Freitag, Juli 13, 2012

Literatur im Foyer - vom 12.07.2012

Letzte Ausgabe von "Literatur im Foyer" vor der Sommerpause. Das große Sommerloch nähert sich mit Riesenschritten. Davor noch einmal ein wenig Sport. Die EM ist grandios vergeigt. Derzeit schinden sich die Radfahrer bei der Tour de France. Aber die wird von den Öffentlich-Rechtlichen ja weitgehend ignoriert. Offiziell des Dopings wegen. Wobei die Info, dass die Doping-Ärzte nicht nur Radfahrer zu ihren Kunden zählten, bei den gebühreneinfordernden Sendern anscheinend noch nicht angekommen ist. Aber sei es drum.

Während die Nation also auf die Olympischen Spiele wartet, installiert Thea Dorn eine Gesprächsrunde zum Thema Sport. Diesmal sitzen drei Leute bei ihr am Tisch. Hellmuth Karasek, der sich schon seit einiger Zeit als Herausgeber von Briefen berühmter Leute hervortut, hat nun im vierten Band seiner Reihe Briefe bewegen die Welt Korrespondenz zum Thema "Triumphe und Tragödien des Sports" zusammengesucht. Legendäre Briefe von Turnvater Jahn bis Torhüter Jens Lehmann. Außerdem dabei Albert Ostermaier, dessen Band Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut für diese Runde qualifiziert. Und die Sportreporterin Evi Simeoni. Sie hat sich das Schicksal des Ruderers Arne Hansen angenommen, keine Biografie, aber ein "an einer wahren Begebenheit orientierter" Roman: Schlagmann. Aber der Reihe nach:

Albert Ostermeier sagt über Fußball so ziemlich das Gleiche, was schon Ror Wolf von sich gegeben hat. Fußball ist eine große Tragödie, mit großen Gefühlen inszeniert. Es gibt die Helden, die ihren Kampf bestehen müssen. Und jeder fiebert mit. Von daher findet er es sehr naheliegend, dass die Geschichten auch von Schriftstellern aufgeschrieben werden.

An einer Stelle im Gespräch beschreibt Evi Simeoni den inneren Kampf eines Gewichthebers vor dem Heben der Hantel, improvisiert, aber mit großem Einfühlsvermögen, das Lust auf ihren Roman macht: "Ein Mann. Ein Gewicht. Kein Gegner außer dem Eisen, das er vor sich hat. Und sich selbst, der vielleicht die Kraft hat, dieses Gewicht hochzuheben. Aber der in dem Moment so mit sich allein ist und sich so konzentrieren muss, dass er große Probleme hat, diese Kraft zu sammeln und sie in diesem einen Moment hundertprozentig parat zu haben. [...] Wie der sich vorbereitet ... Wie der tausend Mal das Magnesia in die Hand nimmt ... Ausatmet ... Das Gewicht anschreit ... Wie er an die Hantel tritt und probiert, wie sie sich anfühlt. Wie er den Kopf senkt und wieder hebt. Das Publikum anguckt und erschrickt. Da passiert so viel. Und im Prinzip nichts. Denn wenn er dann das Gewicht gestemmt hat und wieder fallen lässt, ist alles wieder wie zuvor."

Karasek wird nach seinem Lieblingsbrief aus dem neuen Briefband gefragt und erzählt von einer DDR-Hochspringerin, die aufgrund ihrer West-Verwandschaft daran gehindert wurde, so für die Wettbewerbe zu trainieren, wie sie das gern getan hätte. Thea Dorn findet jedoch ein anderes Dokument aus diesem Brief-Band spannender: Den Spickzettel, den Torwart-Trainer Andy Köpke bei der WM 2006 vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale Jens Lehmann in die Hand gedrückt hat.

Es folgt eine längere Laudatio von Albert Ostermeier auf Oliver Kahn, der seiner Meinung nach die Rolle des Torwarts völlig neu interpretiert hat. Außerdem hätte Oliver Kahn eben eine ungeheuere Fallhöhe besessen, die für jede Literatur entscheidend ist. Deswegen wohl auch die Rolle, die Kahn in Ostermeiers Buch Der Torwart ... spielt. So professionell sei er gewesen, dass er bei jedem Spiel drei Kilo verloren habe. Ein echter tragischer Held, der so auf das Gewinnen fixiert war, dass ihm dabei sein ganzes Leben aus den Fugen geriet.

Eigentlich klingt das, was er über Kahn sagt, gar nicht so viel anders als das, was Evi Simeoni in ihrem Roman Schlagmann anhand des Ruderers beschreibt, der zunächst bei den Olympischen Spielen Gold holt, dann aber irgendwann an sich selbst zerbricht. Ihr Arne Hansen hat viel von Bahne Rabe, der 2001 an einer Lungenentzündung gestorben ist, die er aufgrund seiner Magersucht nicht überstand. Simeoni hatte damals für die FAZ seinen Nachruf geschrieben und danach das Thema weiter in sich bewegt.

Die komplette Bücherliste inkl. aller weiteren Titel der Autoren finden Sie unter swr.de/literatur-im-foyer/. In der SWR-Mediathek können Sie auch die komplette Sendung ansehen, falls Sie jetzt beim Lesen Lust dazu bekommen habe.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen