Montag, Juni 18, 2012

Show, don't tell

Mantras haben die positive Eigenschaft, sich schnell einzuprägen. Dann beginnt das Gehirn, sie selbst bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hervorzuholen. Und irgendwie scheinen sie ja auch zu passen. "Show, don't tell" ist so ein Mantra, in der Autorenszene im Augenblick sehr beliebt. Reflexionen, nein danke. Erzählen, bitte nicht. Alles wird in Szenen aufgelöst. Muss in Szenen aufgelöst werden, glaubt man den Lektoren.

Wirklich glücklich bin ich mit dieser Entwicklung auf dem Markt auch nicht. Denn es gibt ja genug Ausnahmen, die zu belegen scheinen, dass eine strikte Einhaltung der Regel nicht notwendig ist, um Erfolg zu haben. Jemand wie Paul Auster kann es sich erlauben, gegen das "Show, don't tell" zu verstoßen. Wenn der nicht gerade ein fiktives Telefonbuch als Roman abgibt, wird er auch gedruckt. Bei uns "Jungautoren", die keinen festen Hausverlag inkl. freundlich gesinnten Lektor hinter sich haben, liegt die Hürde ungleich höher. Da schauen die Lektoren sehr nach Marktgängigkeit, und da gehört "Show, don't tell" derzeit zu den angesagtesten Klischees.

Ich achte daher im Augenblick, wenn ich aktuelle Bestseller lese, sehr darauf, wie die Autoren mit dem Innenleben ihrer Protagonisten umgehen. Die meisten haben ihre Gefühle nicht "auf der Zunge", sondern stellen ihre Hauptfiguren einfach in Situationen, die der Leser dann emotional bewerten kann. Das lässt viel Freiraum für eigene Gedanken des Lesers und seine Möglichkeit, sich in die Protagonisten einzufühlen.

In meinen Materialien zum Thema Schreibtechniken tauchte irgendwann mal der Begriff "filmische Erzählweise" auf. Das trifft den Kern dessen, was derzeit auf dem Buchmarkt passiert, wohl ganz gut. In der engen Definition der Regel „Show, don’t tell“ geht es darum, dem Leser eine Filmszene vor Augen zu führen. Und das, so die Überlegung dahinter, weil der durchschnittliche Geschichtenkonsumente dies mittlerweile vom Film her so gewohnt ist. 

Für uns heißt das, möglichst plastisch zu beschreiben, was in einer Szene passiert, damit der Leser möglichst den gleichen Film sieht, den wir beim Schreiben im Kopf haben. Dabei haben wir Autoren gegenüber dem Film die Möglichkeit, alle fünf Sinne einzusetzen. Wir können also auch "zeigen", wie etwas riecht, wie es sich anfühlt oder schmeckt. All das gehört zum Zeigen in der Literatur dazu.

Die deutschsprachige Creative Writing-Literatur hängt ja immer der amerikanischen ein wenig hinterher. Wenn du bei amazon.de eine Stichwortsuche zum Thema machst, wirst du sehen, dass das Prinzip "show, don't tell" in allen möglichen Büchern erwähnt wird.

In der englischsprachigen Literatur dagegen gibt es zumindest zwei Büchern, die sich explizit diesem Thema widmen:

Wenn William Noble den Grundsatz in seinem Buch "Show, don't tell" viel weiter definiert, liegt das daran, dass der Titel des Buchs von seinem Verleger stammt, und Noble dann schauen musste, wie er sein fertiges Manuskript auf diese Regel hin zurechtbiegt. 

Von daher kann ich eher Josephine Nobisso empfehlen, auch wenn ich beim Auspacken damals erst einmal einen Schock überwinden musste, weil sie diese Regel nicht nur erklärt, sondern eben auch konsequent so umsetzt, dass einem die Bilder sicher nicht mehr aus dem Kopf gehen werden. Denn sie verpackt ihre Überlegungen zum Grundsatz in ein Bilderbuch. Das klingt zunächst absurd, ist aber letztlich nur folgerichtig. Und tatsächlich ist mir das, was sie beschreibt, auch noch Jahre nach dem Lesen im Gedächtnis, während ich William Nobles Beispiele aus seinem Buch längst vergessen habe.

Als deutsches Buch kann ich Sol Stein: Über das Schreiben empfehlen. Der widmet sich in Kapitel 12 diesem Thema. Sind zwar nur zehn Seiten, aber der Band sollte ohnehin in jedem Bücherschrank eines Autoren stehen.

Kommentare:

  1. Hey,
    ich bin durch das Verzeichnis Blog-Zug auf Ihren Blog gestoßen und muss sagen, dass die Informationen für mich als Hobbyautorin wirklich sehr interessant sind. Ich werde ihn mir bei nächster Gelegenheit genauer ansehen.

    Ich denke - wohlbemerkt mit meiner wenigen Erfahrung - dass es schwierig ist, sich dem Markt anzupassen, der gerade "in" ist. Schließlich sind die "Vampir Bücher" beispielsweise irgendwann auch out.
    Versuchen Sie Ihrem Stil treu zu bleiben, bzw. vielleicht das neue Schema für sich zu nutzen.

    liebe Grüße Emma

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    1. Hey Emma,
      freut mich, wenn du was mit den Texten hier anfangen kannst. Wie du denke ich, dass heute nur noch derjenige Vampir-Bücher schreiben sollte, der wirklich selbst Lust darauf hat. Denn der Markt ist ziemlich übersättigt damit - und als Jungautor hier noch einen Abnehmer, sprich: Verleger zu finden, wird sicher nicht einfach.

      Die Frage wird immer sein, ob du schreibst, weil du davon überzeugt bist, oder ob du es tust, weil du von anderen gelesen werden willst. Verleger sind Geschäftsleute, sehr vorsichtig, was Neues angeht. "Show, don't tell" scheint idiotensicher. Deswegen verkauft es sich. Ein alter Kampf ...

      Bis irgendwann,
      Norbert

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