Samstag, April 21, 2012

David Foenkinos: Nathalie küsst

François ist Banker, „einer von diesen Spekulantenlehrlingen, die, während sie mit Millionen jonglieren, sich auf ihre jüngste Monopoly-Partien besinnen.“ Nathalie hatte Betriebswirtschaft studiert und arbeitet nun in einer schwedischen Firma, die ihren Sitz in Paris aufgeschlagen hatte. Aber eigentlich tut sie das nur, weil man vom Lesen nicht leben kann. Sie liebt es, in die Welt der Bücher einzutauchen. Am liebsten liest sie Liebesgeschichten.

Als François sie auf der Straße anspricht, holt er sie aus ihrer kleinen, verträumten Welt heraus. Oder war es gar andersherum? Reagierte sie vielleicht nur deswegen auf ihn, weil ihrer ersten Begegnung etwas von einem Cortázar-Roman anhaftete, den sie gerade gelesen hatte? Sie heiraten, und während Nathalie weiter liest, puzzelt François, als ginge es um eine Meisterschaft – oder er geht joggen, um sich fit zu halten.

Dann ist da Charlotte. Eine Reihe von Zufällen führt dazu, dass sie an jenem verhängnisvollen Sonntag im Lieferwagen des Blumenhändlers sitzt, für den sie eigentlich nur die Sträuße bindet. Einen großen Verlobungsstrauß soll sie ausliefern. Und während sie noch leichthin über ihre Rolle als Liebesbotin nachdenkt, läuft ihr François vors Auto.

Wenige Tage später ist er tot. Natalie muss lernen, mit ihrem Schmerz umzugehen. Und sich ihres Chefs Charles zu erwehren, der sich nach dem Tod ihres Ehemanns Hoffnungen macht, die Lücke in ihrem Leben füllen zu können. Nur dass Charles verheiratet ist. So beschließt sie, Klartext zu reden: „Vielleicht werde ich einfach nicht mehr imstande sein, jemanden zu lieben, aber sollte ich es eines Tages doch in Betracht ziehen, dann kommst du eigentlich nicht in Frage.“

Rational ist nicht zu erklären, warum sie stattdessen den Quotenschweden der Firma, Markus, küsst. Vielleicht, weil er sie aus ihren Träumereien aufgeschreckt hat, als er mit seiner Akte in der Hand in ihr Büro trat. Vielleicht, weil sie gerade in einer sehr romantischen Stimmung war. Jedenfalls vergisst sie diesen Kuss fast sofort wieder. Während Markus das Gefühl hat, wachgeküsst worden zu sein.

Nun sind es zwei Männer, die um Natalie werben. Eigentlich sogar drei, denn Natalie hängt gedanklich noch immer François hinterher. Ihr in diesem Gefühlschaos zuzusehen, bestimmt den Charme dieses Romans des Franzosen David Foenkinos. Es ist eine kleine, eine tastende Liebesgeschichte. Trivial in ihrer Alltäglichkeit.

Das ist auch Foenkinos klar, und so schreibt er in Anlehnung an Tolstois Einleitung zu „Anna Karenina“: „Die meisten Liebespaare wiegen sich für ihr Leben gern in dem Glauben, ihre Beziehung weise Züge des Außergewöhnlichen auf, und dennoch sind gerade die unzähligen Verbindungen, die in vollendeter Banalität eingegangen werden, oft mit Details angereichert, die eine leichte Ekstase gestatten.“

Tatsächlich sind die Zutaten zu dieser Liebesgeschichte altbekannt. Da ist eine Frau zwischen zwei Männern. Sie wird von allen verehrt, nahezu als Göttin behandelt. Dass ausgerechnet der ungelenke Markus sich Hoffnungen macht, wird in der Firma allgemein als Witz betrachtet. Und doch erkennt Nathalie gerade in diesem immer etwas sonderbar angezogenen Schweden nach und nach die Vorzüge. Und verwandelt den Frosch durch ihren Kuss zum Prinzen.

Irritierend ist der Stil, in dem David Foenkinos die Geschichte erzählt. Nahezu uninteressiert zeigt er sich am Setting – Beschreibungen der Örtlichkeiten sucht man weitgehend vergebens. Der Verdacht liegt nahe, dass er damit die Universalität der Geschichte hervorheben will. Er lässt dadurch dem Kopfkino viel Platz für eigene Bilder, bietet aber dem Leser wenig, an dem er sich festhalten kann.
Selbst Dialoge sind spärlich gesät. Der Roman besteht zu mindestens 75% aus den Gedankenspielen der Protagonisten. Angesichts der Tatsache, dass Liebe vor allem ein Gefühl ist, wirkt es folgerichtig, wenn er sich vor allem darauf stürzt, die emotionalen Wirrungen seiner Charaktere nachzuzeichnen. Aber auch hier stellt er sich deutlich gegen den Trend der jüngeren Literatur.

Bemerkenswert ist seine Marotte, die Geschichte in postmoderner Manier durch Listen und Fundstücke aufzulockern und mit neuen Bedeutungsebenen zu versehen. Da finden sich die Fußballergebnisse der 1. Liga eines bestimmten Sonntags neben den Preisträgern im Puzzle-Weltmeisterschaft 2008, da wird Alain Souchons Chanson „L’amour en fuite“ ausführlich zitiert und mit einem youtube-Link versehen (der aus rechtlichen Gründen jedoch nicht funktioniert), da finden sich Zitate von Maupassant neben Einträgen aus dem Larousse, dem französischen Wörterbuch. Und nimmt man sich einen Moment Zeit, diese Infohappen zu verarbeiten, dann passen sie tatsächlich ganz ausgezeichnet zu dem, was er gerade über Nathalies Verwirrung zum Besten gibt.

Erwarten wir von Liebesgeschichten tatsächlich etwas Neues? Oder geht es nicht vielmehr darum, die kleinen Details zu entdecken, die eine Geschichte von der anderen unterscheiden – wie Foenkinos ja selbst am Anfang seines Romans schreibt. „Nathalie küsst“ lässt sich leicht und schnell lesen. Es enthält die Zutaten, die nun einmal von so einem Text erwartet werden. Insofern gibt es keinen Grund, sich zu beschweren.

Anlässlich der Verfilmung mit Audrey Tautous, die dieser Tage ins Kino kommt, hat der C.H.Beck-Verlag nun eine „Filmausgabe“ des Romans auf den Markt geworfen. Hier kommen die passenden Bilder zum gedankenreichen Roman. War es Absicht, dass Foenkinos die beiden Medien derart strikt trennt, indem er Setting und auch Dialoge weitestgehend dem Film vorbehält? Für die Filmfassung schrieb er das Drehbuch und führte später die Co-Regie, zusammen mit seinem Bruder Stéphane. Im Roman findet sich ein Auszug aus diesem Drehbuch. Beides zusammen wird wahrscheinlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Titel Nathalie küsst : Roman / David Foenkinos. Aus dem Franz. von Christian Kolb
Person(en) Foenkinos, David ; Kolb, Christian [Übers.]
Ausgabe Filmausg., 1. Aufl.
Verleger München : Beck
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 238 S. ; 21 cm
erhältlich als Buch, kartoniert (ursprüngliche Cover)
eBook (ursprüngliche Cover)
Filmausgabe 2012
eBook Filmausgabe
Hörbuch
Proben Leseprobe
Hörprobe
Einheitssachtitel La délicatesse <dt.>
ISBN/Einband/Preis (Buch) 978-3-406-63547-2 kart. : EUR 16.95
3-406-63547-4
EAN 9783406635472
Schlagwörter Liebesbeziehung ; Trauerarbeit ; Belletristische Darstellung

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Verlag C. H. Beck, der mir ein Rezensionsexemplar des Buchs Nathalie küsst zur Verfügung gestellt hat. Ebenfalls Dank an Blogg dein Buch für die Vermittlung zwischen diesem Blog und dem Verlag.

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