Samstag, Juni 16, 2012

Nicolas Barreau: Das Lächeln der Frauen


So soll man es als Autor nicht machen, denke ich, als ich die ersten Sätze von „Das Lächeln der Frauen“ höre. Flapsiger Ton, sprachliche Klischees, abgegriffene Bilder. Da schreibt ein Jungautor, überlege ich, dem ich das Skript mit roten Anmerkungen zurückgeschickt hätte. Und: Da versucht ein Verlag, mit einem Gratis-Download ein Buch zu puschen, das sich sonst überhaupt nicht verkaufen würde.

Ich liege falsch. Komplett. Als ich wenig später die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste ansehe, finde ich Nicolas Barreaus „Das Lächeln der Frauen“ auf Platz 1 der Taschenbuchcharts. Und ich erfahre, dass dies beileibe nicht der erste Roman ist, den Barreau veröffentlicht hat.

So gebe ich dem Hörbuch-Download eine zweite Chance. Die unsagbar platte Herzschmerz-Geschichte einer Frau, die gerade von ihrem Liebhaber verlassen wurde, bekommt eine neue Tiefenschicht, als Aurélie, die Protagonistin, eine Buchhandlung betritt und dort einen Roman findet, in dem nicht nur ihr eigenes Restaurant als Schauplatz dient, sondern in dem sie selbst mit ihrem Lieblingskleid eine kleine Rolle spielt. Fortan setzt sie sich in den Kopf, den Autoren kennenzulernen.

Die Geschichte wechselt in die Verlagswelt. André Chabanais ist Lektor eines Pariser Verlagshauses. Als sein Chef ihn auf die Suche nach einem zweiten „Stephen Clarke“ schickt, schreibt er kurzerhand selbst ein Buch und lässt es unter dem englischen Pseudonym „Robert Miller“ veröffentlichen. „Das Lächeln der Frauen“ heißt es, und es ist genau das Buch, das Aurélie wenig später in der Buchhandlung in die Hände fallen wird.

Ein paar Dinge erschweren Chabanais' Leben. Da ist einmal seine Mutter, der es als Witwe ständig langweilig ist und die daher zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten im Verlag anruft. Dann natürlich Aurélie, die über ihn versucht, an Miller heranzukommen. Was nicht weiter dramatisch wäre, wenn Chabernais sich nicht sofort aufs Neue in sie verlieben würde. Und da ist Chabernais' Chef, der den unerwarteten Erfolg von „Das Lächeln der Frauen“ dazu nutzen will, seinen Erfolgsautor Miller, der laut Vita in irgendeinem englischen Cottage wohnt, nach Paris zu holen und mit ihm eine Medienkampagne zu starten.

Der Plot ist klassischer Screwball: Er liebt sie. Sie liebt ihn, weiß es aber nicht, weil sie das Objekt ihrer Begierde in einem anderen wähnt. Die Lage spitzt sich zu. Sie hasst ihn – und alle Leser bangen, ob sie die Wahrheit erfahren wird oder ob sie sich die Liebe ihres Lebens verbaut.
Der Stil ist witzig, deutlich angelehnt an Stephen Clarke, flapsig im Ton auch weiterhin, aber mit großer Fabulierlust. Beim Hören sehe ich Nicolas Barreau grinsend an seiner Maschine sitzen und in die Tasten hämmern. Einer der wenigen Autoren, die wirklich Spaß an dem zu haben scheinen, was sie tun.

Allein, ich glaube nicht an Nicolas Barreau. Zwar wird im Impressum Sophie Scherrer als Übersetzerin genannt, aber mir fehlt der Hinweis auf den Originaltitel. So suche ich bei fnac.com nach den Werken des Herrn Barreau – und muss feststellen, dass es ihn nicht gibt. Kein einziges Buch dieses Bestsellerautoren ist in Frankreich lieferbar. Das scheint Trend zu sein im Verlagswesen. Auch von Jean-Luc Bannalec, dem Autoren der „Bretonische Verhältnisse“ haben die Franzosen ja nie etwas gehört. Dort wurde auch nicht einmal so getan, als handle es sich bei dem Roman um eine Übersetzung. 

Gehen wir jetzt einen Schritt weiter und schauen uns an, wovon der Roman – mal abgesehen von der Liebesgeschichte – wirklich handelt, landen wir schnell bei einem Bekenntnis: Nichts ist im Verlagswesen so, wie es scheint. Im Augenblick gehen französische Autoren einfach gut. Und Liebesgeschichten müssen nun mal in Paris spielen. Hoffen wir, dass Sophie Scherrer noch viele weitere leichte, amüsante Romane im Stil von Stephen Clarke schreibt.

Titel Das Lächeln der Frauen [Tonträger] : 5 CDs / Nicolas Barreau
Person(en) Barreau, Nicolas ; Fröhlich, Andreas ; Stappenbeck, Stefanie ; Scherrer, Sophie [Übers.]
Verleger Hamburg : OSTERWOLDaudio bei Hörbuch Hamburg HHV GmbH
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 5 CDs, 06 Std. 16 Min. (gekürzte Lesung)
Parallele Ausgabe(n) Hardcover
Taschenbuch
Hörbuch
ISBN/Einband/Preis 978-3-86952-146-6 Multi. : EUR 14.99 (DE) (freier Pr.), EUR 14.99 (AT) (freier Pr.), sfr 22.90 (freier Pr.)
3-86952-146-5
EAN 9783869521466
Leseprobe piper-verlag.de

Kommentare:

  1. Hinter Nicolas Barreau verbirgt sich wohl Andrea Thiele, die Verlegerin des Thiele-Verlags - so munkelt die Branche, hörte ich. Zumindest sind die Übersetzerin Sophie Scherrer und Thiele eine Person (siehe Google-Bilder-Suche). Gut geschnüffelt!

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    1. Danke für die Information. Ich hatte auch schon vegeblich nach dem Autor gefahndet.
      Buch 1 fand ich schön kurz und amüsant.
      Buch 3 fand ich zu lang und teilweise langweilig.
      Buch 2 erspare ich mir.

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    2. Von der Verlegerin eines Verlages sollte man doch erwarten können, dass diese die Grundregeln deutscher Grammatik beherrscht, das war in dem Buch nicht der Fall - falsche Groß- und Kleinschreibung, Anwendung der alten statt der neuen Regeln ("daß") etc. - deshalb vielleicht doch nur lausig/schnell übersetzt?

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    3. Interessante Theorie. Nur übersetzt von was? Es gibt diesen französischen Roman in Frankreich nicht. Und dass ausländische Verlage sich an Romane herantrauen, die im Ursprungsland keinen Verleger gefunden haben, wäre in der Branche ein absolutes Novum. Insofern wahrscheinlich doch eher schnell runtergeschrieben als lausig übersetzt. (Ihr Mann hat den Verlag, nicht Frau Thiele selbst.)

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  2. Danke für die Blumen. Sieht aber wirklich ganz so aus, als bestätige sich der Verdacht. Folgender Link spricht für die These, Sophie Scherrer könne das Buch unter Pseudonym geschrieben haben.
    inbooker.com/de/member/cb417
    Dort heißt es: "Heute schreibt sie [d.i. Sophie Scherrer, A.d.A.] (unter verschiedenen Pseudonymen) erfolgreich Bücher und führt mit ihrem Mann einen eigenen kleinen Verlag."
    Die Fotos, die "Anonym" (warum eigentlich anonym?) meint, gehören zu Sophie Scherrer (http://www.muenchner-buecherschau.de/bilder/autoren/sophie_scherrer.jpg) und Daniela Thiele, die inzwischen beim Thiele-Verlag ihres Mannes arbeitet (boersenblatt.net/184089/) Die Ähnlichkeit dieser beiden Damen ist in der Tat verblüffend. :-)

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  3. Inzwischen ist auch "Die Welt" auf den Zug aufgesprungen. In dem Artikel "Warum immer mehr Verleger ihre Autoren erfinden" greift sie das Thema Pseudonyme anhand der Beispiele von Barreau und Bannalec, sowie ein paar anderer aktueller Verkaufshits auf. In Bezug auf Barreau gibt es in dem Artikel keine neuen Informationen. Aber immerhin stützt er die These meines Blogs, dass Sophie Scherrer und Nicolas Barreau ein und die selbe Person sind. Und ganz eventuell klärt das auch, warum ich den Tipp mit dem Fotovergleich anonym bekommen habe. :-) Denn nun ist auch klar, dass Sophie Scherrer und Daniela Thiele ein und dieselbe Person sind. Womit wir bei der "echten" Autorin angekommen sein dürften.

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  4. Auf der Suche nach den Originaltitel bin ich hier gelandet. Die Infos zum Autor/Autorin sind auf jeden Fall recht interessant Ich habe das in meiner Rezension zu dem Buch mit aufgenommen, natürlich mit Verlinkung. Ich hoffe, das ist so in Ordnung?

    Jetzt muss ich mich hier noch ein bisschen umschauen...

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  5. ... flache Story - schlecht geschrieben! (Schon Elfjährige lernen, durch Andeutungen und Verweise auf Kommendes vermeintliche Spannung aufzubauen.) Und so ein Schund landet in den Bestsellerlisten. Was sagt uns das über die Mentalität der aktuellen Leserschaft?! Ich bin ganz schön entsetzt über den intellektuellen Zustand unserer Gesellschaft.
    Dank an Norbert Krüger, der über die wahre Autorin aufklärt. Ob Scherrer oder Thiele - klar, dass die Dame sich hinter einem Pseudonym verstecken muss...

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    1. Schon Elfjährige lernen das also??? Gequirlter Quatsch mit Soße ist diese Behauptung. Und hinter welchem Pseudonym verstecken Sie sich denn? Oder heißen Sie wirklich Anonym?

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  6. Ich musste mich durchquälen...immer hoffte ich auf die Wende, die es rechtfertigt, auf einer Spiegelbestsellerliste zu erscheinen...gelangweilt und müde habe ich die schwache Handlung verfolgt bis zum bitteren Ende, das jeder Dummkopf nach den ersten 10 Seiten ahnen konnte...schade um die verschwendete Zeit!

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  7. mein Mann hat es in Portugal entdeckt, inzwischen hat sich in den Yachthäfen eine Büchertauschbörse etabliert, hinstellen/mitnehmen! Er hat es geradezu verschlungen, als Mann!!! ich habe es von ihm zum Geburtstag bekommen, neu natürlich. naja,hab ich gedacht, Notgeschenk, Frauenroman. aber dann hat es mich nicht mehr losgelassen. Ich bin grade krank, diese Büchlein verleiht mir mit seiner Leichtigkeit Flügel.... Erstaunlich, dass ein Mann so schreiben kann, immer wieder mußte ich auf den Autor schauen. Aaaber ich glaube, wir kennen jetzt des Rätsels Lösung :) Leserin Monika

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    1. Hallo Monika,
      gute Besserung erst einmal!
      Eine leichte, immer mal wieder humorige Lektüre ist das Buch allemal. Die Blicke in die Verlagsszene zeigen nichts wirklich Neues, sind aber von verblüffender Ehrlichkeit. Das Ganze garniert mit ein wenig Pariser Flair - tut nicht weh, ist amüsant zu lesen und einigermaßen kurzweilig, wenn man nicht zu viel erwartet.
      Für Flügel hat das Buch bei mir nicht gereicht, aber immerhin für ein paar Schmunzler.
      Mach's gut - auf dass du bald wieder auf die Beine kommst ...,
      Norbert

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  8. Liebe Kritiker, liebe Monika,
    ...ich finde es sehr schade gute Bücher immer nach der deutschen Grammatik zu beurteilen. Natürlich sollten einem keine Rechtschreibfehler begegnen, ein einheitlicher Fluss zu finden sein, doch um was geht es vorrangig... Ich finde den Schreibstil (wenn auch von einer Person, welche man nicht kennt) sehr angenehm lesbar. Es sind wundervolle Geschichten, wenn auch recht einfach dargestellt. Man versinkt in einer kleinen Welt, weit weg von gegenwärtigen Alltagsproblemen, in welchen nur die Liebe eine Rolle spielt. Schön. So sollte es sein. Realistisch müssen wir alle oft und viel genug sein. Liebe Monika, werde schnell gesund und Du bist wohl die Einzige, welche den Sinn hinter den Zeilen begriffen hat. Schöne Träume :)

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  9. Hatten Sie schon mal das Gefühl Protagonist in einem Roman zu sein, der Ihnen zufällig in die Hände fällt?)? Wer auch immer diese Geschichte geschrieben hat: Sie ist einfach und wahr.
    Und wenn ich den Verräter erwische, weiß ich nicht, was passiert.

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  10. ..bin als busfahrer in paris gewesen. .und habe auf den spuren des "autors" gewandelt. .hmmm. .die rezeptionistin des "duc de saint simon" hat mir vor ein paar tagen hinweise gegeben auf die übersetzerin..ansonsten gibt es fast alle cafes plätze e.t.c. ..

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  11. Als ich den Namen Stephen Clarke gelesen habe, in "Das Lächeln der Frauen", war mir die Täuschung schon klar.
    Ich habe alle Bücher von Clarke bei Piper gelesen, weil der erste und zweite Roman in Paris spielten und mich die Liebesgeschichte interessierte.

    "Das Lächeln der Frauen" offenbarte, dass hier nicht nur im Buch, sondern auch um das Buch herum gemogelt wird/ wurde.

    Danach habe ich "Du findest mich am Ende der Welt" gelesen und fand, dass es das beste Buch war.

    "Die Frau meines Lebens" teuer und grauenhaft, auf den wenigen Seiten langatmig.
    Muss man nicht lesen. Der Typ ist äußerst unsympathisch, wie Aurelie im "Lächeln.." auch sehr unsympathisch war.

    Momentan trennen mich noch ca. 80 Seiten bis zum Ende von "Eines Abends in Paris".
    Was ich nicht begreife, dass man den Namen eines Pädophilen nehmen muss und behauptet, der wäre so sympathisch und gutmütig. Ja, das sind diese Leute nach Außen hin, schließlich wissen die genau um Täuschung und Manipulation.

    Menu d'Amour werde ich nicht lesen, brauche keine Rezepte.

    Nun hoffe ich, dass es noch einen weiteren, schönen Roman geben wird, in dem die Akteure sympathisch sind.

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  12. Ich finde bisher alle Bücher von "Nicolas Barreau" , die ich gelesen habe, erfrischend und kann sie mit einem Augenzwinkern genießen. Genau das Richtige für eine entspannte Heimfahrt im Zug! Macht Lust, umzusteigen in den Nachtzug nach Paris!!! Gabi

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