Sonntag, September 02, 2012

Eva Gabrielsson: Versprechen - Stieg Larsson und ich

Seit über einem Jahr ist bekannt, dass Eva Gabrielsson, Stieg Larssons einstige Lebensgefährtin, ein Buch über ihre Zeit mit Stieg schreiben würde. Es hieß, dieses Buch würde endlich Licht in die letzten offenen Fragen um Stieg Larsson bringen. Was ist mit dem Laptop passiert, auf dem sich an die zweihundert Seiten des 4. Bandes der Millennium-Reihe befand? Welchen Anteil hatte Gabrielsson tatsächlich an der Entstehung der drei ersten Millennium-Bände? Stimmt es, dass sie bereits daran arbeitet, Band 4 fertigzustellen?

Beginnen wir der Reihe nach. Im Sommer 2004 gelingt es Stieg Larsson, die ersten drei Manuskripte seiner auf zehn Bände angelegten Millennium-Reihe an den Verlag Norstedt zu verkaufen. Endlich sind die jahrelangen Geldsorgen passé, die ihn gezwungen haben, oft bis tief in die Nacht zu arbeiten, um sich, und vor allem der von ihm gegründeten Zeitschrift Expo, das Überleben zu sichern. Er kann ein wenig kürzertreten und genießt das.

Gleichzeitig merkt er, dass der ewige Muntermacher Kaffee und die zahllosen Zigaretten an seiner Gesundheit gezehrt haben. Er ist völlig überarbeitet. Seine Lebensgefährtin macht sich Sorgen, zumal er zuweilen auch auf die ausführlichen Spaziergänge mit ihr verzichtet und lieber auf seiner Bude bleibt, um Zeitung zu lesen. Ihre Schwester Britta will ihm einen umfassenden Gesundheitscheck zum Geburtstag schenken, entschließt sich letztlich aber dagegen. Denn Stieg ist niemand, der zum Arzt geht, ohne dass er ein konkretes Leiden hat. Zwei Monate später ist er tot. Herzinfarkt, so die ärztliche Diagnose.

In der folgenden Zeit passieren zwei Dinge parallel: Der erste Band der Millennium-Reihe, „Verblendung“, entwickelt sich zu einem vollen Erfolg. Bald schon springen erste ausländische Verlage auf den Zug auf. Und auch die Filmindustrie beginnt, sich für den Stoff zu interessieren. Es beginnt das, was Eva Gabrielsson als Milleniums-Industrie bezeichnet. Stieg Larsson wird zunehmend vermarktet.

Sie selbst steht jedoch zunächst völlig unter Schock. Sie fängt an, Tagebuch zu schreiben, um ihre Empfindungen in Worte zu kleiden und sie so greifbar zu machen. Da ist ihr zunehmendes Entsetzen über die Reaktionen von Stiegs Familie, die Stiegs (unbeglaubigtes) Testament nicht anerkennt und Eva sogar aus ihrer gemeinsamen Wohnung werfen will. Denn Eva und Stieg haben nie geheiratet - und eheähnliche Partnerschaften werden in Schweden derzeit nicht anerkannt. Auch der Kampf um besagten Laptop mit Stiegs Manuskript wird mit harten Bandagen ausgefochten.

Mir fehlt das Hintergrundwissen, wie Eva Gabrielsson gerade an die französische Ghostwriterin Marie-Françoise Colombani geraten ist. Wahrscheinlich hat Colombani, die leitende Redakteurin der französischen Zeitschrift „Elle“ ist, irgendwann einen Artikel über Gabrielsson schreiben wollen und hat deswegen Kontakt aufgenommen. Fakt ist, dass der Erinnerungsband „Versprechen - Stieg Larsson und ich“, in dem Colombani als Co-Autorin genannt wird, zunächst 2001 in Frankreich beim Verlag „Actes Sud“ auf den Markt kam und seit dem 13. August 2012 auch auf Deutsch erhältlich ist.

Auf den ersten hundert Seiten skizziert Gabrielsson noch einmal die wichtigsten Stationen aus Stieg Larssons Leben, begonnen bei seiner Kindheit in der Region Västerbotton, ihrer ersten Begegnung miteinander, ihrem politischen Engagement. Sie zeigt auf, wie ihre eigene Arbeit als Architektin Stieg als Locationguide gedient hat, und wie fast alle in den Romanen genannten Wohnsitze irgendwie auf Orten basieren, die Stieg entweder aus seiner Kindheit kannte, oder die sie ihm gezeigt hat. Auch ein Kapitel über die realen Personen, die Einzug in die Roman-Trilogie fanden, existiert.

Aber all das sind Informationen, die längst von anderen Autoren ausgeschlachtet wurden und von denen die wenigsten neu sind. Spannend wird ihr Erinnerungsbuch an der Stelle, an der sie ihren Kampf um den geistigen Nachlass ihres Lebensgefährten beschreibt. Hier wird sie sehr emotional, dadurch aber auch besser greifbar, als auf den ersten hundert Seiten des Buches. Etwas von ihrer völligen Verzweiflung wird spürbar, wenn sie erzählt, wie sie beim Lesen der Edda auf die Idee verfällt, ganz in der Tradition der alten skandinavische Götter- und Heldensagen einen Nid, einen Fluch, gegen die Familie Larsson zu formulieren. Am Silvesterabend 2004 zelebriert sie diesen Nid mit Freunden an der Landspitze von Reimersholme, zwar ohne das eigentlich dazugehörige abgeschlagene Haupt eines Pferdes, aber doch zumindest mit dem Opfer eines Keramikpferdes aus ihrem Bestand.

Auf den letzten Seiten geht sie dann tatsächlich auf den vierten Band der Millenniums-Reihe ein. Dass er „Die Rache Gottes“ heißen sollte, war ja längst durchgesickert. Auch ist bekannt, dass Lisbeth darin auf Rachefeldzug gehen wird, um sich für alles Unrecht, das ihr widerfahren ist, Genugtuung zu verschaffen. Seinerzeit hatte sie sich für jede an ihr verübte Untat ein Tattoo stechen lassen. In Band vier wird sie nun nach jeder vollführten Rache ein Tattoo weglasern lassen. Heißt es. Denn über den Verbleib des Laptops, auf dem sich das Manuskript befindet, ergeht sich Gabrielsson im Buch nur in vagen Andeutungen. Und solange der Rechtsstreit zwischen ihr und der Familie Larsson nicht beigelegt ist, wird sich daran auch nichts ändern.

Titel Versprechen: Stieg Larsson und ich / Eva Gabrielsson. Marie-Françoise Colombani. Übers. von Hanna van Laak
Person(en) Gabrielsson, Eva ; Colombani, Marie-Françoise [Bearb.] ; Laak, Hanna van [Übers.]
Ausgabe Dt. Erstausg.
Verleger München : Heyne
Erscheinungstermin 13. August 2012
Umfang/Format 190 S. : Ill. ; 19 cm
Einheitssachtitel Millénium. Stieg et moi ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-453-20005-0 kart. : EUR 8.99 (DE), EUR 9.30 (AT), sfr 13.50 (freier Pr.)
3-453-20005-5
EAN 9783453200050
Sprache(n) Deutsch (ger), Originalsprache(n): Französisch (fre)
Schlagwörter Larsson, Stieg ; Biographie
Leseprobe randomhouse.de

Kommentare:

  1. Klingt ja, wie wirklich interessante Lektüre, besonders wenn man ja immer öfter hört, dass Stieg Larsson seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat. Denken Sie vielleicht, dass das Buch THAT GIRL STARTED HER OWN COUNTRY von Holy Ghost Writer könnte vielleicht das vierte Buch von Stieg Larsson sein. Könnte Zaydee vielleicht Lisbeth Salanders Zwillingsschwester sein?

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  2. Ich persönlich halte nicht viel von der These, Larsson habe sich lediglich mit einem großen Knall zurückziehen wollen. Dafür hat ihm die politische Arbeit zu viel bedeutet. Er war ausgewiesener Fachmann für die rechte Szene in Schweden und trat mit seinem Wissen auch auf internationalen Symposien auf.

    Das Monte-Christo-Motiv aus "That girl started her own country" könnte zur Idee der "Rache Gottes" passen. Allerdings bin ich sicher, dass Stieg, wenn er denn noch leben sollte, sich nicht mit einem 130-Seiten-Bändchen begnügt hätte.

    Bliebe also nur die Theorie, dass Eva das unfertige Manuskript unter dem ziemlich dämlichen Pseudonym "Holy Ghost Writer" veröffentlicht hätte. Aber selbst dann bliebe die Frage, warum sie die immerhin 160 bis 200 Seiten weiter zusammenkürzt auf 131.

    Alles in allem: Nein, ich glaube nicht, dass es einen direkten Zusammenhang gibt. Allenfalls kann ich mir vorstellen, dass da jemand auf den Millenniums-Zug aufspringen wollte und deswegen gewisse Parallelen zwischen Zaydee und Lisbeth existieren.

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