Samstag, März 26, 2011

Robert James Waller: Die Brücken am Fluss - neu gelesen

Die Brücken am Fluss“ sind ein Phänomen. Der Erstlingsroman des Professors für BWL, Robert James Waller, der im April 1992 ohne große Werbemaßnahmen publiziert wurde, schaffte es innerhalb vier Monate allein durch Mundpropaganda an die Spitze der New York Times Bestsellerliste, wo er sich ein Jahr lang hielt. Im Juni 1993 verlieh ihm der Herausgeber von Publishers Weekly den Titel "all-time word-of-mouth bestseller". Drei Millionen Exemplare wurden bereits vor Erscheinen der Taschenbuchausgabe verkauft, und damit gehört der Band zu den meistverkauftesten Hardcover-Bestsellern aller Zeiten.

Ich hatte mich bisher damit begnügt, mir den Film mit Clint Eastwood und Meryl Streep anzusehen. Der Film beeindruckte mich seinerzeit, hinterließ aber nicht genug Spuren, um ihn ein zweites Mal zu schauen. Nun war ich dabei, selbst eine Liebesgeschichte über einen Fotografen und eine junge Frau zu schreiben, und als ich das Projekt mit einer befreundeten Fotografin zwecks Hintergrundrecherchen durchsprach, erinnerte sie mich an Wallers Roman.

Nebenbei arbeite ich gelegentlich als Literaturcoach. Wahrscheinlich deswegen fing ich bereits auf den ersten Seiten der Lektüre an, im Text herumzustreichen. Literarisch eindeutig als Anfängerleistung qualifiziert, bereitete es mir einige Mühe, in den Stil der Geschichte einzutauchen. Wallers Versuche, den Protagonisten Robert Kincade als Berufsfotografen zu kennzeichnen, ließen den Autoren ein regelrechtes Namedropping veranstalten, bei allem, was auch nur entfernt mit Fotografie zu tun hatte. Das wirkte aufgesetzt und überflüssig. Auch war Waller nicht in der Lage, eine klare Perspektive durchzuhalten. Ständig sprang er willkürlich zwischen der Position Kincades und der Francesca Johnsons, jener jungen Frau, der Kincade während eines seiner Jobs - eben jene Brücken von Madison County für den National Geographic zu fotografieren - begegnete. Nicht zuletzt blieb die Figurenzeichnung der Frau relativ blass. Der Leser erfährt von ihr nicht mehr, als dass sie ursprünglich aus Italien kam, ihren Ehemann und ihre Kinder auf leicht verschrobene Art liebte und irgendwann einmal französische Literatur studiert hatte. Mit anderen Worten: Ich hätte dem Autoren das Buch kurzerhand zurückgegeben, mit dem Kommentar, es stände ihm noch viel Arbeit bevor.

Dass sich der Roman gut verkaufte, war mir bekannt. Aber ich ging davon aus, dass er seine Berühmtheit durch die prominent besetzte Verfilmung erlangte. Erst als ich recherchierte, dass der Film erst 1995 erschien, das Buch jedoch bereits 1992 seinen Platz in den Bestsellerlisten einnahm, wurde ich stutzig. Wo lag das Geheimnis seines Erfolges?

Erste Anhaltspunkte erhielt ich, als ich das Internet nach Lesermeinungen abgraste. Nicht wenige Forenteilnehmer erzählten, sie hätten Die Brücken am Fluss inzwischen mehrmals gelesen, weil die darin beschriebene Liebesgeschichte sie immer wieder aufbaue. Rekapitulieren wir kurz: Francesca Johnson ist eine vom Leben enttäuschte Hausfrau, die sich ganz dem Glück ihres Mannes und ihrer beiden Kinder widmet. Sie hatte einst studiert, ist dann aber ihrem Mann in ein kleines Kaff auf dem Lande gefolgt. Durch Kincade, den Fotografen, der sie eines Tages nach dem Weg fragt und mit dem sie die folgende vier Tage verbringen kann, weil ihr Mann gerade mit den Kindern eine Viehausstellung besucht, lernt sie, wieder von der großen, weiten Welt zu träumen. Sie erlebt mit dem Fotografen die Liebe ihres Lebens, muss sich dann aber zwischen Traum und Ehemann entscheiden. Sie bleibt bei ihrer Familie, zelebriert heimlich aber jedes Jahr ihre Begegnung mit Kincade. Erst nach dem Tod ihres Ehemannes versucht sie, Kontakt mit Kincade aufzunehmen, bleibt dabei aber ohne Erfolg. Ihre Kinder erfahren erst im Nachlass von ihrer großen Liebe.

Wie sieht es mit der Charakterzeichnung aus? Wie oben schon erwähnt, erfahren wir deutlich mehr über Kincades Leben als über das der Francesca Johnson. Vielleicht gehört das sogar zu den Geheimnissen, die den Roman so erfolgreich gemacht haben. Kincade ist der lonely cowboy, ein Mann, der die meiste Zeit mit sich allein verbringt, durch die weite Welt reist, alle Orte bereits gesehen hat. Gleichzeitig aber zeigt er in diesem Roman seine weiche Seite, gibt sich philosophisch, belesen und vor allem rücksichtsvoll Francesca gegenüber. Letztlich verkörpert er den Prototyp des Marlboro-Manns, der aus Liebe zu einer Frau seine weiche Seite herauslässt. Francesca hingegen bleibt Projektionsfläche für die Leserinnen, weitgehend unbeschrieben bis auf die Tatsache, dass sie in einer unglücklichen Ehe festhängt. Jede Hausfrau kann sich problemlos mit ihr identifizieren, denn ihre Vita bietet nichts, das sie aus der Allgemeinheit erheben würde.

Dann das Setting: Die Geschichte spielt im ländlichen Iowa. Die überdachten Brücken von Madison County, um die es geht, sind allesamt Relikt des vorausgehenden Jahrhunderts, alt aber wunderschön. Die Landschaft ist schlicht, natürlich, nur wenig besiedelt. Sicher hat es auch mit Wallers Rahmenhandlung zu tun, die vorgibt, eine wirkliche Begebenheit zu berichten, dass nach dem Erscheinen des Buches die Touristenflut im County einschwappte, auf der Suche nach den Original-Locations. Aber es zeigt auch etwas von der Faszination der Landschaft, wie Waller sie beschrieb und später Clint Eastwood auf Film bannte. Diese Geschichte hätte in einem stärker besiedelten Gebiet nicht funktionieren können, und die schlichte, redliche Liebe der beiden Protagonisten spiegelt sich in der Art, wie die Gegend und deren Bewohner beschrieben wird.

Jeder Mensch sehnt sich nach einer ehrlichen und aufrichten Liebe, wie sie Kincade und Francesca im Buch für vier Tage leben. Ein Zitat, das wohl als Thema für den Roman gut herhalten kann, habe ich auf verschiedenen Webseiten zitiert wiedergefunden. Es sind Kincades letzte Worte an Francesca, bevor er sie - auf ihre Bitte hin - verlässt: „Ich habe nur eines zu sagen, nur dieses eine; ich werde es nie wieder sagen, zu niemandem, und ich bitte dich, es nie zu vergessen: In einem Universum voller Zweideutigkeit begegnet einem eine derartige Gewissheit nur einmal und dann nie wieder, egal wie viele Leben man hat!“

Große Gefühle, glaubwürdige Charaktere zum Träumen und Sich-identifizieren, dazu ein passend pittoreskes Setting - das sind die Ingredienzen dieses Liebesromans. Beruhigend für alle Jung-Autoren: Wenn die richtigen Zutaten vorhanden sind, verzeihen einem die Leser so manchen Anfängerfehler. Und für alle, die auf der Suche nach einem bewegenden Liebesroman jenseits der Julia- oder Romana-Reihen sind, und die „Die Brücken am Fluss“ aus welchen Gründen auch immer noch nicht gelesen haben, ist es ohnehin der Tipp schlechthin.

Titel: Die Brücken am Fluß : [Roman] / Robert James Waller
Aus dem Amerikan. von Bernhard Schmid
Autor: Waller, Robert James
Verleger: Wien : Ueberreuter
Erscheinungsjahr: 2006
Umfang/Format: 217 S. ; 23 cm
Gesamttitel: Ueberreuter Großdruck
Einheitssachtitel: The bridges of Madison County <dt.>
ISBN: 978-3-8000-9215-4
3-8000-9215-8
EAN: 9783800092154
Schlagwörter: Iowa ; Photograph ; Liebesbeziehung ; Belletristische Darstellung