Mittwoch, Juni 27, 2012

Das blaue Sofa - vom 18. Mai. 2012

„Das blaue Sofa“, die derzeitige Literatursendung des ZDF, macht eine ausgedehnte Sommerpause. Ihre letzte Folge lief am 18.05.2012, die nächste Folge wird am 14. September folgen. Da Bücher, die im Mai erschienen, auch heute noch als halbwegs aktuell gelten, nehme ich mir die Zeit, die Beiträge zu sichten.

Gleich für den ersten Beitrag lohnt es sich, die Sendung auf deren Homepage anzusehen. Vorgestellt wird Ernst Augustin, seines Zeichens Schriftsteller, ehemaliges Mitglied der Gruppe 47, der sein Haus in München-Neuhausen in ein wahres Kuriositätenkabinett verwandelt hat. Die Wände kunstvoll bemalt mit griechisch anmutenden Landschaften, das Treppenhaus mit ebenfalls bemalten Marmorsäulen aufgewertet, vollgestellt mit Vasen und Büsten. Schwer zu entscheiden, was hier real ist und was einfach einer überbordenden Fantasie entspringt.

Nur eins ist klar: Augustin schert sich nicht um Konventionen. Dafür macht es umso mehr Spaß, einen Blick in die einzelnen Zimmer zu werfen. In das Arbeitszimmer etwa, in dunklem Holz gehalten, und mit vollen Bücherregalen. Oder die „Diskothek“ mit verspiegelten Wänden und Diskokugel, die er im Souterrain eingerichtet hat.

Wolfgang Herles stellt in diesem Treppenhaus Ernst Augustins neues Buch „Robinsons blaues Haus“ vor. Und zitiert als erstes: „Ein poetisches Haus, mit viel Platz für Banalitäten als auch für das Erhabene (…) ja, aber auch Durchblicke und Ausblicke auf schöne Landschaften – Landschaften der Seele, versteht sich.“ Und sofort wird klar, dass Augustin damit sein eigenes Haus beschreibt, „ein Haus des Inneren, in dem ich herumlaufe. Oder noch kürzer: Offenbar bin ich dabei, in mich zu gehen.“ Seiner Meinung nach besteht der Sinn des Lebens darin, sich wohnlich einzurichten. Und das ist ihm offensichtlich gelungen. Ein Buch, nicht nur für Innenarchitekten.

Szenenwechsel: Auf dem Chiemsee spielt Sten Nadolnys neuer Roman „Weitlings Sommerfrische“. Wolfgang Herles ist enttäuscht von dem Buch und macht daraus kein Hehl. Zusammen mit dem Kamerateam begibt er sich auf eine ebensolche Chiemseeplätte, mit der der Romanprotagonist Wilhelm Weitling auf dem Chiemsee kentert und eine Weile zwischen Leben und Tod schwebt. Weitling, Richter und Schriftsteller, macht durch diesen Unfall eine Reise in die eigene Vergangenheit und erlebt sich selbst als jungen Mann. Herle zufolge ist diese Vergangenheit jedoch so langweilig, dass es sich nicht lohnt, darüber ein Buch zu schreiben. Oder es zu lesen. Stattdessen, so Herles Tipp, möge man sich lieber noch einmal Nadolnys famosen Erstling, „Die Entdeckung der Langsamkeit“, greifen.

Der nächste vorgestellte Roman pendelt irgendwo zwischen Utopie und Geschichtsstunde. Es geht um Gioconda Bellis „Die Republik der Frauen“ und sie beschreibt darin einen fiktiven Staat Faguas, in dem nach einem Vulkanausbruch die Männer von einer seltsamen Schläfrigkeit erfasst werden und den Frauen die Regierung überlassen. Sofort beginnt der Großputz der „erotischen Linken“, wie sich die neu gegründete Frauenpartei nennt - ganz nach dem Vorbild der echten „erotischen Linken“, die sich damals in Nicaragua nach der Revolution gebildet hat.

Das Interview, das Wolfgang Herles mit der Autorin Belli führt, strotzt vor altbekannten Allgemeinplätzen und Apologien der Frauenbewegung: Frauen an der Macht würden alles anders und besser machen. Wenn die Thatchers und Merkels dieser Erde genau das nicht tun, liegt das daran, dass sie fest in einem männlichen System gefangen sind und sich deswegen männlicher und härter geben müssen als die Frauen selbst. Diese Argumentationen kenne ich noch aus den Achtzigern. Giaconda Belli will mit ihrem Roman der Frauenbewegung einen Kickstart versetzen. Ein hoch gesetztes Ziel.

Das Buch „1812“ des englischen Historikers Adam Zamoyski erzählt mitreißend die Geschichte von Napoleons Russlandfeldzug. Wir kennen diese Zeit aus Tolstois „Krieg und Frieden“. Herle geht so weit, beide Bücher gleichwertig nebeneinander zu stellen. Auf dem Rückweg von Moskau gerät Napoleons Armee in den russischen Winter und kommt größtenteils elendlich darin um. Die Soldaten beginnen vor Hunger, ihre toten Kameraden zu essen. Aus dem ruhmreichen Feldzug wurde schließlich ein epochales Desaster. Eine Millionen Soldaten lassen ihr Leben. Kein Roman, aber spannende Lektüre voller Einsichten und hunderter einmontierter Augenzeugenberichte.

Zum Schluss noch mal ein wenig Shakespeare: Titania und Oberon heißen die Eltern des leukämiekranken Jungen, der in einem Krankenhau in San Francisco stirbt. Es sind die beiden Elfenherrscher aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, und Chris Adrian, ein neuentdecktes Talent am amerikanischen Literaturhimmel, versetzt die beiden nach Kalifornien, mitten hinein ins pralle Leben. Puck, den Geist, der einst in Shakespeares Komödie gebannt wurde, lässt Titania nun wieder frei, damit er sein Unwesen treiben kann. Denn warum soll es anderen besser gehen als ihr, die gerade ihr Kind verloren hat?

In seinem Roman "Die große Nacht" sind zahlreiche Erfahrungen verarbeitet, die Chris Adrian als Arzt an einer Krebsstation gemacht hat. Die Ohnmacht und Wut der Eltern beispielsweise, die zum Auslöser für die Irrungen im Roman werden. Oder eben seine permanente Beschäftigung mit dem Tod. Trotzdem steuert die Geschichte auf ein Happy End zu, das nicht weniger orgiastisch ist als Shakespeares Vorlage. Eine Modernisierung, die Lust auf mehr macht.

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