Freitag, März 16, 2012

3sat Buchzeit: Sahra Wagenknecht

Anlässlich der Leipziger Buchmesse führte Gert Scobel gestern für die 3sat Buchzeit ein spannendes Interview mit Sarah Wagenknecht. Wagenknecht ist nicht nur stellvertretende Vorsitzenden der Partei "Die Linke", sondern auch Publizistin. Noch dazu eine mit einer faszinierenden Klarsicht in Bezug auf unser politisches System.

Mehr durch Zufall bin ich die "Buchzeit" hineingezappt. Gerade spricht eine junge Autorin über den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Demokratie. Sie vertritt die durchaus spannende These, dass eine starke Ökonomie der Tod jeder Demokratie sei. Ich versuche herauszufinden, wer sie ist. Durch die Website von 3sat erfahre ich, dass sie Sahra Wagenknecht heißt, Politikerin und Literaturwissenschaftlerin ist, und gerade ein Buch auf den Markt geworfen hat: "Freiheit statt Kapitalismus".

Neugierig geworden gehe ich weiter zu wikipedia, während Sarah Wagenknecht mit Gerd Scobel über ihre frühe Faszination an der Literatur redet, über Balsac, Goethe und Thomas Mann. 1969 geboren - ich rechne kurz nach: Ist die Frau auf dem Bildschirm tatsächlich schon über 40 Jahre alt? Während ich ihr zuhöre, spüre ich etwas von diesem ruhigen Wissen, das erst ab einem bestimmten Alter auftreten kann. "Wagenknecht ist seit 2010 stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke und seit November 2011 einer der zwei Ersten Stellvertreter des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. [...] Seit Oktober 2009 ist sie Abgeordnete des Deutschen Bundestages und wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion" heißt es bei Wikipedia. Hätte mir klar sein können, bei dem Buchtitel, denke ich mir und bin gespannt, wie sie das Thema in der Sendung verkaufen wird.

Zunächst stellt Gert Scobel zwei Bücher anderer Autoren vor (s.u.), bevor es tatsächlich um das laut Scobel von der Wirtschaftspresse hochgelobte Freiheit statt Kapitalismus geht. Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil findet sich eine Analyse des derzeitigen Wirtschaftssystems, gerade auch im Blick auf die Auswirkung auf die sog. kleinen Leute. Der zweite Teil nennt sich "Kreativer Sozialismus", laut Wagenknecht eine praktikable Alternative zum kapitalistischen System, in dem wir heute leben. Ein positiver Gegenentwurf, den sie nicht als Rückschritt in die Vergangenheit verstanden wissen will. Niemand kann ja verlangen, sich mit der heutigen Gesellschaft einfach abzufinden - und nach funktionsfähigen Alternativen zu suchen, bedeutet eben nicht, zu den ewig Gestrigen zu gehören. Auch wenn konservative Kräfte uns dies gern einreden würden.

Hart kritisiert Wagenknecht die Machtposition der Banken. Zwar habe Angela Merkel bereits 2008 verkündet, die Banken müssten stärker reguliert und das Primat der Politik wiederhergestellt werden - eine Position, die Wagenknecht durchaus teilt -, gleichzeitig hat die reale Macht der Geldinstitute jedoch ständig zugenommen. Statt sie zu verkleinern, fusionieren die Großbanken weiter und verfestigen so ihren Einfluss auf die Politik. Wagenknecht erinnert in diesem Zusammenhang an die Vordenker des Ordoliberalismus und zitiert Walter Eucken: "Wirtschaftsmacht kann man nicht kontrollieren. Man muss verhindern, dass sie entsteht. Wenn sie entsteht, ist die Demokratie und die soziale Gesellschaft überhaupt nicht mehr möglich." Wagenknecht erinnert daran, dass große Unternehmen in der Vergangenheit immer wieder ganze Staaten erpressen konnten. Diese Entwicklung habe dazu geführt, dass die Politik nur noch die Interessen einer Oberschicht, einer sehr kleinen Minderheit bedient.

Leichte Kredite zu vergeben, wie es die USA gemacht und damit die Weltwirtschaftskrise letztlich ausgelöst hat, sei das Prinzip, die Bevölkerung statt über Löhne über Schulden zu finanzieren. In den USA sei - wie jetzt in Deutschland - das Lohnniveau immer weiter gesenkt worden. Da aber eine funktionierende Konsumgesellschaft den Geldfluss braucht, seien die immer niedrgieren Löhne kompensiert worden durch eine immer größere Verschuldung der privaten Konsumenten. Dieses Modell, dass die Bevölkerung immer weniger verdiene und dafür immer höhere Schulden aufnehmen müsse, kann natürlich nicht ewig fortgesetzt werden. Derzeit befinden wir uns an genau dem Punkt, an dem das System kollabiert, schließt Sahra Wagenknecht. Zeit also für Alternativen.

Sahra Wagenknechts Überlegungen überzeugen. Längst hat auch der Letzte begriffen, dass es sich beispielsweise beim sogenannten Eurorettungsschirm in Wahrheit nur um einen Rettungsschirm der Banken handelt, die um ihre Kredite bangen. Die Milliardenlasten zahlen die Bürger, von denen ein Viertel mittlerweile unter der Armutsgrenze lebt. Zwar schwafeln Politiker davon, einer Vollbeschäftigung näher zu sein als je zuvor, doch wird dieses Wirtschaftswunder über Billiglöhne und Zeitarbeit bewerkstelligt, führt also dazu, dass viele Bürger trotz Arbeit kein Geld haben - und so in ihren Arbeitsalltag eingespannt sind, dass für die Grundbedürfnisse nach Beziehungen und Freundschaften gar keine Zeit mehr bleibt. Oder sie sind durch das fehlende Geld vom Konsum völlig abgeschnitten und ziehen sich in die Einsamkeit zurück, damit ihr Elend zumindest nicht auffällt. Wagenknecht betont in diesem Zusammenhang, wie elementar für die Menschen Beziehungen sind - und das ein System, das zur Vereinzelung des Menschen führt, eben nur eines ist: unmenschlich.

Die Unterhaltung zwischen ihr und Gert Scobel macht Lust auf das Buch. Vielleicht auch darauf, sich einmal mit den Alternativen zu beschäftigen. Etwa mit Eucken, dem Begründer der Freiburger Schule des Ordoliberalismus. Falls die Idee eines neuen Sozialismus dann doch zu angstbesetzt ist.

Folgende Bücher werden in der Sendung vorgestellt:

Die Sendung ist in der 3sat Mediathek hinterlegt und über 3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=29918 abrufbar.

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