Montag, April 02, 2012

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse

Pont Aven ist ein kleiner Fischereihafen im südlichen Finistère. Bekannt geworden war das Dorf, als sich dort Ende des 18. Jahrhunderts eine Malerkolonie ansiedelte, mit Paul Gauguin als einem ihrer wichtigsten Vertreter. Glaubt man dem Roman „Bretonische Verhältnisse“ von Jean-Luc Bannalec, bewohnte Gauguin damals das Hotel Central unweit der alten Steinbrücke. Marie-Jeanne Pennec hieß die damalige Besitzerin des Hotels, und der Geschichte zufolge war sie eine große Förderin der Künste.

Das Hotel befindet sich auch heute noch im Besitz der Pennecs. Aber zu Beginn der Geschichte liegt der alte Besitzer tot auf dem Boden des Restaurants. Und weil der für die Region zuständige Kommissar Dercap gerade wegen der Hochzeit seiner Tochter im Ausland unterwegs ist, wird aus dem benachbarten Concarneau der miesepetrige Dupin hinzugezogen.

Dupin nimmt sich im Alleingang das soziale Umfeld des Ermordeten vor. Wenn er nicht gerade Verdächtige besucht, geht er spazieren und regelt die Ermittlung per Telefon. Gern nimmt er auch die lokale Küche der Bretagne in Augenschein. Denn eigentlich stammt Dupin aus Paris. Erst seit drei Jahren lebt er in Concarneau. Und so sieht er vieles eher mit den Augen eines Touristen denn eines Einheimischen.

Der Roman „Bretonische Verhältnisse“ schlägt eine gemächliche Gangart an, die deutlich an das Genre des Regionalkrimis angelehnt, sich aber auch hemmungslos bei Simenon und seinem Ermittler Maigret bedient. Die Marotte, das Telefon einfach aufzulegen, wenn ein Anrufer zu drängend insistiert, zeigte auch Maigret schon im Roman „Der gelbe Hund“, der ebenfalls in Concarneau spielt. Und genau wie Dupin heute, notierte sich auch Maigret alle Informationen in ein kleines Notizbüchlein, das er immer mit sich schleppte.

Aber während Simenon den Ort nur in kurzen Stimmungsbilder charakterisierte, lässt Bannalec seinen Kommissar stundenlang durch die Landschaft spazieren und vermittelt so dem Leser ein eindrückliches, wenn auch zuweilen romantisch verzerrtes Bild aus jener Region der südlichen Bretagne, in der die Geschichte spielt.

Leider legt er dabei deutlich mehr Wert auf Landschaftsbeschreibungen als auf psychologische Studien. Das war die Stärke Simenons, die sich gleichzeitig als größte Schwäche Bannalecs erweist. Die Charaktere in „Bretonische Verhältnisse“ bleiben blass. Für Familie und Umfeld erfährt der Leser gerade so viel über die Personen, wie er zum Lösen des Falles braucht; der Kommissar und seine Inspektoren hingegen bleiben fast gänzlich farblos.

Zwar hat sich Bannalec für seinen ersten Roman ein Universum von ca. 40 Personen erdacht, von denen er bereits im ersten Kapitel 36 namentlich vorstellt. Doch trägt dieser Overkill an Namen nicht dazu bei, die Geschichte plastischer anzulegen. Erst allmählich schält sich beim Lesen heraus, welche Personen wirklich wichtig sind und welche man getrost wieder vergessen kann.

Was bleibt, sind Urlaubsbilder. Sie machen Lust auf mehr von der Bretagne und tragen den Roman über weite Strecken. Den Spannungsbogen bezieht „Bretonische Verhältnisse“ allein aus der Frage, wer der Mörder des alten Mannes sein könne. Wirkliche Indizien gibt es nicht. So kommt das Ende überraschend, ohne relevant zu sein. Auch jede andere Person hätte dem Kommissar Dupin in die Falle gehen können – am Leseerlebnis würde dies nichts ändern.

So ist der Roman all denen anzuempfehlen, die die Bretagne lieben und die schon immer einen französischen Regional-Krimi lesen wollten. Gauguin-Fans hingegen werden eher nicht auf ihre Kosten kommen, da Bannalec die Historie lediglich als Aufhänger benutzte, ohne sich groß um die Faktenlage zu kümmern. Herausgekommen ist ein kleiner Roman, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Titel Bretonische Verhältnisse : ein Fall für Kommissar Dupin / Jean-Luc Bannalec
Erhältlich als Buch
Hörbuch
eBook
Person(en) Bannalec, Jean-Luc
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungstermin 12. März 2012
Umfang/Format 301 S. ; 22 cm
Anmerkungen Zusätzliches Online-Angebot unter www.kiwi-verlag.de
Leseprobebicmedia.com
Schlagwörter Bretagne ; Künstlerkolonie ; Mord ; Aufklärung ; Belletristische Darstellung

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