Dienstag, Juli 31, 2012

M. E. Kerr: Rettet die Zärtlichkeit

Rettet die Zärtlichkeit ist ein Jugendroman von M.E.Kerr, den ich bereits aus den 70ern kenne und der mich damals nachhaltig fasziniert hatte. Der Roman erzählt die Geschichte von Alan Bennett, einem sechzehnjährigen Highschool-Schüler aus Cayuta/New York, der davon träumt, später einmal Schriftsteller zu werden. Er ist der angesagteste Junge, zumindest in seinen eigenen Augen, spielt im American Football-Team der Highschool und geht seit Neuestem mit Leah.

Gerade ist ein anderer Junge nach Cayuta gezogen, Duncan Stein. Seine Eltern wollen in dem kleinen Ort ein Rehazentrum für Alkoholiker aufbauen. Duncan nimmt in der Schule sofort die Rolle des Außenseiters ein. Was immer die anderen tun - es ist nicht „sein Ding“. Dafür gibt er eines Tages seine eigene kleine Zeitung heraus: „Abseits“ ist ein Vier-Seiten-Blättchen, in dem er seine leicht skurrile Denkweise darlegt und den Alltag in dem 550-Seelen-Ort gehörig durcheinanderbringt.

„Abseits“ besteht in der Regel aus einer „Würdigung“ einer Duncans Meinung nach relevanten Frauengestalt der Geschichte. In der ersten Ausgabe etwa würdigt er Beatrice Portinari, Dantes großer Liebe, die auch in der „Göttlichen Komödie“ ihren Platz gefunden hat. Auf den folgenden Seiten finden sich Chiffre-Anzeigen, die bald zur üblichen Art werden, wie die Schüler der Highschool ihre Dates ausmachen: jeweils nur ein Treffen ohne Verbindlichkeit, mit fest gefügten Spielregeln und Abläufen. Etwa so:
GESUCHT
ein Junge, mit dem ich eine Stunde lang spazieren gehen kann. Auf dem Spaziergang werden wir uns über ein Liebesgedicht unterhalten. Wir werden einander nicht berühren. Wer werden über nichts anderes sprechen als über das Gedicht, das wir ausgesucht haben. Nach dieser Stunde werden wir einander niemals wiedersehen.

Auch Leah, Alans Freundin, gibt eine Chiffreanzeige im „Abseits“ auf. Falls jemand über parapsychologische Fähigkeiten verfüge, solle derjenige sie mit dem Wort „Veilchen“ ansprechen. So würde sie wissen, dass ihre geistige Nähe groß genug für eine langfristige Beziehung sei. Da Leah nicht nur eins der schönsten Mädchen der Schule ist, sondern darüber hinaus auch intellektuell hoch bewandert, schreibt Duncan ihr einen Brief. Immerhin ist er der Einzige, der weiß, wer hinter der Chiffre-Anzeige steckt. Und wenn er den Brief mit dem Wort „Veilchen“ eröffnet, ist das zwar ein wenig gegen die Spielregeln, aber immer noch wild romantisch.

Die ganze Geschichte wird sehr stringent aus der Sicht Alans erzählt, der neben seiner eigenen Liebe auch noch einige andere Nebenkampfplätze beobachtet. So findet er heraus, dass Duncans Mutter mit dem Sportlehrer der Schule fremdgeht, während Alans eigene Mutter mit einem Insassen des Rehazentrums anbändelt. Außerdem meldet sich Alans Vater aus New York, um Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen, den er seit der Scheidung nicht mehr gesehen hat.

All das ist einfühlsam erzählt. Und wenn auch der Hype um Duncan Stein ein wenig plötzlich an der Highschool losbricht, erinnert er doch ein wenig an die Gelbe-Westen-Euphorie, die nach Erscheinen von Goethes „Werther“ in Deutschland aufkam. Duncan Stein ist ein typischer Vertreter der Neo-Romantik, abgeklärt, distanziert, und gerade darum als Projektionsfläche für Schülerträume umso geeigneter. Dass er sich in Leah verliebt, passt eigentlich gar nicht in sein Konzept. Und während er seine Zeit nun lieber mit dem Mädchen verbringt, freundet sich Alan mit Duncans Mutter an.

All diese kleinen Dramen des Älterwerdens finden ihren Platz im Roman, der sich ein wenig liest wie Salingers „Fänger im Roggen“. Da sind dieser distanzierte Blick auf die Welt der Erwachsenen mit ihrem Treiben, die eigene Ratlosigkeit und eine gehörige Portion Melancholie.

Gespickt wird das Ganze immer wieder mit kleinen Tipps zum Thema „Schreiben“. Denn Alan erzählt als werdender Autor in der ersten Person. Und das, was sein Großvater ihm über das Schreiben beibringt, findet im Roman ebenso seinen Platz wie die Tipps seiner Englischlehrerin. Wenn auch zumeist deswegen, weil er diese Regeln konsequent bricht.

Lange war ich irritiert, weil gelegentlich neben M.E. Kerr auch Marijane Meaker als Autorin des Romans genannt wird. Im Autorenvermerk des Buchs heißt es:
„M. E. Kerr lebt mit ihren Hunden in einem alten Haus in Long Island. Über 30 Bücher hat sie bereits geschrieben; ihre vier Jungendbücher erregten bei der internationalen Kritik großes Aufsehen und wurden in viele Sprachen übersetzt.
Auf die Frage, warum sie Bücher für junge Erwachsene schreibe, antwortete M.E. Kerr, dass sie nicht länger zusehen könne, wie das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern und umgekehrt durch Lüge entstellt wird.“
Bei genauer Betrachtung ist M.E. Kerr eine phonetische Variante von Meaker. Sie schreibt unter zahlreichen Pseudonymen, etwa als Vin Packer, Ann Aldrich oder Mary James. Zuletzt erschien auf Deutsch unter ihrem eigenen Namen Meine Jahre mit Pat: Erinnerungen an Patricia Highsmith bei Diogenes.

Titel Rettet die Zärtlichkeit / M. E. Kerr. [Aus dem Amerikan. von Irmela Brender]
Person(en) Meaker, Marijane
Ausgabe Ungekürzte Ausg., 12. Aufl.
Verleger München : Dt. Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr 1999
Umfang/Format 157 S. ; 18 cm
Gesamttitel dtv ; 7845 : dtv-junior : dtv pocket : Lesen, nachdenken, mitreden
Einheitssachtitel If I love you, am I trapped forever? ‹dt.›
Anmerkungen Lizenz des Signal-Verl., Baden-Baden
ISBN/Einband/Preis 3-423-07845-6 kart. : DM 8.90, S 70.00
Schlagwörter Junge ; Erste Liebe ; Jugendbuch

Kommentare:

  1. Oha, das hört sich sehr interessant an :)

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  2. Ist es. Ein schönes Buch, das ich nun gern wieder gelesen habe. Und ich konnte gut verstehen, warum es mich damals so fasziniert hat.
    Es hat zahlreiche Auflagen in diversen Verlagen gegeben. Deswegen ist es gebraucht relativ günstig zu bekommen. Lohnt sich!

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