Sonntag, Juli 08, 2012

Literatur im Foyer - vom 5.7.2012

Klaus Wallendorf ist Kabarettist. Für sein Ensemble "Lachmusik" schreibt er die Texte und Arrangements. Und spielt Horn. Seit 1980 gehört er zu den Berliner Philharmonikern, außerdem ist er Mitglied des Kammerensembles Consortium Classicum und des Blechbläser-Quintetts German Brass. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das mehr oder weniger folgerichtig heißt: Immer Ärger mit dem Cello: Liebeserklärung eines irrenden Waldhornisten an die streichenden Kollegen.

Er ist bekannt für seine schrägen Metaphern, die er auf seine Zuhörer niederprasseln lässt, egal ob bei Festreden oder bei Auftritten der "Lachmusik". Seine geheime Liebe zum Cello hat er bereits in jungen Jahren entdeckt. Die Cellistinnen, denen er diese Gefühle eigentlich zukommen ließ, haben längst neuen Objekten der Begierde Platz gemacht. Seine Liebe zum Instrument jedoch ist geblieben. So widmet Klaus Wallendorf sein Buch den zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker, die auch ohne den Rest des Orchesters einige wunderschöne und ungewöhnliche Aufnahmen veröffentlicht haben. So eine CD mit Filmmusik von "Casablanca" bis "Titanic": As Time Goes By. Oder eine Einspielung mit Musik aus Frankreich, von Debussy und Satie bis Trenet und Piaf: Fleur de Paris. Seit nunmehr  40 Jahren begeistern die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker mit ihrem einmaligen, ungemein sanglichen und samtig-weichen Sound ihr Publikum rund um die Welt.

In "Literatur im Foyer" erzählt  Klaus Wallendorf Thea Dorn von seiner Zeit bei den Philharmonikern. Selbst eins der Gründungsdokumente hat er aufgetrieben und in sein Buch eingearbeitet: die Anweisungen für die Proben. Zum Beispiel wurde darin festgelegt, es sei wichtig, dass bei den Proben mehr gespielt als geredet werde. "Toleranz und Freundschaftlichkeit sind oberstes Prinzip bei der Probenarbeit. Alle sind gleichberechtigt. Ludwig und Georg sind mit der Leitung der Probe beauftragt." Die beide Solocellisten Ludwig und Georg sind noch im Jubiläumsjahr 2012 dabei. Und aus Anlass dieses Jubiläums im April dürfte auch das Büchlein entstanden sein. Leider bietet der Verlag keine Leseprobe an; jedoch werden auf der Website zum Buch etliche sehr überzeugende Rezensionen zitiert und zum Teil auch verlinkt.

Der flämische Dirigent und ehemalige künstlerische Leiter der Beethoven-AkademieJan Caeyers ist der zweite Gast in Thea Dorns Sendung vom 5.7.2012. Er hat ein neues Buch über Beethoven geschrieben: Beethoven: Der einsame Revolutionär. Ich zitiere hier mal den Verlagstext, weil während der Sendung selbst das Buch doch deutlich hinter der Person Beethoven zurücktritt: "Jan Caeyers entwirft in dieser großen Biographie ein faszinierend lebendiges Portrait des Künstlers. Der Autor stellt uns Beethoven als eine Ausnahmeerscheinung der Musikwelt vor, ohne musikhistorisches oder gar musiktechnisches Wissen vorauszusetzen. Er erhellt in dieser meisterhaft erzählten Biographie den menschlichen wie den künstlerischen Werdegang seines Protagonisten, indem er die Entstehungsgeschichte seiner Werke mit Beethovens persönlicher Entwicklung - die zwischen Generosität und Kleinlichkeit, zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung oszilliert - verwebt. Dabei erschließen sich zugleich die Arbeitsbedingungen, die wirtschaftlichen Nöte sowie das musikalische und gesellschaftliche Leben in der Provinz und in der Metropole Wien an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Auch beschreibt Caeyers die Zwänge dieser Epoche, denen sich selbst ein Genie wie Beethoven nicht entziehen konnte und die es verhindert haben, dass er die einzige große Liebe seines Lebens zu der 'unsterblichen Geliebten' hat leben können."

Als Thea Dorn Jan Caeyers fragt, warum es noch eine weitere Biografie über diesen Musiker geben musste, reagiert der Flame zurückhaltend. Es sei nie seine Vision gewesen, dieser ganzen Bibliothek an Literatur über Ludwig van noch ein neues Buch hinzuzufügen. Es sei eher ein Zufall gewesen, der ihn mit dem Schreiben habe beginnen lassen. Immerhin hat er schon lange mit Beethoven gelebt und ihn seit 25 Jahren dirigiert. Da sei es normal gewesen, dass er eben auch sehr viel über ihn gelesen hat. In seinem Buch streicht Caeyers auch die vielen Zufälle heraus, die Beethovens Leben beeinflusst haben. Wäre er nicht taub geworden, wäre er wahrscheinlich einfach ein begnadeter Klaviervirtuose geworden, der als Interpret durch die Land gezogen wäre. Erst durch das aussetzende Gehör wurde er gezwungen, sich stattdessen aufs Komponieren zu beschränken - so eine von Caeyers Thesen. Was für ein Verlust für die Menschheit, wenn Beethoven nicht taub geworden wäre!

Derzeit ist die Sendung noch im Archiv abrufbar. Und es lohnt sich. Allein schon wegen der vielsagenden Blicke zwischen Wallendorf und Caeyers, die ja von völlig unterschiedlichen Positionen an die Musik herangehen. Da ist es einfach spannend zu sehen, wie die beiden aufeinander reagieren, gerade im zweiten Teil der Sendung, wo es ums Fachsimpeln über Beethoven und seine Musik geht. Die Sendung macht auf jeden Fall Lust, in die beiden Bücher hineinzusehen - und sich dabei die ein oder andere Aufnahme anzuhören.




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