Donnerstag, Dezember 02, 2010

SWR Bestenliste Dezember 2010

Diesmal hat das Team aus 30 Literaturkritiker und -kritikerinnen, das die Jury der SWR Bestenliste bildet, ganze Arbeit geleistet und sich durch einen Wust neuer Titel gearbeitet. Gleich sieben von zehn Titeln stehen im Dezember 2010 zum ersten Mal auf der Liste. Nicht alles wirklich neue Texte - so haben die Verlage Haffmans & Tolkemitt Samuel Pepys' Tagebücher (1660-1669) ausgegraben und in einem 9-bändigen Schuber auf den Markt geworfen: Pepys war Staatssekretär im englischen Marineamt, Präsident der Royal Society und Abgeordneter des englischen Unterhauses. In seinen Tagebüchern beschrieb er Staatsaktionen am Hof und im Marineamt ebenso wie alltägliche Erlebnisse und wurde so zu einem der wichtigsten Chronisten seiner Zeit. Er starb 1703. Zwar gab es in den letzten Jahren immer mal wieder Auszüge aus diesen Tagebüchern in deutscher Übersetzung, etwa "Der erotische Pepys" bei Eichborn oder eine immerhin 480 Seiten starke Auswahl "Tagebuch aus dem London des 17. Jahrhunderts" bei Reclam - aber im Vergleich zu den 4416 Seiten der neuen Haffmans-Ausgabe war das bisher wenig mehr als ein Anfüttern, ein Appetitmachen.

Neben Samuel Pepys sind Henning Ritter, Peter Esterhazy, Iwan Bunin, Günter Grass, Thomas Bernhard und Annette Mingels neu dabei. Reiche Ausbeute also für alle Literaturbegeisterten:

Platz 1 (4-5) 98 Punkte

GISELA VON WYSOCKI: Wir machen Musik

Titel: Wir machen Musik : Geschichte einer Suggestion / Gisela von Wysocki
Autor: Wysocki, Gisela von
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Suhrkamp
Erscheinungstermin: 11. Oktober 2010
Umfang/Format: 257 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-518-42208-3
Bestellnummer(n): 42208
EAN: 9783518422083
Einband/Preis: Pp. : EUR 22.90
Schlagwörter: Odeon-Werke ; Normalrillen-Schallplatte ; Musiker ; Vater ; Geschichte 1924-1947 ; Belletristische Darstellung
Mittelschwere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Der Vater, ein Pionier der frühen Schellack-Kultur, holt in den zwanziger und dreißiger Jahren die Tanz- und Varietéorchester Berlins ins ODEON-Aufnahmestudio. Später, in der Nachkriegszeit, bringt er jeden Abend aus der Stadt eine neue schwarze Scheibe mit, aus der zum Schrecken der Tochter laute Musik ertönt. Der Vater erscheint ihr als Zauberer, der Opernsänger, Pianisten und ganze Orchester in das winzige Format der Schallplatte zwängen kann. Nichts interessiert die Tochter mehr, als herauszufinden, was es mit der geheimnisvollen, väterlichen Welt der Musik auf sich hat. Deshalb nimmt sie Klavierunterricht, studiert mit dem Vater Couplets und kleine Tänze ein und versucht sich als Kinderstar, scheitert aber auf skurrile Weise mit jedem dieser Versuche. Sie muß sich also etwas anderes einfallen lassen.

Wir machen Musik, die erste große Prosaarbeit der Essayistin und Theaterautorin Gisela von Wysocki, ist die szenenreiche Geschichte einer éducation musicale. Zwischen Burleske und Drama erzählt sie von Täuschungen und Enttarnungen und der Faszination eines Kindes für die Welt der Musik: eine vom Mysterium der Technik berührte »Alice in Wonderland« aus der Mark Brandenburg.

«Gisela von Wysockis autobiografischer Roman ist eine hinreißende Familienstory der Nachkriegszeit, aus dem in Trümmern liegenden Berlin. .. Und er ist das Porträt einer Familie mit einer Mutter, die für Telefunken Weihnachtswerbung macht, und einem Kind, das singen soll und kläglich beim Heinerle-Lied scheitert.» (Verena Auffermann)

Platz 2 (-) 60 Punkte

HENNING RITTER: Notizhefte

Titel: Notizhefte / Henning Ritter
Autor: Ritter, Henning
Verleger: Berlin : Berlin-Verl.
Erscheinungstermin: 4. September 2010
Umfang/Format: 425 S. ; 22 cm
ISBN: 978-3-8270-0958-6
EAN: 9783827009586
Schwierigere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Leseprobe bei den Berlin Verlagen

Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das 18. Jahrhundert der Rousseau und Montesquieu, gerade wegen der Geständnisfreude, mit der es seine Leidenschaften bekennt. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen; und die Gegenwart, als zuletzt kommende, wird um ihre scheinbare Überlegenheit gebracht, alle Perioden erhalten die gleiche Chance.

Und so entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis Canetti, Jünger und vielen anderen - ein Füllhorn voller immer wieder überraschender Lesefrüchte, Entwürfe, Maximen und Reflexionen; mit wiederkehrenden Motiven und Themen, wie etwa (unter dem Stichwort "Deutsche Dinge") die beständigen Eigenarten der Deutschen, die Rolle von Mitleid und Erinnerung in der heutigen Gesellschaft oder die Konkurrenz von Politik und Kultur in der deutschen Geschichte.

Die Notizen bewegen sich zwischen der lakonischen Knappheit des Aphorismus und dem Kurzessay; Spontaneität und Zufall sind ihr Signum, und sie sind ungeplant, notiert in ein Heft, das jederzeit zur Hand war. Es sind, um mit einer seiner schönen Trouvaillen zu sprechen, "Denksteine, die um und um gewendet werden müssen" (Goethe), Gedanken im Wartestand, die darauf warten, dass Autor und Leser sich ihnen zuwenden, um Gebrauch von ihnen zu machen.

Henning Ritters Notizhefte sind ein sehr persönlicher Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Denken im Spiegel einer unvermutet aktuellen Vergangenheit.

Platz 3 (-) 45 Punkte

PÉTER ESTERH ÁZY: Ein Produktionsroman

Titel Ein Produktionsroman (zwei Produktionsromane) : Roman / Péter Esterházy
Aus dem Ungar. von Terézia Mora
Person(en) Esterházy, Péter ; Mora, Terézia [Übers.]
Verleger Berlin : Berlin-Verl.
Erscheinungsjahr 2010
Umfang/Format 530 S. : Ill. ; 22 cm
Einheitssachtitel Termelési-regény (kisssregény) <dt.>
ISBN 978-3-8270-0407-9
978-3-8270-0968-5 (Vorzugsausg.)
EAN 9783827004079
Schwierigere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Leseprobe bei den Berlin Verlagen

Der erste Roman Péter Esterházys, neben 'Harmonia Cælestis' und 'Einführung in die schöne Literatur' einer der drei Grundpfeiler seines Werks.

Als er 1979 in Ungarn erschien, schlug er wie eine Bombe ein und erlangte 'Kultstatus'. Ein Roman aus zwei Teilen.

Teil I ist die grandiose Parodie eines 'Produktionsromans', jener Gattung, in der die Autoren der kommunistischen Hemisphäre gemäß der Doktrin des sozialistischen Realismus das Leben der Arbeiterklasse optimistisch 'widerzuspiegeln' hatten. Esterházy zeigt den Tagesablauf in einem mathematischen Institut, die Irrungen und Wirrungen des Rechentechnikers Imre und seines Genossen Generaldirektor Gregory Peck, beide hin(und her-)gerissen von der blonden Sekretärin Marilyn Monroe. Aber jede Produktion, die der Titel verspricht, wird von der Papierflut überschwemmt, die die groteske Slapstick-Suche nach einer verloren gegangenen Studie auslöst. Dieser Teil ist gespickt mit Gedichten, Volksliedern, Parlamentsreden.

Teil II heißt 'E.s Aufzeichnungen'. Der Chronist Peter Eckermann (oder Péter Esterházy?) berichtet in Anmerkungen voller Verehrung und Respekt, aber hochvergnüglich über die Umstände, unter denen Teil I vom 'Meister' (Goethe?, Péter Esterházy?) geschrieben wurde, über dessen Privatleben, die Deportation, die Karriere als Fußballer und als Vater, die Anfänge als Schriftsteller — in Szenen von gnadenloser Alltäglichkeit, jeden Gang auf den Trainingsplatz oder in die Kneipe festhaltend und immer wieder unterbrochen von den Kommentaren des 'Meisters', seinen Reflexionen über den Roman. Nur scheinbar ein Anmerkungsteil, ist es in Wahrheit ein 'Produktionsroman' im Esterházy’schen Sinne, ein Roman über die Produktion eines Romans, die Keimzelle seiner späteren Themen und Schreibweisen und, zusammen mit den typographischen Frechheiten und dem bischofsvioletten Umschlag (eine Reminiszenz an eine Jugend als Messdiener), ein ungeheuerlicher Affront zu Zeiten der herrschenden 'Widerspiegelungstheorie', der Einbruch der Moderne in die ungarische Literatur.

Nach dem Erscheinen des 'Produktionsromans' 1979 gab es dort nur noch ein 'Davor' und 'Danach', und in der Weltliteratur hatte er nur einen Vorläufer: Nabokovs Fahles Feuer.

Platz 4 (-) 41 Punkte

SAMUEL PEPYS: Tagebücher 1660-1669

Übersetzt von Georg Deggerich, Michael Haupt, Arnd Kösling, Hans-Christian Oeser, Martin Richter und Marcus Weigelt
Titel: Tagebücher 1660-1669, Samuel Pepys
Autor: Pepys, Samuel; Georg Deggerich, Michael Haupt u.a.
Ausgabe: Erste vollständig übersetzte Gesamtausgabe
Erscheinungsdatum: August 2010
Verleger: Verlage Haffmans & Tolkemitt
ISBN-10: 3942048183
Umfang/Preis: 4.416 Seiten. 11 x 19 cm (9 Bände im Schuber); Euro 169,90
Mittelschwere Lektüre



»Ende 1659 hatte Pepys bei einem Papierwarenhändler am Cornhill in der Londoner City sein erstes Tagebuch erworben. Am 1. Januar 1660 begann er mit seinen täglichen Notizen und führte sie bis zum 31. Mai 1669 fort. Nach seinen eigenen Angaben beendete er die Eintragungen, weil er fürchtete, wegen eines Augenleidens zu erblinden.

Für Beamte wie ihn war es durchaus üblich, Journale als Gedächtnisstütze zu nutzen, um Dienstereignisse festzuhalten. Pepys aber war einer der ersten, die über offizielle Ereignisse hinaus persönliche Erlebnisse und Ansichten niederschrieben. Was ihn dazu bewog, ist bis heute unklar. Als Sekretär Edward Montagus und gut informiertem Zeitgenossen war ihm natürlich bewusst, dass 1660 große politische Veränderungen bevorstanden. Möglicherweise war dies ein Anreiz, seine Erfahrungen aus dieser Zeit festzuhalten. Da die Tagebücher sowohl privat als auch dienstlich verfängliche Informationen enthielten, hielt Pepys sie zu seinen Lebzeiten streng unter Verschluss. Er muss aber den Wunsch gehabt haben, sie einer ferneren Nachwelt zu überliefern, denn er ließ sie binden und seiner 3.000 Bände umfassenden Bibliothek einverleiben. Diese wiederum musste sein Erbe aufgrund einer testamentarischen Verfügung von Pepys seinerseits der Universität Cambridge vermachen. Samuel Pepys überließ es also der Zeit und dem Zufall, wann jemand in der Bibliotheca Pepysiana auf seine nachgelassenen Notizen stoßen würde.

Pepys’ Tagebuch erlaubt einen unverstellten Blick auf den Alltag im London des ausgehenden 17. Jahrhunderts und in die Psyche eines Menschen jener Zeit. Darüber hinaus ist es eine herausragende Quelle zu bedeutenden Ereignissen der Restaurationsepoche, etwa zur Rückkehr König Karls II. zur Großen Pest von 1665 oder zum Großen Brand von London im Jahr darauf.

Der besondere Reiz des Werks besteht darin, dass sein Autor – unverfälscht und frei von politischen wie privaten Rücksichten – Staatsaktionen am Hof und im Marineamt ebenso abhandelt wie alltägliche Erlebnisse. Die Krönungsfeierlichkeiten für den aus dem Exil zurückgekehrten König Karl II. stehen neben Schilderungen von Pepys’ Liebschaften und den Streitereien mit seiner Frau Elisabeth. Betrachtungen über Krieg und Außenpolitik gibt der Autor mit ebenso lebhaftem Interesse wieder wie Berichte über Theaterbesuche und Hinrichtungen, Lektüre, Klatsch und Tratsch, Stimmungen im Volk, Moden, Speisepläne, Preise und vieles mehr.

Die besondere Authentizität, Ehrlichkeit und Unverstelltheit, die Pepys Werk vor den meisten anderen publizierten Tagebüchern auszeichnet, ergibt sich nicht nur aus dem gewandten, erzählerischen Stil, sondern auch aus der Schreibtechnik des Autors. Er bediente sich einer stenographischen Schrift, welche die meisten seiner Mitmenschen – einschließlich seiner Frau – nicht lesen konnten. Dies ermöglichte es ihm, völlig frei und unverblümt zu formulieren. Er musste kaum befürchten, dass seine Aufzeichnungen ihm Ärger einbringen könnten, falls sie je in die falschen Hände gerieten. Angesichts einiger außerehelicher Affären und der Korruptionsfälle, in die Pepys im Laufe der Jahre verwickelt war, hatte er gute Gründe zu dieser Vorsicht. Mehr noch als behördliche Untersuchungen fürchtete Pepys offenbar den Unmut seiner Frau: Um ihr gegenüber ganz sicher zu gehen, verschlüsselte er die Schilderungen seiner Seitensprünge zudem mit Hilfe eines Sprachgemischs aus englischen, französischen, lateinischen und spanischen Begriffen. Ende 1668 erwischte Elizabeth Pepys ihren Mann jedoch in flagranti mit einem Dienstmädchen, was für ihn die größte Katastrophe seines bisherigen Lebens war. Wenige Monate darauf gab er das Tagebuch auf. «
Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Pepys

Platz 5 (8) 34 Punkte

COLM TÓIBÍN: Brooklyn

Titel: Brooklyn : Roman / Colm Tóibín
Aus dem Engl. von Giovanni und Ditte Bandini
Autor: Tóibín, Colm ; Bandini, Giovanni [Übers.]
Verleger: München : Hanser
Erscheinungstermin: 6. September 2010
Umfang/Format: 302 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel: Brooklyn [dt.]
ISBN: 978-3-446-23566-3
Bestellnummer(n): 505/23566
EAN: 9783446235663
Einband/Preis: Pp. : EUR 21.90
Schlagwörter: Brooklyn [NY] ; Irin ; Verkäuferin ; Integration ; Geschichte 1950 ; Belletristische Darstellung
Leichtere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Leseprobe beim Hanser Verlag

Die junge Irin Eilis Lacey wandert um 1950 nach Amerika aus, um in Brooklyn eine neue Arbeit zu finden. Doch sie passt sich nur langsam an das neue Leben an, schließt nicht leicht Freundschaft. Ganz allmählich gewinnt sie Selbstvertrauen und merkt, dass sie zu einer selbständigen, erwachsenen Person geworden ist. Das macht ihr die Entscheidung zwischen Irland und Amerika, zwischen dem einen und dem anderen Mann, nicht leichter.

Der preisgekrönte Autor Colm Tóibín beschreibt eindrucksvoll ein klassisches Schicksal einer Emigration, den Werdegang einer ganz normalen Frau - ganz und gar aus ihrer Perspektive gesehen.

«Dieses Buch wird Bestand haben: Colm Tóibín erzählt in seinem Roman von irischen Ausgewanderten in Amerika, die zu Doppelgängern ihrer selbst werden, und taucht die Metropole New York in das Licht des Alltags.» (Lothar Müller)

Platz 6 (2) 33 Punkte Titel: Immer noch Sturm / Peter Handke
Autor: Handke, Peter
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Suhrkamp
Erscheinungstermin: 20. September 2010
Umfang/Format: 165 S. ; 25 cm
ISBN: 978-3-518-42131-4
Bestellnummer(n): 42131
EAN: 9783518421314
Einband/Preis: kart. : EUR 15.90
Mittelschwere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Leseprobe auf amazon.de

Das Jaunfeld, im Süden Österreichs, in Kärnten: Dort versammeln sich um ein »Ich« (oder steht es eher am Rande?) dessen Vorfahren: die Großeltern und deren Kinder, unter ihnen die eigene Mutter. Sie erscheinen ihm, da sie ihn bis in die Träume begleiten, in einer Vielzahl von Szenenfolgen, in denen sich die unterschiedlichsten Spiel- und Redeformen abwechseln . ein Panorama, das weit über alle literarischen Genres hinausreicht und sie sich zugleich anverwandelt. Gestaltet Peter Handke eine beispielhafte Familientragödie in Szenen? (Immerhin sterben zwei der Brüder in den vierziger Jahren.) Erzählt er anhand einzelner Stationen das Epos eines Volkes, der Slowenen? (Von ihnen ging der einzige bewaffnete Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime innerhalb dessen ursprünglicher Grenzen aus.) Entwirft er das Geschichtsdrama der ewigen Verlierer (die einmal die Historie auf ihrer Seite wähnten und doch nichts erreichten)? Oder wendet er sich, erzählend-dramatisch, zurück zur eigenen Biographie, deren Voraussetzungen und Folgen?

In diesem Buch von Peter Handke durchdringen sich Prosa und Drama, Theatralisches und Poetisches, Geschichtliches und Persönliches, und so wird am Ende doch fraglich, ob der überlebende Bruder der Mutter wirklich das letzte Wort hat: "Es herrscht weiterhin Sturm. Andauernder Sturm. Immer noch Sturm. Ja, wir haben das Unrecht begangen - das Unrecht, hier, gerade hier, geboren zu sein."


Platz 7 (-) 31 Punkte

IWAN BUNIN: Am Ursprung der Tage

Titel: Am Ursprung der Tage : frühe Erzählungen 1890 - 1909 / Iwan Bunin
Aus dem Russ. von Dorothea Trottenberg
Hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Thomas Grob
Autor: Bunin, Ivan A. ; Trottenberg, Dorothea [Übers.] ; Grob, Thomas [Hrsg.]
Verleger: Zürich : Dörlemann
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 285 S. ; 20 cm
ISBN: 978-3-908777-60-1
EAN: 9783908777601
Leichtere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de



Frühe Erzählungen des russischen Literaturnobelpreisträgers. Die zwischen 1890 und 1909 publizierten Erzählungen spiegeln die literarische Entwicklung Bunins von seinen noch fast jugendlichen Anfängen bis zu der Zeit, als er in Russland bereits ein angesehener Autor war, der 1909 den prestigeträchtigen Puschkinpreis erhielt und Ehrenmitglied der Akademie wurde.

Die vorliegenden Erzählungen zeigen mit großer Schärfe die tiefen wirtschaftlichen Probleme, den Hunger, den Niedergang des kleinen Adels, die erzwungene Auswanderung zahlreicher Bauern. Doch richtet sich der Blick unvoreingenommen auf die Menschen selbst, auf die manchmal skurrilen Landbewohner, die kleinen Momente von Glück und Trauer.

Platz 8-9 (-) 30 Punkte

GÜNTER GRASS: GRIMMS WÖRTER

Titel Grimms Wörter : eine Liebeserklärung / Günter Grass
Autor: Grass, Günter
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Göttingen : Steidl
Erscheinungsjahr 2010
Umfang/Format 357 S. ; 24 cm
ISBN 978-3-86930-155-6
EAN 9783869301556
Einband/Preis Gewebe : EUR 29.80
Schlagwörter Grimm, Wilhelm ; Grimm, Jacob ; Deutsches Wörterbuch ; Belletristische Darstellung
Mittelschwere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Kurze Leseprobe beim Steidl Verlag

Die Brüder Grimm erhalten im Jahr 1838 einen ehrenvollen Auftrag: Ein Wörterbuch der deutschen Sprache sollen sie erstellen. Voller Eifer machen sie sich ans Werk. Aberwitz, Angesicht, Atemkraft fleißig sammeln sie Wörter und Zitate, in wenigen Jahren sollte es zu schaffen sein. Barfuß, Bettelbrief, Biermörder sie erforschen Herkommen und Verwendung, sie verzetteln sich gründlich. Capriolen, Comödie, Creatur am Ende ihres Lebens haben Jacob und Wilhelm Grimm nur wenige Buchstaben bewältigt. Günter Grass erzählt das Leben der Brüder Grimm auf einzigartige Weise als Liebeserklärung an die deutsche Sprache und die Wörter, aus denen sie gefügt ist. Er schreibt über die Lebensstationen der Märchen-Brüder, über ihre uferlose Aufgabe und die Zeitgenossen an ihrer Seite: Familie und Verleger, Freunde, Verehrer und Verächter.

Spielerisch-virtuos spürt Grimms Wörter dem Reichtum der deutschen Sprache nach und durchstreift die deutsche Geschichte seit der Fürstenherrschaft und den ersten Gehversuchen der Demokratie. Von der Vergangenheit mit ihren politischen Kämpfen und ganz alltäglichen Sorgen schlägt Günter Grass manche Brücke in seine eigene Zeit.

«Er nennt es sein 'wahrscheinlich letztes Buch'. Nach der 'Danziger Trilogie', den großen Romanen der jungen Jahre, hat Günter Grass nun seine auto- biografische Trilogie vollendet, zu der seine Jugendbiografie 'Beim Häuten der Zwiebel', die nachgetragene Familiengeschichte 'Die Box' und nun auch das Doppelporträt der Gebrüder Grimm und Grass gehören.» (Iris Radisch)

Der Roman 'Grimms Wörter' ist auch als Hörbuch lieferbar:
Audio-CD, PAPPE
Sprecher: Günter Grass
1. Auflage
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-86930-193-8
Erscheinungsdatum: August 2010
Steidl

Platz 8-9 (-) 30 Punkte

ANNETTE MINGELS: Tontauben

Titel: Tontauben : Roman / Annette Mingels
Autorin: Mingels, Annette
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Köln : DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum: 5. Oktober 2010
Umfang/Format: 200 S.
ISBN: 978-3-8321-8534-3
EAN: 9783832185343
Mittelschwere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Eine Insel in der Nordsee. Hier leben Anne und David mit zwei Kindern. Eines Nachts kommt ihre vierzehnjährige Tochter ums Leben. Yola war auf dem Fahrrad unterwegs, als sie angefahren wurde. Vom Täter gibt es keine Spur. Die Ehe der Eltern droht an der Trauer zu zerbrechen, die Mutter flüchtet sich in ein Verhältnis mit ihrem Psychologen. Zeitgleich findet eine Tagung auf der Insel statt. Dort lernen Esther und Frank sich kennen, beide sind verheiratet. Aus anfänglicher Skepsis entwickelt sich eine Affäre. Als es Zeit wäre, heimzufahren, bleiben sie: hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen und der Faszination für ihre neue Leidenschaft. An ihrem letzten Abend auf der Insel kommt es zum Streit. ›Tontauben‹ erkundet sprachmächtig und treffend die Tiefe menschlicher Beziehungen in Schmerz und Leidenschaft.

Platz 10 (-) 22 Punkte

THOMAS BERNHARD : Goethe schtirbt

Titel: Goethe schtirbt : Erzählungen / Thomas Bernhard
Autor: Bernhard, Thomas
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Suhrkamp
Erscheinungsjahr: 2010
Umfang/Format: 97 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-518-42170-3
Bestellnummer(n): 42170
EAN: 9783518421703
Einband/Preis: Pp. : EUR 14.90
Mittelschwere Lektüre

Buch ansehen bei amazon.de

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Bei der Begegnung zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld in Wien am 17. Januar 1985 herrscht, wie der Verleger notiert, eine »blendende Stimmung«. Der Autor ist sich sicher, "Alte Meister" in wenigen Wochen abschließen zu können – der letzte von Thomas Bernhard abgeschlossene Roman erscheint tatsächlich Ende desselben Jahres. Von den Gesprächen hält Unseld einen Wunsch Bernhards fest: »Dann läge ihm doch sehr an einem Band ›Goethe schtirbt‹. Er enthielte die Texte ›Goethe schtirbt‹. – ›Wiedersehen‹. – ›Montaigne‹. – Und zwei Stücke, die noch keinen Titel haben.«

Zu Lebzeiten von Thomas Bernhard kam die Publikation dieser Anfang der achtziger Jahre verfaßten und in Zeitungen abgedruckten Erzählungen nicht mehr zustande: zu sehr war der Autor mit seinem zunächst zurückgehaltenen Romanopus "Auslöschung" und mit dem Theaterstück "Heldenplatz" sowie dem dadurch entfachten Skandal befaßt. In "Goethe schtirbt" werden diese Erzählungen zum ersten Mal, dem Wunsch ihres Verfassers entsprechend, in einem Band zusammengefügt: Sie zeigen den ironisch abgeklärten Meister der tragischen Momente und komischen Situationen, der auf der Höhe seiner Kunst Motive und Strukturen seines Gesamtwerks aufgreift: von den Einsamkeitsexpertisen in Amras, 1964 publiziert, bis zur Haßliebe gegenüber Österreich im Spätwerk.

Persönliche Empfehlung im Dezember von Eberhard Falcke (München):

GWENDOLYN MACEWEN: Die T.E.Lawrence Gedichte

Titel: Die T. E. Lawrence-Gedichte / Gwendolyn MacEwen
Aus dem Engl. von Christine Koschel
Zweisprachig deutsch/englisch. Übersetzt von Christine Koschel
Autorin: MacEwen, Gwendolyn ; Koschel, Christine [Übers.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Hörby/Schweden : Ed. Rugerup
Erscheinungstermin: 9. März 2010
Umfang/Format: 157 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel: The E. E. Lawrence poems <dt.>
ISBN: 978-91-89034-26-6
Einband/Preis: kart.

Buch ansehen bei amazon.de

Gwendolyn MacEwen (1941-1987) war eine der begabtesten und ungewöhnlichsten Dichterinnen Kanadas. Als Person zierlich, exotisch und verletzbar, konnte sie beim Schreiben in andere Rollen schlüpfen, die in krassem Gegensatz dazu standen, in dem Zyklus "Die T. E. Lawrence Gedichte" gar in die des Schriftstellers, der als Schlüsselfigur im arabischen Freiheitskampf unter dem Namen Lawrence von Arabien berühmt wurde. MacEwen hatte sich intensiv mit der jüdischen und arabischen Kultur beschäftigt, Hebräisch und Arabisch gelernt und die Region als Frau alleine bereist, was 1962 von großem Mut zeugte. Sie lebte und arbeitete in Toronto und schrieb außer Lyrik auch Romane und Essays. 1969 erhielt sie mit nur 28 Jahren den wichtigsten Lyrikpreis Kanadas, den Governor Generals Award for Poetry, für den Band "The Shadow-Maker", 1987 ein zweites Mal für "Afterworlds".

«Diese Gedichte sind Selbst- und Welterforschung zugleich, ein poetisches Rollenspiel zwischen Frau und Mann, Dichterin und Krieger im Wechsel zwischen Zartheit und Härte und bei alledem eine poetisch abenteuerliche Meditation über die Existenz.»(Eberhard Falcke)

Copyright SWR
Die Bestenliste im Internet:
www.swr.de/bestenliste