Samstag, Mai 05, 2012

Tess Gerritsen: Kalte Herzen

Die Geschichte beginnt wie eine russische Version von „Oliver Twist“. Eine Kindergruppe ist in Moskau unterwegs. Bettelnd und mit Taschendiebstählen halten sie sich über Wasser. Gelegentlich müssen sie sich prostituieren. Das Geld liefern sie abends bei Onkel Mischa ab. Eine andere Welt kennen sie nicht. Als eines Tages zwei Fremde mit einem großen, schwarzen Wagen mit getönten Scheiben bei Mischa vorfahren, scheint eine neue Zeit anzubrechen.Nadja und Pjotr vertreten eine Agentur, die Adoptivkinder nach Amerika vermittelt, sagen sie. Und sie möchten gleich die ganze Gruppe dorthin bringen. Mischa wittert das große Geld. Er wird den Abend nicht überleben.

Der Roman folgt der kleinen Gruppe auf ihrer Reise in die vermeintlich neue Welt, die allerdings für die meisten bereits auf See endet. Denn schnell wird klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Und bald ahnt der Leser, dass die Kinder nie neue Eltern bekommen werden, sondern lediglich als Ersatzteillager im Organhandel dienen.

Ein anderer Handlungsfaden folgt der jungen Assistenzärztin Abby DiMatteo, die sich in einer Bostoner Klinik um einen jungen Herzpatienten, den 17-jährigen Josh O’Day, kümmert. Gerade ist ein Spenderherz für ihn hereingekommen, als es heißt, das Organ ginge der Warteliste zum Trotz an eine andere Person. Zusammen mit der zuständigen Ärztin entschließt sich DiMatteo, das Herz dennoch zum Jungen zu bringen, zumal eine personengebundene Spenderverfügung vorliegt. Natürlich handelt sie sich durch dieses eigenmächtige Verhalten enormen Ärger ein. Aber der Vorfall macht sie hellhörig und sie beginnt zu recherchieren. Zumal auch der Gemahl jener Frau, die das Organ stattdessen bekommen sollte, alle Hebel in Bewegung setzt, DiMatteo das Leben zu erschweren.

Als Tess Gerritsen mit „Kalte Herzen“ ihr literarischer Durchbruch gelingt, hat sie bereits eine Reihe romantischer Romane hinter sich, die in Deutschland vor allem vom Cora Verlag veröffentlicht wurden. Als examinierte Medizinerin besinnt sie sich 1996 auf ihr eigenes Spezialgebiet und schafft in Anlehnung an Robin Cooks Roman „Koma“ von 1977 einen Medical Thriller um Organhandel und Russenmafia, der langsam an Fahrt gewinnt, dann aber die Spannungsschraube nach gängigen Klischees immer weiter anzieht und bis zum Schluss steigert.

Ein erstaunlich routinierter Thriller mit klaren Bildern, aber sehr eindimensionalen Figuren ist das Ergebnis. Fakten über den Organhandel sucht man in dem Buch vergeblich. Zwar wird die Russenmafia für alles Böse verantwortlich gemacht, aber eigentlich weiß der Leser nach Ende der Lektüre nicht mehr als zu Beginn. Zwar versucht Gerritsen aufzuzeigen, dass auch diejenigen, die bereit sind, für ein Spenderorgan Unsummen auszugeben, dies zumeist deswegen tun, weil sie sich liebend um die Ihren kümmern, doch ist dies auch schon alles, was ihr an ethischen Implikationen einfällt.

Was bleibt, ist eine kurzweilige Lektüre und ein Blick zurück auf den ersten großen Roman einer Autorin, die seitdem kontinuierlich jedes Jahr einen Medical Thriller abliefert und sich damit eine beständig wachsende Leserschaft erobert hat.

Titel Kalte Herzen: Roman / Tess Gerritsen. Dt. von Kristian Lutze
Person(en) Gerritsen, Tess
Ausgabe Einmalige Sonderausg.
Verleger [München] : Blanvalet
Erscheinungsjahr 2005
Umfang/Format 383 S. ; 19 cm
Gesamttitel Blanvalet ; 36296
Einheitssachtitel Harvest

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