Freitag, Juni 01, 2012

Oliver Harris: London Killing

Die Geschichte beginnt einigermaßen ungewöhnlich, wenn sie auch deutlich an die Erzählstrategie aus „Hangover“ von Jon Lucas und Scott Moore erinnert: Der Dectective Nick Belsey wacht mit dröhnendem Kopf im Hampstead Heath Park auf, Dreck im Mund und den Geruch von Blut in der Nase. Er kann sich partout nicht mehr an die letzte Nacht erinnern. Sein Handy ist verschwunden. Geld hat er ohnehin keins.
Auf dem East-Heath-Parkplatz entdeckt er einen zerbeulten Polizeiwagen, den er aller Wahrscheinlichkeit nach zu Schrott gefahren hat. In einem Anflug frustrierter Hoffnung vergleicht er die Fußspuren, die er neben dem Wagen findet, mit seinen eigenen. So beginnt die Rekonstruktion eines total verkorksten Abends.

Dieser Nick Belsey ist ein Spieler und ein Trinker, verantwortungslos, seit Kurzem auch wohnungslos. So wundert es nicht, dass in ihm ein völlig absurder Plan reift, als er wegen einer Vermisstenmeldung in die „privilegierte Abgeschiedenheit der Bishops Avenue“ gerufen wird. Er bedient sich am Kleiderschrank des verschwundenen Reichen, nistet sich bei ihm ein, verkauft ein wenig vom Inventar des Hauses, um selbst wieder flüssig zu werden.

Ein Riesenvorteil scheint zu sein, dass kaum jemand den gesuchten Alex Devereux je gesehen hat. Selbst seine Haushälterin weiß nicht, wie er aussieht und ist lediglich durch einen Abschiedsbrief, der auf dem Filz des Billardtisches lag, darauf aufmerksam geworden, dass etwas nicht stimmt. Wie selbstverständlich übergibt die dem Detective Belsey die Schlüssel für das Haus.

Belseys Versuche, in die Rolle von Devereux zu schlüpfen, sind natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zu viele Leute wollen etwas von Devereux. Als dann auch noch eine der wenigen, die zu dessen Freundeskreis zählt, vor Belseys Augen erschossen wird, ist er sich klar, dass er so schnell wie möglich das Feld räumen sollte. Aber dafür müsste er erst einmal an Devereuxs Barschaften kommen.

Den Roman „London Killing“ von Oliver Harris treibt eine ungebändigte Lust am Fabulieren voran. Da tut es kaum einen Abbruch, dass viele Erzählstrategien bekannt vorkommen und etwa spätestens nach der dritten Wiederholung der Information, dass niemand Devereux je gesehen hat, erste Zweifel an dessen Existenz – und seinem Tod – aufkommen.

Aber mit jedem Schritt, den Belsey in Richtung seiner eigenen Freiheit unternimmt und mit jeder Spur, die er aufnimmt, um herauszufinden, wer Devereux nun eigentlich sei, wird das Knäuel dichter und die Frage, wie diese Geschichte sich auflöst, drängender.

So zieht „London Killing“ schnell in seinen Bann und entwickelt sich zu einem klugen Thriller: erstaunlich vielschichtig, verblüffend aktuell und angenehm spannend. Besser als mit dem abgebrannten Detective Nick Belsey lässt sich die wohlhabende Atmosphäre von Hampstead Heath nicht kontrastieren. Oliver Harris weiß offensichtlich, was er tut.


Titel London Killing : Thriller / Oliver Harris. Aus dem Engl. von Wolfgang Müller
Person(en) Harris, Oliver ; Müller, Wolfgang [Übers.]
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger München : Blessing
Erscheinungstermin 27. Februar 2012
Umfang/Format 478 S. ; 22 cm
erhältlich als Buch
Kindle eBook
Hörbuch
Leseprobe randomhouse.de
Einheitssachtitel The hollow man ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis (Buch) 978-3-89667-438-8 Pp. : EUR 19.95

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