Montag, Juni 25, 2012

Druckfrisch vom 3.6.2012

Einer der unbestreitbaren Vorteile der Internet-Mediatheken besteht darin, dass ich nicht mehr darauf angewiesen bin, den Kampf gegen meinen Videorekorder zu gewinnen oder schon im Vorfeld zu entscheiden, ob mich eine Sendung interessieren wird. So kann ich in aller Ruhe z.B. auf der Homepage eines Literaturjournals nachsehen, ob mich die zu erwartenden Beiträge interessieren oder nicht. Und dann, gegebenenfalls, einzelne Beiträge oder die ganze Sendung ansehen, wann immer mir danach ist. Nicht einmal Festplattenspeicher benötige ich dafür.

So bei der Sendung „Druckfrisch“. Eine Zeitlang hatte ich jede Folge aufgenommen, zusammen mit „WestArt“, „Titel, Thesen, Temperamente“, „KulturZeit“, „Literatur im Foyer“, „Quergelesen“, „Lesezeichen“, „Aspekte“ und „Artour“ und „Metropolis“. Muss ich dazu sagen, dass es mir selten gelungen ist, mich durch all diese aufgenommenen Journale durchzuarbeiten?

Heute nehme ich mir Zeit, die Druckfrisch-Ausgabe vom 3. Juni 2012 in voller Länge anzusehen. Druckfrisch macht Sommerpause bis zum 26.08., aber im Archiv befindet sich genügend Material, das ich noch nicht kenne. Schon der Trailer macht Lust auf mehr. Da wird Ror Wolf vorgestellt, der mit ernster Miene und leicht verwildertem Aussehen mit Denis Scheck auf einem Fußballplatz sitzt und völlig emotionslos erzählt, wie zerfetzt von Gefühlen ein echter Fan sich ein Spiel ansieht. Dann Denis Scheck selbst, in den Hallen von Koch, Neff und Volckmar, mit zerschlagener Brille, ebenfalls bierernst seinen Hohn über die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch ausgießend. Und: Ein Interview mit dem italienischen Krimi-Autoren Massimo Carlotto, der sich eines Öko-Skandals angenommen hat und über Gefängnisse als Universitäten des Verbrechens schwadroniert.

Zunächst jedoch stellt Scheck den Pulitzerpreis-gekrönten Roman „Die Wende“ von Stephen Greenblatt vor. Vollmundig vergleicht Scheck das Buch mit Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Darin beschreibt Greenblatt einen Bücherjäger des Mittelalters, Poggio Bracciolini, der sich auf die Suche nach einer Abschrift von Lukrez' "De rerum natura" macht. Von der Kirche verboten und in die tiefsten Untiefen geheimer Bibliotheken verbannt, würde dieses Buch das Weltbild des Christentums auf den Kopf stellen. Und, so Greenblatt, entscheidend mitwirken an der Wiederentdeckung der Antike, die für die europäische Renaissance so wegweisend war.

Ein wenig anarchistischer Humor blickt durch, als die Mitarbeiter von „Druckfrisch“ zwei Stühle an die Mittellinie der Coface Arena des 1. FSV Mainz tragen, vorbei an dem Schild „Rasen betreten strengstens verboten“. Dort, am Anstoßpunkt, wird Denis Scheck gleich sein Interview mit Ror Wolf führen. Während die beiden Männer durch den Tunnel in Richtung Stühle gehen und Scheck seine Laudatio auf Wolf in die Kamera posaunt, sinkt Wolf selbst immer weiter in sich zusammen. Offensichtlich ist ihm das ganze Lobgehudel nicht wirklich angenehm. 80 Jahre alt wird der Autor dieser Tage, und das sieht man ihm wirklich nicht an. "Die Vorzüge der Dunkelheit: Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen" heißt sein aktueller Horrorroman. Reden tun die beiden aber – der nahenden EM geschuldet – fast nur über Fußball. Denn vor 40 Jahren hat Ror Wolf mit „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ seinen ersten Bestseller verfasst – mittlerweile hat das Buch eine Auflage von über 100.000 Exemplaren, wie er nicht ganz zu Unrecht stolz mitteilt. Ganz nebenbei verweist Scheck dann noch auf die bei Schöffling erschienene Werkausgabe, speziell den Band mit den Hörspielen, dem folgerichtig auch eine CD mit mp3-Dateien beiliegt: "Die Einsamkeit des Meeresgrunds"

Die Sachbuchbestsellerliste zerreißt Scheck wie immer wortgewandt und amüsant. Ich beschränke mich hier darauf, mittels Plus oder Minus anzugeben, ob das Buch auf seinen Stapel lesenwerter Exemplare kommt oder einfach den Rolllauf hinuntergeschupst wird:

Sechs Jahre war er auf der Flucht, fünf Jahre saß er unschuldig im Gefängnis. Vor fünf Jahren recherchierte der italienische Krimiautor Massimo Carlotto für seinen Roman Tödlicher Staub. Laut Scheck schreibt Carlotto ohnehin die "härtesten und besten Kriminalromane Italiens". Carlotto selbst bezeichnet das Genre, in dem er arbeitet, als "investigativen Krimi". Und er erzählt davon, dass dies eine relativ neue Entwicklung in seinem Land sei, in dem investigativer Journalismus nicht mehr existiere. Was bleibt den Menschen, als die Wahrheiten in der Belletristik zu suchen? So ist auch das Umweltverbrechen, dass Carlotto in seinem aktuellen Roman beschreibt, im Kern real. Ein Freund auf Sardinien hatten ihn angerufen und aufgefordert, über das zu schreiben, was dort vor sich ging. Das hat Carlotta getan, in dem Wissen, nun könne niemand mehr unter den Teppich kehren, was sich dort zugetragen hat - und noch immer zuträgt. Ein brauchbarer Ansatz, der in der deutschsprachigen Literatur leider viel zu kurz kommt. Auch wenn die hiesigen Journalisten sich genau wie die in Italien immer mehr darauf zurückziehen, Verlautbarungen mehr oder weniger wörtlich wiederzugeben.


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