Freitag, Oktober 08, 2010

Morgenseiten gegen Schreibblockade

Wahrscheinlich kennen das die meisten Autoren, die einmal versucht haben, ihre Texte zu Geld zu machen: irgendwann kommt der Punkt des Selbstzweifels. Sind meine Texte wirklich lesbar? Brauchbar? Eventuell haben Sie sogar schon ein erstes, vom Feuilleton beachtetes Buch geschrieben. Und nun quält sich das zweite Projekt dahin, ohne wirklich voranzukommen. Sie wissen, eigentlich können Sie schreiben. Oder zumindest ahnen Sie es. Aber etwas in Ihnen wehrt sich. Manche nennen es 'Angst vor der leeren Seite', manche, ganz amerikanisch, 'Writers Block'. Mich selbst hat diese Schreibblockade fast sieben Jahre völlig außer Gefecht gesetzt, nachdem mir 2002 mein Agent erzählte, gleich drei Verlage hätten sich an meinem Skript in progress interessiert gezeigt. Nichts ging mehr. Niente. Nada.

Irgendwann hatte ich die Faxen dicke, und ich habe mich mit der üblichen Literatur für werdende Autoren eingedeckt. Der Tipp, der sich immer wieder durch sämtliche Ratgeber zog, lautete: schreiben, schreiben, schreiben. Jeden Tag nicht weniger als drei Seiten. Leichter gesagt als getan bei einer echten Schreibblockade. Die Spirale drehte sich abwärts. Nun war ich nicht nur deprimiert, weil ich nicht schrieb, sondern weil der Druck dazu kam, mich von meinem Traum zu schreiben zu verabschieden, weil ich eben nicht in der Lage war, dem Rat der Gilde der Autoren zu folgen. [Genauso konfus fühlte es sich auch an :-)]

Den ersten Einstieg, wieder neu zu beginnen, bekam ich durch Dorothea Brandes "Schriftsteller werden". Sie meinte zwar auch, für jeden werdenden Autoren sei es wichtig, zu aller erst täglich zu schreiben, hatte aber einen brauchbaren Rat, der deutlich über den bloßen Imperativ hinaus ging: Setz dich jeden Morgen, direkt nach dem Aufstehen, an den Schreibtisch. Schreib auf, was immer dir in den Sinn kommt. Wichtige Grundregel: diese Morgenseiten sind nicht zur Veröffentlichung bestimmt! Zeige sie auch nicht deinen besten Freunden oder dem Partner! Denn die Morgenseiten sind noch intimer als ein Tagebuch, sie sind das erste zarte Pflänzchen gegen die Schreibblockade, und sie sind daher sehr anfällig gegen jegliche Kommentare, gegen Kritik oder Nachfragen. Diese Morgenseiten können alles beinhalten, was dir beim Schreiben gerade einfällt: der Traum, aus dem du gerade erwacht bist; die Dinge, die am heutigen Tag vor dir liegen; emotionale Themen, die dich gerade umtreiben. Wichtig allein: setz dich an den Schreibtisch, bevor du die Zeitung gelesen oder das Radio eingeschaltet hast. Denn die Worte sollten aus dir allein kommen, ohne von anderen Worten beeinflusst worden zu sein.

Dorothea Brande veröffentlichte ihr Büchlein "Schriftsteller werden" bereits 1934, und ich habe in den letzten Jahren von vielen Menschen gehört, die genau wissen, was Morgenseiten sind, und wie sie funktionieren. 1992 griff die ehemalige Ehefrau von Martin Scorcese, Julia Cameron, das Thema der Morgenseiten in ihrem Buch "Der Weg des Künstlers " wieder auf, ein Buch, das sich einzig und allein um das Thema 'Überwindung von Schreibblockaden' dreht.

Während Brande davon ausgeht, dass die Texte der Morgenseiten von allein länger und länger werden, weil die werdenden Autoren mit der Zeit in den Schreibfluss hineingeraten, stellt Cameron gleich zu Anfang die Aufgabe, mindestens drei Seiten zu füllen. Irgendwann, weiter hinten im Buch, stellt sich dann in einem Nebensatz heraus, dass sie dabei an ein Notizbuch dachte - somit ist die Aufgabe nicht ganz unüberwindlich. Die Erfahrung zeigt aber tatsächlich, dass selbst drei eng beschriebene Computerseiten nach einer gewissen Zeit kein Problem mehr sind - unter der Voraussetzung, dass der Autor fit im Zehn-Finger-System ist. Aber dies kann ich ohnehin jedem, der irgendwann vom Schreiben leben will, nur wärmstens anempfehlen. Denn es gibt wohl kaum etwas, das den Schreibfluss mehr behindert, als jeden Buchstaben einzeln auf der Tastatur suchen zu müssen.

Der Mechanismus, der hinter den Morgenseiten steht, hat etwas durchaus Surreales an sich. Nicht umsonst hatten die Surrealisten um Max Ernst und André Breton seinerzeit vom Bewusstseinsstrom geredet, den sie durch ihre Art der Literatur sich Weg brechen lassen wollten. Indem sie ihre Gedanken nicht filtern, kann die innere Kreativität wieder in Fluss geraten - solange der innere Zensor nicht zuschlägt. Deswegen raten sowohl Brande als auch Cameron, die Morgenseiten nach dem Schreiben zunächst nicht zu lesen und schon gar nicht zu bewerten.

Was passiert, wenn man sich dieser Morgenseiten regelmäßig annimmt? Meiner Erfahrung nach kommen die Gedanken tatsächlich wieder in Fluss. Das Zutrauen in die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken, wächst. Das Schreiben verliert den überhöhten Status, der normalerweise zur Schreibblockade führt. Ich selbst habe dadurch wieder Lust bekommen, auch öffentlich zu schreiben. Während ich früher manchmal in einem Monat vielleicht drei bis fünf Beiträge für diesen Blog produzierte, schrieb ich, nachdem ich mit den Morgenseiten begann, fast täglich einen Beitrag. Und habe die Absicht, die Produktion weiter zu steigern.

Meiner Meinung nach ist alles, was ich selbst durchdenke, auch wert, festgehalten zu werden - unabhängig davon, ob es sich um ein Buch handelt, das ich gelesen habe, oder lediglich um einen Fernsehbeitrag über einen bestimmten Autoren, den ich für mich in eigenen Gedanken festhalte. Das ist doch die Idee hinter einem Blog: zu einem bestimmten Thema die Infos, die man selbst gesammelt hat, schriftlich zu fixieren. Bei mir ist es eben das Thema "Bücher". Dieses regelmäßige Veröffentlichen hilft, aus dem Status des reinen Tagebuchschreibers herauszugehen und Dinge so auszuformulieren, dass auch andere davon profitieren können.

Zurück zu Cameron: in ihrem "Weg des Künstlers" hat sie ein Zwölf-Wochen-Programm gegen Schreibblockaden entwickelt. Die Morgenseiten, die sie bereits in der ersten Woche vorstellt, sind lediglich der Beginn, die Grundlage für das Arbeiten an den eigenen Blockaden. Daneben stellt sie viele Fragen und Aufgaben, die einen durch die drei Monate des inneren Wachstums begleiten sollen.

Zu den glühenden Verfechtern von Camerons "Weg des Künstlers" gehört übrigens Christine Westermann, die Moderatorin von "Zimmer frei" mit Götz Alsmann. Irgendwann einmal habe ich von ihr ein Interview gesehen, bei dem sie ihr persönliches Lieblingsbuch vorstellen sollte. Sie erzählte dann, wie ihr Camerons Buch Mut gemacht hat, selbst mit dem Schreiben zu beginnen. Zwar bemängelte sie (wie ich) die spirituell angehauchte Diktion Camerons (nicht ohne Grund erschien das Buch früher in der Esoterik-Reihe bei Knaur), meinte aber, dass man sich über dies ständige Aufrufen eines Gottes, der uns zur Kreativität beruft, gut hinweglesen kann. Denn die Tipps zur Kreativität funktioniert durchaus auch, wenn wir nur auf die eigene Mitte achten und an einen kreativen Fluss, der aus uns herauskommt.

Auch Brandes Buch "Schriftsteller werden" kämpft vor allen Dingen mit den Problemen von Schreibblockaden, was vor allen für diejenigen, die einfach mehr über den Beruf und die Bedingungen des Schriftsteller-Daseins wissen wollen, frustrierend sein kann. Mir persönlich ist Brandes Weg zu formalistisch. Sie geht davon aus, dass vieles im Leben der Autoren reine Routine ist. Wenn wir uns einmal daran gewöhnt haben, die Morgenseiten zu schreiben, dann können wir unseren kreativen Output steigern, indem wir auch am Nachmittag (oder Abend, je nach Wahl) eine kreative Zeit einplanen. Und so fort. Dies mag zwar in der Theorie funktionieren, lässt aber unsere inneren Widerstände dabei völlig außer acht. Hier geht Cameron deutlich weiter, indem sie die werdenden (oder neu erwachenden) Künstler dazu bringt, über sich selbst, ihre Sozialisation und vor allem die Hemmnisse auf ihrem Weg nachzudenken. Wer den psychologischen Ansatz allerdings nicht mag, kann über Dorothea Brande vielleicht zum selben Ziel kommen: die Überwindung der Schreibblockade.

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