Samstag, Januar 14, 2012

Carla Berling: Vom Kämpfen und vom Schreiben

Carla Berling ist das Pseudonym einer Autorin aus Westfalen-Lippe, Jahrgang 1960. Von ihr stammen zwei erotische Romane („Im Netz der Meister 1 + 2“), ein paar selbstverlegte Satirebände bei BoD („Jesses Maria“) und nun ihre Künstlerautobiografie, erschienen beim Berliner Kulturmaschinen-Verlag: „Vom Kämpfen und vom Schreiben“. Hybris? Mit Sicherheit. Trotzdem ist ihr neues Bändchen eine Lektüre, die ich jedem Nachwuchsautoren ans Herz lege.

Alles beginnt 1994 mit einer Phase der Arbeitslosigkeit. Kein Geld, um die Wohnung zu heizen. Partner ebenfalls ohne Job. Zwei kleine Kinder an Bord. Vom letzten Geld kauft sich Berling auf dem Flohmarkt eine gebrauchte Schreibmaschine, um darauf einen Roman zu tippen und so ihre Geldsorgen zu beenden. Dass auf der Maschine das „e“ klemmt und sie stattdessen die Leertaste nutzen muss, um die fehlenden Buchstaben später per Hand nachzutragen, tut dem Enthusiasmus keinen Abbruch. So weit die Legende.

Nun mögen kritische Leser bemerken, dass zwei Erotik-Bände und eine Reihe BoD-Publikationen nicht unbedingt Zeichen für eine steile Autoren-Karriere sind. Trotzdem liest sich Berlings „Vom Kämpfen und vom Schreiben“ wie eine Erfolgsstory, die durch das fortgesetzte Elend der Protagonistin kontrastiert wird. Auch wenn der erste Roman lange im Schrank liegenbleibt, bevor sich ein Verlag für ihn interessiert: Bald folgt ein erstes Sachbuch, das ihr Interviews bei verschiedenen Fernsehsendern einbringt. Lesereisen führen sie durch die Republik und das benachbarte Ausland. Verlage finden sich eigentlich für alles, was sie schreibt, wenn auch ihre Erfahrungen mit den Verlagspraktiken nicht immer gut sind. Berling tut eine Menge für ihren Erfolg, und auch, wenn das Geld lange ausbleibt, bleibt beim Lesen das Gefühl, dass diese Geschichte durchaus wahr sein könnte.

Da tut es keinen Abbruch, dass der Name des von ihr geschriebenen Sachbuchs tatsächlich nicht existiert, genauso wenig wie der Verlag, in dem es erschienen sein soll. Denn was Berling in ihrem Buch beschreibt, will nicht als wörtliche Wahrheit verstanden werden, sondern als Hinweis auf die Unwägbarkeiten des Marktes. Und warum sollte sie, die unter ihrem Pseudonym so viel Zeit in den Social Media verbringt, ihren wahren Namen outen - oder sich Prozesse mit Verlagen einhandeln, denen es nicht gefällt, dass deren zweifelhaften Praktiken an die Öffentlichkeit gezerrt werden?

Was Carla Berling im Rahmen ihres leicht konsumierbaren „Tagebuchs eines Romans“ deutlich macht, ist, dass die kleinen Erfolge als Autorin noch lange nicht gleichbedeutend mit Reichtum und Luxus sind. Wie erklärt man einem Mitarbeiter vom Sozialamt, dass die zweifelhafte Berühmtheit, mit dem eigenen Buch mit Sat1-Frühstücksfernsehen aufgetreten zu sein, noch lange nicht dazu führt, dass die Miete bezahlt werden kann?

Der tatsächliche Informationsgehalt dieses 180-Seiten-Bandes ist gering. Gut zu wissen, dass ein Nachdruck nicht das Gleiche ist wie eine neue Auflage - vor allem dann, wenn einem der Verlag verspricht, erst aber der zweiten Auflage eine prozentuale Beteiligung zu bezahlen. Oder das einen die komplette Rechteabtretung für ein Fernsehinterview bei einmaliger Vergütung spätestens nach der zwanzigsten Wiederholung zu ärgern beginnen kann. Aber das sind Nebenschauplätze.

Was von der Lektüre bleibt, ist das unbestimmte Gefühl einer demütigen Haltung gegenüber den kleinen, eigenen Erfolgen im Literaturbetrieb. Vielleicht hilft es dem Leser, den ein oder anderen Anfängerfehler zu vermeiden, den Berling anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte illustriert. Oder zu verstehen, warum die Veröffentlichung in einer Anthologie nicht gleichbedeutend ist mit dem Beginn einer Karriere als Autor.

Gnadenlos und zuweilen hart am Rand der Karikatur erzählt sie von den Fallen, denen sich werdende Autoren gegenübersehen. Ihre Beschreibung sind gelegentlich exhibitionistisch, vielleicht aber auch einfach gut konstruiert. Des Öfteren habe ich beim Lesen das Gefühl, weniger einem Ratgeber - wie es der Klappentext behauptet - als einem Roman über das Schreiben zu folgen. Ihre Freundin Marita beispielsweise eignet sich genauso gut als Prototyp des ewig vom Erfolg träumenden Autors wie auch als Alter Ego für die eigenen Phasen der Depression. Tut es der Geschichte einen Abbruch, wenn es diese Marita nie gegeben hat? Ins Konzept dieses Buchs passt sie zumindest ganz wunderbar.

Selten in den letzten Monaten habe ich einen Band derart in einem Rutsch verschlungen wie Carla Berlings „Vom Kämpfen und vom Schreiben“. Das hat sicher mit ihrer Sprache zu tun, aber auch mit dem Plot, dem sie ihrem „Tagebuch eines Romans“ zugrunde legt. Dieser Plot ist sorgsam strukturiert. Das Buch endet, wo es anfängt. 15 Jahre, nachdem sie die erste Textfassung ihrer Liebesgeschichte um Rena und Mike auf der alten Schreibmaschine zu Papier gebracht hat, nimmt sie sich des Romans wieder an. Überarbeitet ihn. Wird ihn veröffentlichen. Dessen ist sich der Leser sicher.

Titel: Vom Kämpfen und vom Schreiben : Tagebuch eines Romans / Carla Berling
Person(en): Berling, Carla
Ausgabe: Erstausg., 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Kulturmaschinen-Verl.
Erscheinungsjahr: 2011
Umfang/Format: 183 S. ; 20 cm
Gesamttitel: Kulturmaschinen Sachbuchedition
Anmerkungen: Literaturangaben
ISBN/Einband/Preis: 978-3-940274-40-3 kart. : EUR 16.80 (DE)
EAN: 9783940274403
Schlagwörter: Roman ; Kreatives Schreiben ; Erlebnisbericht

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