Montag, November 15, 2010

Erma Bombeck: Nur der Pudding hört mein Seufzen

Manchmal überkommt es mich. Ich packe einen Karton Konvolut aus, schlage ein x-beliebiges Buch auf und lese mich fest. Dann können Stunden vergehen, bevor ich mich wieder ans Arbeiten mache. Im besten Fall koche ich mir noch eine Kanne Tee, verziehe mich unter die Leselampe und tauche ein in die Lektüre. Das kann mir bei Büchern aller Art passieren, egal, ob es ein alte Ausgabe mit Gedichten von Keats ist oder ein abgegriffenes Taschenbuch, dessen Titel mich an eine weit zurückliegende Zeit erinnert.

Erma Bombecks Nur der Pudding härt mein Seufzen stammt aus den 60er Jahren, ist hier in Deutschland aber erst 1980 veröffentlicht worden. Der englische Originaltitel, At wit's end, zeigt ein wenig deutlicher, worum es eigentlich geht: Da ist eine Hausfrau mit ihrem Latein am Ende, eigentlich wird ihr alles zu viel, aber statt in die Therapie zu gehen, beschließt sie, ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen. Und sie tut das mit einer solchen Überspitzung und Ironie, dass ich als Leser gar nicht anders kann, als mich in den Sog ihrer Alltagserfahrungen hineinziehen zu lassen. Und herzhaft über all die kleinen, nur allzu bekannten Katastrophen des täglichen Lebens zu lachen:

Erma Bombeck: Nur der Pudding hört mein Seufzen

Titel: Nur der Pudding hört mein Seufzen / Erma Bombeck
Aus dem Amerikan. von Isabella Nadolny
beigefügte Werke: Wenn meine Welt voll Kirschen ist, was tu' ich mit den Kernen?/Ich hab' mein Herz im Wäschekorb verloren
Autorin: Bombeck, Erma
Ausgabe: 12. Aufl.
Verleger: Bergisch Gladbach : Lübbe
Erscheinungsdatum: 28.04.1987
Umfang/Format: 654 S. ; 18 cm
Gesamttitel: Bastei-Lübbe-Taschenbuch ; Allgemeine Reihe
Originaltitel: At wit's end
ISBN: 978-3-404-10887-9
Einband: kart.

Leider ist für dieses Buch derzeit keine Leseprobe verfügbar, und es ist schwer zu vermitteln, warum eine bekennende Hausfrau, die nichts anderes tut, als über ihren ganz normalen Familienalltag zu berichten, auf ein derartiges Leserecho stoßen kann, dass ihr Buch sich allein in Deutschland mittlerweile weit über 2 Millionen mal verkauft hat. Als ich das Buch drei Stunden und 220 Seiten später aus der Hand legte, hatte sich meine Laune deutlich gebessert. Nein, das war kein vertaner Abend, sondern hat mich neu geerdet und meinen Blick auf die Unbill des täglichen Lebens verändert.

Wie kam es, dass ich mich so schnell festlas? Eine Freundin von mir, Mutter dreier Töchter, von denen zwei mitten in den Wehen ihrer Pubertät stecken und die dritte gerade einen Probelauf für ihren späteren Aufstand unternimmt, hatte gerade die Fahne geschwenkt und sich in Therapie begeben. Nun weiß ich, dass sie zwischenzeitlich gern leichte Hausfrauenlektüre konsumiert. Über Hera Lind konnte sie sich köstlich amüsieren. Nun erinnerte ich mich daran, dass ich vor dreißig Jahren meine Mutter mit Erma Bombeck beglückt hatte - ohne den Pudding selbst zu kennen, einfach, weil der Name der Autorin damals in aller Munde war. Mutter war begeistert gewesen. Auch sie stand auf das, was man damals unter leichter Lektüre verstand. Also musste ich jetzt, als ich das zerlesene Taschenbuch aus dem Karton holte, unweigerlich an die Freundin denken und begann, in dem Band zu blättern.

Schon auf den ersten Seiten macht Bombeck klar, dass sie selbst sich mitten in einer Depression befand, als sie auf die Idee kam, sich ihren Ärger über Kinder, Ehemann und Hausfrauenpflichten vom Leib zu schreiben. Wenn ich in dem Buch also mit einem rechnen konnte, dann mit einem gewissen Grad an Empathie für die gestresste Familiendompteurin.

Die Art jedoch, wie sie ihren Alltag überzeichnet und ironisch zuspitzt, ist mehr als nur der Versuch, sich über ihre Umgebung lustig zu machen. Erma Bombeck bricht den Dramen, die allesamt einen hohen Wiedererkennungswert haben, mit einem Augenzwinkern die Spitze ab. Dass sie sich selbst in ihren Beschreibungen nicht allzu ernst nimmt, mag ihr geholfen haben, über das Schreiben ihre Depression abzubauen. Für mich als Leser ist sie ein Glücksfall. Ein kleines Glück, sicher. Weit entfernt von allem, was man als hohe Literatur bezeichnen könnte. Aber eben verdammt dicht dran an der Wirklichkeit.

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