Donnerstag, Juni 28, 2012

Lesezeichen - vom 25. Juni 2012

Leider habe ich erst sehr spät in die letzte Wiederholung dieser Woche hineingezappt. Daraufhin dann heute zur Homepage der Sendung "LeseZeichen" der Bayerischen Fernsehens gesurft und zumindest noch mal die Zusammenfassung der aktuellen Sendung gefunden. Wenn auch leider nicht die ganze Folge in der Mediathek abrufbar ist.

Lediglich das Interview mit Oliver Bottini lässt sich noch dort einmal nachsehen. Er hat einen Krimi geschrieben, der sich mit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien auseinander setzt. "Der kalte Traum" heißt das Buch und es liefert tiefe Einblicke in einen Konflikt, der sich in den 90er Jahren direkt vor unserer Haustür abgespielt hat, mitten in Europa. Massenmorde, Vergewaltigungen - die schlimmten Greueltaten, verarbeitet zu einem hintergründigen, spannenden Roman, zumindest wenn man Armin Kratzer glauben darf, der das Gespräch führte. Bottini, der selbst eine Zeitlang zu Recherchezwecken in Kroatien gelebt hat, relativiert die Geschichten vom Brüdermord, die damals bis zu uns nach Deutschland schwappten. Der Krieg sei von allen Parteien instrumentalisiert worden - und was nun wirklich geschah, lässt sich von außen schlecht beurteilen. Bottini sagt selbst, er habe sich bereits Anfang der 90er gedanklich ausgeblendet, weil er das Gefühl hatte, die Zusammenhänge auf dem Balkan nicht wirklich zu begreifen. Und erst jetzt, bei der Recherche, seien ihm viele Dinge klar geworden. Auch Kratzer bestätigt, dass er beim Lesen plötzlich etliches verstanden habe, was ihm vorher nicht bewusst war.

Anderes Thema: Das Feuilleton streitet sich ja derzeit ein wenig, ob es eine gute Idee war, schon so früh ein Buch über die NSU auf den Markt zu werfen. Christian Fuchs und John Goetz haben das getan. "Die Zelle" ist das Ergebnis gründlicher Studien von Polizeiunterlagen und ausführlicher Zeugenbefragungen. Betont sachlich legen sie ihre detaillierten Fakten dar und enthalten sich dabei weitestgehend aller Kommentare. Anders im Interview, in dem zumeist der Engländer John Goetz spricht und aus seiner Kritik, etwa an der akzeptierenden Jugendarbeit in Jena, kein Hehl macht. Nun waren die Taten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" in der letzten Zeit ohnehin ständiges Thema in allen Medien. Und das Buch leidet ein wenig darunter, dass es zu einem Zeitpunkt auf den Markt kam, wo die Untersuchungen etwas über die Rolle des Staatsschutzes noch in vollem Gange war. Daher sagt das Buch mehr über die Entwicklung dreier Jugendlicher in die rechtsextreme Gewalt als über die Funktion der Gruppe im gesamtpolitschen Bild Deutschlands. Schade. Denn so interessant die Biografien der Drei sein mögen, bleiben doch zu viele Fragen offen, um die Lektüre wirklich befriedigend zu gestalten.

Über "Renoir und seine Frauen" hat Karin Sagner jüngst ein Buch veröffentlicht. Im Interview erzählt sie von der Rolle der Modelle am Montmartre, die sich kaum von der der Prostituierten unterscheide. Sie redet von Aline Charigot, jenem Modell, das Renoir schließlich geheiratet hat. Und von Gabrielle, dem Kindermädchen im Haus, das Renoir über 200 Mal auf Leinwand gebannt hat. Natürlich zumeist nackt. Denn, so wird Renoir zitiert, wenn es die Brüste nicht gäbe, wüsste er überhaupt nicht, wozu er malen solle. Frauen jedoch, die Bücher lasen, schätzte er nicht allzu seh. Ihm lag nichts an einer intellektuellen Auseinandersetzung mit ihnen, sagt Karin Sagner, und fährt fort, Frauen hätten seiner Meinung nach eher zu Kindern und Küche gepasst. Das klingt ein wenig, als habe sie die postfeministische Sicht auf einen Künstler des späten neunzehnten Jahrhunderts gedrückt. Und auch die Redakteure des Beitrags fügen an, dass Sagners Buch wahrscheinlich eher eine Hommage als eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema sei.

Da in zwei Tagen die Tour de France beginnt, haben die Redakteure auch ein Buch zum Thema Radsport mit in die Sendung aufgenommen. Es handelt allerdings nicht von der großen Frankreichschleife, sondern von einer Fahrt, die seit den 90ern immer mehr in Vergessenheit geriet: die große Friedensfahrt, die zu DDR-Zeiten jedes Jahr zwischen Berlin, Prag und Warschau ausgetragen wurde. Rainer Sprehe, Leiter des in Radsportkreisen bekannten Covadonga-Verlags, ist mit dem Rad die Tourstrecke von 1952 abgefahren und hat über seine Erlebnisse ein Buch geschrieben: "Alles Rower? Ein Wessi auf Friedensfahrt". Irritiert vom Titel? Rower ist das polnische Wort für Fahrrad. Ich gebe hier einfach mal den sehr schönen Verlagstext zum Buch wieder: "Sein Ziel: grenzenlosen Spaß mit praktischem Nachhilfeunterricht in Körperertüchtigung und Slawistik zu verweben. Das Ergebnis: eine stürmische Reiseerzählung von einer Polka der Pedale, von Carboloading mit Pilsener und Piroggen, von viel Fahrt und ein bisschen Frieden.
Berichte von Land und Leuten wechseln sich ab mit Lobliedern auf die Leidenschaft für das Velo. Mit bisweilen aberwitzigen Ausflügen in die Historie der Friedensfahrt. Und mit ungefilterten Eindrücken, wie es heute denn so bestellt ist mit der Freundschaft zwischen Polen, Deutschen und Tschechen. Denn wie könnte man sich einer Antwort auf diese Frage trefflicher nähern als aus der Perspektive des Radwanderers? Mit rasselnder Lunge im Herzen Europas ..."


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