Dienstag, Juni 12, 2012

John Hart: Das eiserne Haus


Ein Kind rennt durch den nächtlichen Winterwald, verängstigt, blutend. In der Hand hält es ein Messer. Es bahnt sich seinen Weg durch das Unterholz, fällt, rafft sich wieder auf. In der Ferne heulen die Hunde. Hinter sich sieht es das Licht von Taschenlampen durch die Dunkelheit dringen. Das Licht seiner Verfolger.

Michael hat keine leichte Kindheit gehabt. Zusammen mit seinem Bruder wurde er nach dessen Geburt im Wald ausgesetzt. Ob es wirklich ein Glück war, dass die beiden gefunden und in das Waisenhaus „Iron House“ gebracht wurden, ist fraglich. Denn der Leiter des Heimes hat sich längst aus seiner Verantwortung zurückgezogen, so dass eine Gang von Kindern dort die Schwächeren erbarmungslos drangsaliert. 

Auch Julian, Michaels kleiner Bruder, leidet unter den gehässigen Scherzen der Gang. Regelmäßig wird er verprügelt, und es kann schon passieren, dass sie ihn nackt ausziehen und aus dem Fenster werfen, gerade dann, wenn mal eine Familie vorbeikommt, die nach einem Kind für die Adoption sucht. Meist versucht Michael, seinen Bruder zu beschützen. Aber irgendwann ist es Julian leid, immer auf Hilfe anderer angewiesen zu sein. Er rächt sich. Rammt seinem Peiniger ein Messer in die Kehle.

Michael ahnt, dass das, was nun auf Julian zukommen würde, seinen kleinen Bruder endgültig zerbrechen ließe. So nimmt er die Schuld auf sich und verschwindet aus dem Heim. Ein dummer Zufall, dass gerade an dem Tag eine reiche Familie vorbeikommt, die eigentlich beide Kinder mitnehmen möchte. So landet Julian allein bei dem Senator Vane und seiner empathischen Frau Abigail.

Julian wächst heran und wird Kinderbuchautor. In seinen Geschichten verarbeitet er seine Alpträume und die Erinnerungen ans „Iron House“. Das wird ihm gutes Geld bringen, auch wenn die Meinungen über seine Bücher sehr gespalten sind. 

Michael hingegen gerät auf die schiefe Bahn. Er tut sich mit ein paar Straßenkids zusammen und wird bald schon vom Paten Otto Kaitlin entdeckt, der ihn in seine Familie aufnimmt und für seine „Erziehung“ sorgt. Mit den Jahren entwickelt er sich zum besten Auftragskiller des Landes. Bis er sich in Elena verliebt und sie ein Kind von ihm erwartet.

Hier beginnt die Story von John Harts neuem Thriller „Das eiserne Haus“. Michael liegt mit Elena im Bett. Die Nacht mit ihren Schatten und ihrem Großstadtgeräuschen  dringt ins Zimmer. Von einer Sekunde auf die andere ist Michael hellwach, tastet nach seinem Revolver. Seit er beschlossen hat, aus der Firma auszusteigen, steht er auf der Abschussliste. Das weiß er. Da nutzt es wenig, dass Kaitlin ihm seinen Segen gegeben hat. 

Vor dem Fenster steht ein schwarzer Wagen. Das hat er schon in den vergangenen Nächten getan. Es ist ein Symbol, nicht mehr. Michael kennt zumindest einen der Insassen. Und das macht ihn enorm wütend. Denn die Anwesenheit seiner Beobachter zeigt, dass nicht nur er, sondern auch Elena bedroht sind.

Gern würde er einfach mit ihr das Land verlassen und irgendwo anders neu anfangen. Eine Familie gründen. Geld genug ist vorhanden. Aber Michael fühlt sich auch für Julian verantwortlich. Und bevor er den nicht gefunden und gesprochen hat, wird er sich nicht absetzen können. Und es gibt noch ein kleines Problem: Elena hat keine Ahnung, womit Michael sein Geld verdient.

John Harts Thriller „Das eiserne Haus“ ist von der ersten Seite an auf Konflikt gebürstet. Die Schraube an jeder Beziehung, die in diesem Buch vorgestellt wird, ist bis zum Anschlag angezogen. Nein, Michael wird nicht nur bedroht, nachdem er gerade beschlossen hat, sein Gangsterleben aufzugeben. Er hat auch noch eine verletzliche Frau. Und: Sie ist schwanger. Und: Sie weiß nichts von seiner Karriere. Und: Er muss sich um seinen Bruder kümmern, kann also nicht fliehen.

Wer diesen Stil mag, ist mit dem Thriller bestens bedient. Ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Denn allzu offensichtlich bedient sich Hart des immer gleichen Tricks, um die Leser in Spannung zu halten. Und Tricks, die schon nach wenigen Seiten durchschaubar werden, sind mir eigentlich zu plump. Andererseits lässt sich gerade in der ersten Hälfte dieses 500 Seiten starken Romans nahezu archetypisch die Erzählstruktur eines Thrillers untersuchen. Und eignet sich daher ganz wunderbar als praktisches Beispiel für das, was der Staragent Albert Zuckerman in seinem Buch „Bestseller: Der Agent von Ken Follett über die Kunst und das Handwerk, einen Bestseller zu schreiben“ über die Notwendigkeiten eines hitverdächtigen Plots sagt. 

Dass die Lektüre darüber nicht langweilig wird, liegt in erster Linie daran, dass John Hart völlig auf die Charaktere seiner Geschichte setzt. Nach und nach lernen wir nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Nebenfiguren mit ihren Geschichten kennen und dringen so Seite für Seite in den Mikrokosmos dieses Romans. Dass dabei tief in die Trickkiste der Klischees gegriffen wurde, schmälert den Lesegenuss nur ein wenig. Denn bis kurz vor Ende bleiben genug Fragen offen, die die Geschichte – und den Leser – vorantreiben. Damit hat sich John Harts „Das eiserne Haus“ allemal einen Platz auf der KrimiZeit Bestenliste verdient.

Titel Das eiserne Haus : Thriller / John Hart. Dt. von Rainer Schmidt
Person(en) Hart, John ; Schmidt, Rainer [Übers.]
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger München : Bertelsmann
Erscheinungstermin 5. März 2012
Umfang/Format 507 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel Iron house ‹dt.›
Parallele Ausgabe(n) Buch
Kindle eBook
(Ungekürztes) Hörbuch auf audible.de
ISBN/Einband/Preis 978-3-570-10119-3 Pp. : EUR 19.99
Leseprobe bic-media.com

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen