Mittwoch, Mai 16, 2012

Tess Gerritsen: Der Meister

Von der ersten Zeile des Romans "Der Meister" von Tess Gerritsen wird klar, worum es geht: „Heute habe ich einen Mann sterben sehen“, heißt es zu Beginn des Prologs. In langen Ausschweifungen gibt der Ich-Erzähler Warren Hoyt kund, wie sehr er diesen Augenblick genießt. Als ehemaliger Chirurg, der sich mittlerweile im Gefängnis befindet, läuft er zu dem Schwerverletzten, betrachtet ausgiebig dessen Wunde und ergötzt sich daran. Mit jedem Satz, den er von sich gibt, erinnert er mehr an Thomas Harris‘ Figur des Hannibal Lecter. Intelligent, abgrundtief böse, mit überausgeprägtem Geruchssinn.

Die Szene wechselt. Wir begegnen der Heldin des Romans, in einer Art zweiten Prolog. Denn das Rätsel, vor dem Detective Jane Rizzoli vom Bostoner Police Department steht, hat mit dem eigentlichen Fall nichts zu tun. Vor ihr auf der Straße liegt eine Leiche. Die Eingeweide finden sich in einem Umkreis von etlichen Metern. Während die Anwohner von einem Verkehrsunfall faseln, ohne jedoch ein Auto gesehen zu haben, setzt Rizzoli die Indizien zusammen und geriert sich so als Nachfolgerin von Sherlock Holmes. Klug, unbeirrt, konsequent logisch. Auch wenn das Ergebnis ihrer Überlegungen von der Konstruktion her ein wenig an die urbane Legende vom Taucher im Wald erinnert.

Neu ist wenig an diesem Roman. Er ist die konsequente Fortsetzung ihres Erfolgsbuches Die Chirurgin, mit dem sich Tess Gerritsen 2004 ihre deutsche Fangemeinde ausgebaut und die neue Serienfigur Jane Rizzoli eingeführt hat. Nicht nur die Heldin, auch der Antagonist ist identisch mit dem Vorgängerroman, und wenn sie gleich an den ersten Tatort ihres neuen Falles gerufen wird, erinnert sie alles an Warren Hoyt, den Chirurgen aus Teil 1 der neuen Reihe. Natürlich glaubt ihr niemand. Ihre Vorgesetzten werden ihr nahelegen, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Aber wie es das Klischee will, wird sie recht behalten.

Zumindest ein wenig. Denn so sehr sich Der Meister inhaltlich an Die Chirurgin anlehnt, die Auflösung wirkt dann doch ein wenig konstruiert. Und die Rolle Hoyts, das muss er selbst zugeben, ist nicht so groß, wie zeitweilig vermutet wird. Aber das ist nahezu nebensächlich. Der Schwerpunkt des Interesses liegt auf den spannenden Ermittlungsschritten der Forensiker, auf UV-Lampen und Spektrallichtern. Geschrieben für die Fangemeinde der US-amerikanischen TV-Krimiserie „C.S.I.“

Wie es sich für einen Thriller gehört, gerät Rizzoli zunehmend selbst ins Visier des Verbrechers und muss am Ende um ihr Leben kämpfen. Ich verrate hier kein Geheimnis. Tess Gerritsen versucht keinen Moment lang, das Plotmodell des erfolgreichen Kriminalromans zu sprengen. Sogar ein Liebesobjekt fügt sie der Geschichte bei. Für die weibliche Leserschaft muss das so sein. Ein wenig holprig und sprunghaft mag diese Liebe daherkommen. Wen stört das?

Manche Szenen des Romans entbehren nicht einer gewissen Qualität. Da taucht unvermutet der FBI-Agent Gabriel Dean in Jane Rizzolis Wohnung auf. Etwas in ihr warnt sie, den Mann nicht hereinzulassen. Natürlich öffnet sie ihm dennoch die Tür - und Gerritsen spielt nun gekonnt mit der Erwartungshaltung des Lesers. Ist Dean der unbekannte Gehilfe Hoyts? Wird er Rizzoli gleich mittels Teaser lahmlegen? Ärgerlich nur, wie der hübsche Detective im vollen Bewusstsein der Gefahr alle Aktionen Deans konsequent naiv uminterpretiert. Die junge Frau mit dem logischen Vermögen eines Sherlock Holmes wechselt mal eben in die Rolle des unschuldigen Frauchens, weil es dem Spannungsbogen dient.

Das scheint mir ohnehin die Crux dieses Bandes zu sein: Ich glaube der Hauptfigur einfach nicht. Sie mag eine Koryphäe im Bereich der Forensik sein, privat erscheint sie mir zu blass. Daran ändern weder ihre Vorahnungen etwas, noch ihre Angst, ihre Liebe oder die im letzten Teil des Romans gelegentlich eingestreuten Jugenderinnerungen. Jane Rizzoli hangelt sich von Hinweis zu Hinweis,  von Tatort zu Tatort. Aber als eigenständige Figur bietet sie wenig. Vielleicht führt das dazu, dass ihre Liebesbeziehung in der zweiten Hälfte des Buches so sprunghaft aufzuflammen scheint.

Es spricht für Tess Gerritsen, dass sich auch Der Meister in einem Rutsch durchlesen lässt. Befreit von Ecken und Kanten zeigt der Roman solides Handwerk und befindet sich technisch gesehen auf der Höhe der Zeit. Für Autoren, die an einem Thriller Plotstrukturen studieren wollen, ist das Buch nicht zu anspruchsvolles Arbeitsmaterial. Und für Thrillerfans, die Serienfiguren lieben, ist Jane Rizzoli eine austauschbare, aber nicht unsympathische Protagonistin. Schade nur, dass Gerritsen nicht wagt, neue Wege zu beschreiten.

Titel Der Meister : Roman / Tess Gerritsen. Aus dem Amerikan. von Andreas Jäger
Person(en) Gerritsen, Tess
Ausgabe Taschenbuchausg., 1. Aufl.
Verleger [München] : Blanvalet
Erscheinungstermin 8. August 2005
Umfang/Format 412 S. ; 19 cm
Gesamttitel Blanvalet ; 36284
Einheitssachtitel The apprentice ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 3-442-36284-9 kart. : EUR 8.95
EAN 9783442362844
Parallele Ausgabe(n) Hardcover
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