Sonntag, September 23, 2012

Georges Simenon: Maigret und der gelbe Hund

Concarneau ist ein altes Hafenstädtchen in der Bretagne, gelegen am Golf der Biskaya, tidenabhängig, windumpeitscht. Kommissar Maigret, aus Paris zu den mobilen Brigade von Rennes beordert, wo bestimmte Abteilungen neu zu organisieren sind, erhält einen Anruf vom Bürgermeister von Concarneau. Am Abend zuvor war dort einer der Notabeln der Stadt angeschossen worden. Und natürlich liegt dem Bürgermeister viel daran, dass der Fall möglichst schnell aufgeklärt wird. So macht sich Maigret zusammen mit Inspektor Leroy auf den Weg.

Es ist November. Die Herbststürme pressen die gischtende Fluten gegen die Hafenanlagen. Bereits gegen 17 Uhr liegt die Stadt im Dunkeln. Als der Weinhändler Mostaguen kurz nach 22 Uhr im Café des Hôtel de l'Admiral aufbrach, um sich auf den Heimweg zu machen, waren die Straßen bereits menschenleer. Nur ein Zöllner in seinem Schilderhäuschen beobachtet aus der Ferne, wie Mostaguen zu Boden stürzt und liegen bleibt. Doch erst, als aus dem Nichts ein Hund auftaucht und den Mann beschnuppert, der da am Rand des Bürgersteiges mit dem Kopf in der Gosse liegt, ahnt der Zöllner, das er gerade Zeuge eines Verbrechens geworden war.

Offensichtlich, so wird es Maigret und seinem Inspektor schnell klar, hat es jemand auf den Honoratioren-Stammtisch abgesehen, der sich regelmäßig im Café traf. Denn bereits einen Tag später versucht jemand, mit Strichnin den Rest der Gruppe zu ermorden. Zum Glück entdeckt Dr. Michoux am Rand seines Glases die auffälligen Kristalle, bevor Schlimmeres passiert. Aber die Gruppe ist beunruhigt, der neben Mostaguen und Michoux noch der Journalist Jean Servières und der "unverbesserliche Schürzenjäger, Rentner von Beruf und Vizekonsul von Dänemark", Le Pommeret angehören. Zumal, als am folgenden Morgen der Wagen Servières gefunden wird: Blut auf dem Fahrersitz, vom Besitzer keine Spur.

Schnell richtet sich der Verdacht der Bewohner Concarneaus gegen einen Landstreicher, der etwa zeitgleich in der Stadt aufgetaucht ist. Er scheint auch der Besitzer des gelben Hundes zu sein, den der Zöllner zuerst beim Weinhändler gesehen hat. Also beginnt die Suche nach dem Mann. Doch außer Spuren seiner übergroßen Fußabdrücke bleibt der Fremde verschwunden. Sein Hund hingegen taucht regelmäßig in der Stadt auf und nistet sich bald im Hôtel ein. Leider richtet sich der Zorn der Städter mangels Alternativen bald auf das Tier, das nur dank Maigrets Hilfe knapp einem Lynchmob entkommt.

Das Erzähltempo des Romans ist langsam und atmosphärisch dicht. Maigret und sein Inspektor wandern mit unendlicher Gelassenheit zwischen den Schauplätzen umher und verbringen viel Zeit im Café des Hôtels. Zuhören, verstehen, nicht urteilen - das sind die Prinzipien, mit denen Maigret an den Fall herangeht. Georges Simenon gibt durchaus Hinweise auf die Lösung des Rätsels, wenn sie auch versteckt und nahezu beiläufig erwähnt werden. Da ist die sonderbare Vertrautheit, mit der sich der gelbe Hund an die Barfrau Emma hängt. Da ist die Tatsache, dass niemand ahnen konnte, dass sich der Weinhändler in jenem Hauseingang vor dem Wind Schutz suchend eine Zigarre entzünden wollte, in dem er erschössen wurde. Und offensichtlich kam der Schuss aus dem Briefschlitz eben jenes Hauses. Diese Puzzleteile lassen sich durchaus zusammensetzen. Ebenso die Tatsache, dass irgenwer Servières erst in Brest und später in Paris gesehen haben will.

Aber der Erzählfluss hat eben auch seine Tücken, wirkt antiquiert, so gar nicht zeitgemäß. Wundert das? "Maigret und der gelbe Hund" ist ein früher Roman von Georges Simenon, entstanden 1931, als die Figur des Maigret noch relativ neu war. Es ist erst der sechste Band um den Pariser Kommissar. Völlig unaufgeregt, weit entfernt vom aufgepeitschten Spannungsverlauf heutiger Krimis und Thriller, in denen jeder Abschnitt und jedes Kapitel mit einem Cliffhanger enden muss. Zwangsläufig langweilig für die Nach-MTV-Generation, für die "Le chien jaune" inzwischen zur verhassten Schullektüre im Französisch-Unterricht gehört.

Vergleicht man "Maigret und der gelbe Hund" mit dem ebenfalls in Concarneau angesiedelten Bretonische Verhältnisse von Jean-Luc Bannalec, fallen bei Simenon selbst die Beschreibungen der Örtlichkeiten dürftig aus. Andererseits war es eben auch die Kunst Simenons, mit wenigen Strichen eine Atmosphäre zu zeichnen, in die seine Leser eintauchen konnten und noch heute können. In diesen Roman zu versinken, bedeutet, die Langsamkeit für sich wiederzuentdecken. Das öffnet die Tür zu einem wahren Schatz: 75 Kriminalromanen um die Figur des Kommissars Maigret, daneben über 100 weitere Romane und 150 Erzählungen stammen aus der Feder Georges Simenons. Genug für lange Herbstabende. Und sehr beruhigend in diesen unruhigen Zeiten.

Titel Maigret und der gelbe Hund: Sämtliche Maigret-Romane Band 6 / Georges Simenon. Aus dem Franz. von Raymond Regh
Person(en) Simenon, Georges
Verleger Zürich : Diogenes
Erscheinungsjahr 2008 (Revidierte Übersetzung)
Umfang/Format 173 S. ; 19 cm
Gesamttitel Simenon, Georges: Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden ; Bd. 6
Diogenes-Taschenbuch ; 23806
Einheitssachtitel Le chien jaune ‹dt.›
Parallele Ausgabe(n) Hörbuch (4 CDs)
Hörbuch Download
ISBN/Einband/Preis 978-3-257-23806-8 Pp. : EUR 9.00 (DE), EUR 9.30 (AT), sfr 16.00 (freier Pr.)
3-257-23806-1 Pp. : EUR 9.00 (DE), EUR 9.30 (AT), sfr 16.00 (freier Pr.)
EAN 9783257238068

Kommentare:

  1. Irgendwo auf meiner Festplatte schlummern drei Teile zur Maigret Reihe. Dank deiner guten Rezension, werde ich sie mir wohl demnächst anhören.
    Das du die Rezension ausgerechnet am Wochenende reingestellt hast, hat nicht zufällig etwas damit zu tun, dass Comissario Brunetti (ich hoffe ich habe mich bei dem Namen jetzt nicht vertippt) am Wochenende Geburtstag hatte. Zufällig habe ich einen Teil des "Literatur im Foyer" Interview mit Donna Leon gesehen.

    liebe Grüße deine Emma

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  2. Eigentlich habe ich mir nur schnell ein TB gegriffen, weil ich ein Café besuchen wollte, in dem ich in zwei Wochen eine Lesung mache. Ohne Buch ist Café immer langweilig. Da kam mir Simenon gerade recht. Leicht zu lesen, atmosphärisch dicht ...
    Brunetti ist echt eine total andere Nummer: Familienmensch, Venedig, oft leicht politisch. Kein Vergleich.

    Lieben Gruß,
    Norbert

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