Donnerstag, Juni 14, 2012

Donna Leon zu Gast bei Thea Dorn

70 Jahre ist Donna Leon, die Autorin der "Kommissar Brunetti"-Reihe, mittlerweile. Die Falten stehen ihr. Ihr verschmitztes Lachen auch. Den Trailer zur Sendung "Literatur im Foyer", die heute Abend um 23:45 vom SWR ausgestrahlt wird, liest sie auf Deutsch vom Blatt ab. "Mein Name ist Tina Turner ..." Und grinst über das ganze Gesicht.

Einen Moment stutze ich. Ist das nicht ein wenig geschmacklos? War die Turner nicht gerade erst gestorben? Auch wenn es sich bei dem Interview wahrscheinlich um eine bereits vor einiger Zeit aufgenommene Aufzeichnung handelt, ist diese Ansage doch ein wenig geschmacklos angesichts der gerade drei Tage alten Meldung, Tina Turner sei im Alter von 72 Jahren verstorben. Ich recherchiere das noch einmal kurz nach und muss feststellen, dass ich einer Twitter-Ente aufgesessen bin, die dann natürlich auch zu Facebook rüberschwappte. Tina geht es gut, Donno Leon offensichtlich auch.

In der Alten Reithalle in Stuttgart sitzen sie, eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen Europas, und Thea Dorn, selbst Schriftstellerin, Dramaturgin und eben auch Fernsehmoderatorin. Kaum eröffnet Dorn das Gespräch, erzählt die Leon auch schon, sie habe gerade eben, zwei Minuten vor der Sendung, in einem leeren Raum zwei tragbare PCs entdeckt und überlegt, ob sie die nicht schnell auf ihr Zimmer bringen könne. Wieder grinst sie breit. Aber es wird klar: Es vergeht kaum ein Moment, in dem sie nicht voller Freude über neue Arten nachdenkt, kleine Gaunereien und große Verbrechen zu begehen. Und das immer mit einem Schalk im Nacken.

20 Jahre nun schreibt sie ihre Venedig-Krimis um Kommissar Brunetti, 20 Bände sind inzwischen erschienen, mit Reiches Erbe gerade vor ein paar Tagen der neuste Band. Und natürlich ist das Buch sofort in den Bestsellerlisten eingestiegen und nach oben geklettert.

Dabei wollte sie eigentlich nie Schriftstellerin werden. Der Erfolg überraschte sie ein wenig und überrascht sie noch heute. Denn so etwas lässt sich nicht planen. Sie rätstelt ein wenig, warum ihre Bücher gerade im deutschsprachigen Raum derart verschlungen werden, redet von dem intellektuellen Brunetti und von politischen Themen. Aber man spürt deutlich, dass es tausend Gegenargumente für ihre Thesen gibt. Und dass sie das auch weiß.

Aufgelockert wird das Interview durch die Lesung des zweiten Kapitels aus Reiches Erbe. Dafür konnte Barbara Stoll gewonnen werden, Schauspielerin und Rezitatorin, mit wallenden Haaren und viel Spaß an der Aussprache der italienischen Begrifflichkeiten.

So erfahren wir nebenbei von Donna Leons neuem Buch. Von Anna Maria Giusti, die nach ihrem Urlaub zurück in die Wohnung kommt und sich bei ihrer alten Nachbarin Costanza Altavilla zurückmelden will. Die beiden Frauen verbindet eine lange Freundschaft. Natürlich haben sie Schlüssel für die Wohnungen des jeweils anderen. Und als Altavilla nun so gar nicht Klingelt reagiert, schaut Anna Maria Guisti in deren Wohnung nach dem Rechten. Sie findet ihre Nachbarin tot in der Wohnung vor – mit Schürfwunden an Hals und Schultern. "Während Vice-Questore Giuseppe Patta die Geschichte verharmlost und zu den Akten legen will", heißt es darüber im Verlagstext, "vertraut Brunetti auf seinen Instinkt – und gelangt zu tieferen Wahrheiten als jenen, die beweisbar sind. Mit ungewöhnlichen Mitteln macht Brunetti sich stark für die Alten und Schwachen."

So reden auch Thea Dorn und Donna Leon eine Weile über das Altwerden in Venedig und über die Angst der Alten, abgeschoben zu werden. Aus dem Kreis der Familie ausgeschlossen und in ein Heim verfrachtet zu werden. Und plötzlich wird Leon nachdenklich, kommt auf ihr eigenes Alter zu sprechen, das den Blick auf viele Dinge verändert. Zum Beispiel auf dieses vertrackte Ding namens "Gerechtigkeit". Was ist das eigentlich? Sie selbst bezeichnet es offen als "billigen Trick", dass in ihren Romanen immer wieder Menschen das Recht selbst in die Hand nehmen, weil sie das Gefühl haben, sich nicht auf den Staat verlassen zu können. Das muss notwendig ins Chaos führen, aber es ist eben auch ein Stom, dem man sich schwer entziehen kann.

Erst, als Thea Dorn sie fragt, wovon Brunetti wohl in der letzten Nacht geträumt haben mag, kommt Donna Leon ein wenig aus dem Konzept. Höflich, aber mit deutlich aufgerissenen Augen, fragt sie nach. "I beg your pardon?" Und als Dorn dann langatmit ihre Frage zu erklären versucht, schaut sich Donna Leon hilfesuchend zu den Zuschauern um. "Bin ich eigentlich die Einzige im Raum, die denkt, dass er eigentlich nur ein Charakter in einem Buch ist?" In diesem Punkt ist sie sehr klar. Zwischen Realität und Fiktion kann sie durchaus noch unterscheiden. Nächste Frage bitte!

Titel Reiches Erbe : Commissario Brunettis zwanzigster Fall / Donna Leon
Person(en) Leon, Donna
Ausgabe 1., rev. Ausg.
Verleger Zürich : Diogenes
Erscheinungstermin 22. Mai 2012
Umfang/Format 384 S. ; 184 mm x 116 mm
Einheitssachtitel Drawing Conclusion ‹dt.›
Parallele Ausgabe(n) Hardcover
eBook
Hörbuch
ISBN/Einband/Preis 978-3-257-06820-7 Leinen. : EUR 22.90 (DE), EUR 23.60 (AT), sfr 38.90 (freier Pr.)
3-257-06820-4
EAN 9783257068207
Leseprobe diogenes.ch
Quelle des Interviews: swr.de/literatur-im-foyer

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