Freitag, März 16, 2012

Henning Schöttke: Gulas Menü

Ein Familienroman über drei Generationen, beginnend im Jahr der Liebe 1969 und endend mit einem Schuss Zukunftsprognostik 2031. Das klingt vielversprechend. Besonders dann, wenn kulinarische Genüsse den roten Faden bilden und das ganze Buch aufgebaut ist wie ein großes Menü. Wen wundert es, wenn das Buch bereits kurz nach Erscheinen mit dem GOURMAND WORLD COOKBOOK AWARD 2011 in Deutschland in der Kategorie Best Food Literature Books ausgezeichnet wird.

Im Zentrum des Romans steht Gula, eine junge Frau, die im Sommer 1969 gezeugt wurde. Ihr Vater Charly ist werdender Koch, und er verführt Ulrike mit einem aus Kühlschrankresten zusammengebastelten Amuse-Geule, „Himmel und Erde“. So ist Nahrung von Beginn an von zentraler Bedeutung für das Leben der jungen Frau. Vielleicht auch deswegen, weil Charly sich bald schon aus Hamburg nach Göttingen verkrümelt, wo er von einem Restaurant träumt und währenddessen mit einer Kneipe baden geht. Gula wächst bei Ulrike auf und sieht ihren Vater immer seltener. Sie schreibt ihm Briefe, die nie ankommen, weil die Mutter die Adresse des Erzeugers nicht rausrückt.

Wir sehen Gula heranwachsen, mit Rubiks Zauberwürfel kämpfen, mit Rauschgift experimentieren, ihre erste eigene Wohnung renovieren. Und wir sehen Charly, der versucht, sich seiner verlorenen Tochter wieder anzunähern, der aber Angst vor seiner eigenen Courage hat und letztlich nie den entscheidenden Schritt auf Gula zugeht. So wird das kleine Mädchen erwachsen und schließlich selbst zweifache Mutter.

209 Seiten sind nicht viel für einen Roman, der eine derart lange Zeitspanne abdeckt. Die 209 Seiten sind aufgeteilt in 16 Geschichten und fünf Rezepte. Hier wird deutlich, dass der Verlag „Stories & Friends“ in vielerlei Hinsicht versucht, neue Wege zu gehen. Neben zahlreichen Anthologien mit zumeist sinnlichen Themen von Kaffee Arabica bis Zitronengras etabliert der Verlag auch die Idee der Romane als Sammlung zusammenhängender Kurzgeschichten – Geschichten also, die mit einer Rahmenhandlung versehen sind oder sonstwie zusammenhängen. Diese Art, Short Storys zu einem Roman zu weben ist für den Leser gewöhnungsbedürftig. Und für die Autoren eine Herausforderung.

So auch bei „Gulas Menü“. Gelegentlich wird deutlich, dass eine Geschichte ursprünglich als eigenständiger Text konzipiert war und nun mühsam in das Gefüge der Familiensaga hineingedrückt wurde. Das macht das Lesen zu einem Puzzel. Wer sind die Personen, die hier auftauchen? In welchem Zusammenhang stehen sie zur Familie? Zuweilen sind es nur Nebensätze, die irgendwann das Rätsel klären, etwa bei „Gefressen werden“, einer Geschichte, in der Lena, die Tochter Charlys aus zweiter Ehe, mit ihren Freunden in einer Hamburger Kneipe sitzt und auf dem Nachhauseweg beinahe vergewaltigt wird. Lena spielt sonst im Romanverlauf keine Rolle – und die Idee, in einem Band über Nahrung mittels des Satzes „Ich habe dich zum Fressen gern“ auch die Konnotation von Angst und Lust zu thematisieren, hat zwar einen gewissen Reiz, wirkt auf mich aber im Zusammenhang mit sexueller Gewalt metaphorisch überzogen.

Überhaupt erschließen sich manche Dinge im Roman nur andeutungsweise. So wird Gulas Name nirgendwo thematisiert. Der Leser weiß, dass Charly einen Hang zur indischen Philosophie hat, und so ist es kein Wunder, wenn der junge Mann für seine Tochter den Namen einer asiatischen Göttin wählt. Dass Gula der lateinische Name für die Kehle ist und in der Folge zum Synonym für Völlerei wurde, die in der katholischen Lehre als Todsünde gilt, passt zur Story und zur Art, wie der Autor Henning Schöttke seine Geschichten erzählt: Beim Lesen des Textes fällt nicht auf, dass Schöttke sich zur Vorbereitung mit der Anthropologie von Körper und Nahrung, mit der Frage weiblicher Lebensmittel oder der Ethik des Essens auseinandergesetzt hat. Schöttke zeigt kleine Alltagsbilder, in denen Nahrung zwar immer wieder eine Rolle spielt, diese Rolle jedoch selten reflektiert wird. Wie stimmig seine Bilder in Bezug auf das Thema sind, wird erst im Nachhinein deutlich – und hinterlässt oberflächliche Leser aller Wahrscheinlichkeit nach ratlos.

Nehmen wir Gula selbst. Schöttke charakterisiert sie – in seinen Materialien zum Roman, die er auf Facebook veröffentlicht hat - so: „Mit dem Verlust ihres Vaters hat sie auch den Sinn für Essen verloren und entwickelt eine Hassliebe dazu. Sie ‚verschlingt‘ das Leben seither symbolisch und ist von animalischer Lebenslust.“ Diese psychologisch stimmige Idee lässt sich durch den Roman hindurch verfolgen – drängt sich aber nicht auf. Der Leser sieht, wie Gula immer wieder Nahrung zu sich nimmt: „Sie griff nach dem Kuchen und biss ein Stück ab, wischte sich die Finger an der Serviette ab und kaute, ohne den Geschmack wahrzunehmen“, heißt es etwa in der Geschichte „Rubik‘s Cube“ – und viel mehr als diesen einen Satz gibt es nicht zum Thema Erdbeerkuchen, eingebettet zwischen Gulas Wunsch, den Zauberwürfel zu knacken und der Hassliebe zu ihrem Vater, die sie dazu bringen wird, ihre Briefe an ihn über ein Brückengeländer in die Elbe zu werfen.

„Gulas Menü“ lebt von kleinen Beobachtungen dieser Art. Aber gerade die Leichtigkeit, mit der Henning Schöttke sie zwischen banalen Diskussionen über Filme und andere alltägliche Situationen einbettet, macht es schwer, diese Perlen zu entdecken. Der Leser muss sich, um in den vollen Genuss zu kommen, die Geschichten auf der Zunge zergehen lassen. Das aber ist bei einem Büchlein, das sich selbst als Fast Food geriert, nicht einfach. Zu alltäglich kommt die Sprache, zu gewöhnlich die Bilder daher, um beim oberflächlichen Lesen Faszination auszulösen. Eine herkömmliche Dramaturgie fehlt und wird lediglich durch den roten Faden der Familiengeschichte ersetzt. Das mag dem Konzept des Verlags entsprechen, bleibt als Menü aber nicht lange im Gedächtnis. Schade eigentlich, denn die Idee hat viel Potential.

TitelGulas Menü : ein Roman in 16 Geschichten / Henning Schöttke
Person(en)Schöttke, Henning
Ausgabe1. Aufl.
VerlegerLehrensteinsfeld bei Heilbronn : Stories & Friends
Erscheinungstermin11. Sept. 2011
Umfang/Format208 S. ; 19 cm
ISBN/Einband/Preis978-3-942181-09-9 Pp. : EUR 17.90 (DE), EUR 18.40 (AT), sfr 32.50 (freier Pr.)

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Verlag Stories & Friends, der mir ein Rezensionsexemplar des Buchs Gulas Menü zur Verfügung gestellt hat. Ebenfalls Dank an Blogg dein Buch für die Vermittlung zwischen diesem Blog und dem Verlag.

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