige. Ständig kommen neue auf den Markt, und zumeist ändern sich auch die darin analysierten Werke. Ich persönlich glaube nicht, dass es „die eine Methode“ gibt, mit der sich der todsichere Bestseller schreiben lässt. Ich bin aber davon überzeugt, dass es jedem Autoren gut tut, sein Handwerkszeug regelmäßig zu erweitern. Und das funktioniert eben nur, wenn wir uns ansehen, welche Theorien über Dramaturgie im Umlauf sind und wie wir diese am sinnvollsten für uns umsetzen.


Titel: Aristoteles in Hollywood : das Standardwerk der Dramaturgie / Ari Hiltunen. Mit einem Vorw. von Christopher Vogler. Aus dem Engl. von Michael Benthack
Autor: Hiltunen, Ari
Ausgabe: Dt. Erstveröff., 1. Aufl.
Verleger: Bergisch Gladbach : Bastei Lübbe
Erscheinungsdatum: 25. September 2001
Umfang/Format: 282 S. ; 21 cm
Gesamttitel: Bastei-Lübbe-Taschenbuch ; 94013 : Buch & Medien
Einheitssachtitel: Aristoteles hollywoodissa
Anmerkungen: Literaturverz. S. 280 - [283]
ISBN: 3-404-94013-X
Einband/Preis: kart. : DM 29.90, EUR 14.95 (ab 1.1.2002)
Schlagwörter: Aristoteles / De arte poetica ; Rezeption ; Drehbuch ; Dramaturgie

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