Mittwoch, Juni 13, 2012

Rölleke/Schindehütte: Es war einmal ...

Wir leben in einer weichgespülten Zeit. Volkslieder sind längst zu sinnfreien Schunkelmelodien verkommen, denen jede gesellschaftskritische Note abhandengekommen ist. Ebenso die Märchen, der ureigene Hort deutscher Mythologie. Wussten Sie, dass die gute Rapunzel ursprünglich schwanger wurde? „Sie gewöhnte sich daran, den Prinzen lieb zu haben. Und es dauerte nicht lange, da passte ihr kein Kleid mehr“, heißt es in einem der Texte, die die Brüder Grimm in ihrer Stube in Kassel aufgeschrieben hatten. Aber wer sollte den Kindern erklären, warum die Leibesfülle der jungen Dame ständig zunahm?

So wurden die Märchen, die sich die Brüder erzählen ließen, bewusst verniedlicht. Kindgerecht gestaltet. Aus den Betten wurden Bettchen, aus den Schüsseln Schüsselchen – und aus den jungen Protagonistinnen Mädchen. Plötzlich wird nicht mehr „sie“ geküsst, sondern „es“.

All dies und viel mehr erzählt der Germanist Heinz Rölleke in einem Beitrag für das NDR Bücherjournal. Zusammen mit dem Illustrator Albert Schindehütte hat er ein Buch herausgebracht über „Die wahren Märchen der Gebrüder Grimm und wer sie ihnen erzählt hat“. Der Titel lässt sich leicht merken: „Es war einmal ...

Darin räumt er mit der Vorstellung auf, die Gebrüder Grimm seien quasi als Dauerreisende durch die Provinz gestreift, um in Köhlerhütten und Spinnstuben Märchen zu sammeln. Die Wahrheit ist prosaischer.

Da gab es zum einen die Clique um Jacob und Wilhelm, die den Grundstock für die Sammlung lieferte: die von Arnims, Jenny von Droste-Hülshoff, Clemens Brentano und ein paar andere, die sich regelmäßig bei den Grimms zum Kaffee trafen und die Ammengeschichten aus ihrer eigenen Kindheit zusammentrugen.

Die Hälfte dieser „Gang“ war hugenottischer Abstammung. So wurden auch ein reicher Schatz französische Märchen mit in die Sammlung aufgenommen, wie etwa Le petit Chaperon Rouge, das ursprünglich vom Pariser Autoren Charles Perrault stammt und in den deutschen Kinderstuben unter dem Namen Rotkäppchen Einzug hielt.

Ahnten die Grimms, dass es sich hier nicht um urdeutsche Erzähltraditionen handelte? Rölleke argwöhnt, dass schon der hessische Dialekt, in dem diese Stoffe erzählt wurden, dazu geführt haben könnte, die Geschichten für nationales Gut zu halten. Und wenn man ihn mit seiner sonoren Stimme erzählen hört, was sich damals in Kassel zugetragen hat, ist man geneigt, ihm zu glauben.

Als dieser Fundus der im Freundeskreis kursierenden Märchen erschöpft war, begannen die Brüder Grimm, Anzeigen zu schalten, um neue Geschichten zu finden. Statt durch die Lande zu reisen, ließen sie – viel ökonomischer – die Leute zu ihnen kommen.

Der Rest ist Public Relation. Ludwig, der dritte Grimm-Bruder, hat als Zeichner und Maler dafür gesorgt, dass in der Öffentlichkeit ein anderes Bild der beiden
Märchensammler entstand. Er porträtierte seine Geschwister in armen Stuben dem Volke zuhörend. Und bei den Quellenangaben wurde aus einem „von Arnim“ dann schon mal ein „aus einer hessischen Spinnstube“. Imagepflege gehört eben zum Geschäft.

Das großformatige Buch von Rölleke, illustriert von Albert Schindehütte, ist sicherlich nur etwas für echte Liebhaber. Den NDR-Beitrag mit dem Interview in Röllekes Wohnzimmer gibt es derzeit noch gratis: Die wahren Geschichten der Brüder Grimm

Titel Es war einmal: Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte
Person(en) Schindehütte, Albert [Ill.] ; Rölleke, Heinz [Hrsg.]
Verleger Frankfurt am Main : Eichborn
Erscheinungsjahr 2011
Umfang/Format 480 S.
ISBN/Einband/Preis 978-3-8218-6247-7 Leinen. : EUR 79.00 (DE), EUR 99.00 (DE), EUR 81.30 (AT), EUR 101.80 (AT), sfr 109.00 (freier Pr.), sfr 139.00 (freier Pr.)
Bestellnummer(n) 006247
EAN 9783821862477
Sachgruppe(n) Bräuche, Etikette, Folklore
Erscheinungstermin November 2011


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