Dienstag, September 25, 2012

Lesezeichen vom 24.09.2012

Hatte ja versprochen, diesmal wieder ein wenig zeitnäher die Themen der Sendung "Lesezeichen" vom BR mit meinen Kommentaren nachzuliefern. Das fällt umso leichter, als zwei der Beiträge von anderen Regionalprogrammen übernommen sind. Hier die Themen im Einzelnen, angereichert wie immer mit den bibliographischen Angaben und, soweit vorhanden, Hinweisen zu Leseproben und anderen Ausgaben:

Thilo Wydra: Grace - Die Biografie


Noch eine Biografie einer an Biografien nicht armen öffentlichen Person. Grace Kelly, Fürstin von Monaco - ebenfalls sehr privat geschildert. Thilo Wydra ist es gelungen, etliche Personen aus dem Dunstkreis der ehemaligen Schauspielerin und Landesmutter zu interviewen. Er zeichnet das Bild eines Mauerblümchens, das als Kind ständig übersehen wurde, das sich in die Welt der Bücher verkroch und unter der Regie von Alfred Hitchcock kurz aufblühte. Auch ihre Heirat mit Fürst Rainier III. von Monaco hätte ein Traum sein können, hätte dieser ihr nicht aus Gründen der Staatsraison kurz nach ihrer Heirat das Filmen verboten.

So blieb ihr nichts, als den schönen Schein zu wahren, nach außen hin zu lächeln, während sie in ihrem Inneren ihren Hochzeitstag als den dunkelsten Tag ihres Lebens über sich ergehen ließ. Die alles entscheidende Frage nach ihrem Unfalltod 1982 beantwortet allerdings auch dieser Band nicht, der den Kummer der großen Frau ins Licht hineinrückt.

Titel Grace: Die Biographie / Thilo Wydra
Person(en) Wydra, Thilo
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : Aufbau
Erscheinungsjahr 20. August 2012
Umfang/Format 400 S. : Ill. ; 22 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-351-02756-8 Pp. : EUR 22.99 (DE), EUR 23.70 (AT), sfr 32.90 (freier Pr.)
3-351-02756-7
EAN 9783351027568
Sprache(n) Deutsch (ger)
Schlagwörter Gracia Patricia ‹Monaco, Fürstin› ; Biographie
Leseprobe aufbau-verlag.de

Jörg Schindler: Die Rüpel-Republik


Drei Kriegsschauplätze hebt Jörg Schindler für diesen Filmbericht zum Buch heraus, die wir alle kennen: den Schulhof, die Straße und die Nachbarschaft. Ob ein Taxifahrer über Tempoverletzungen, Drängler oder die geheime Aufrüstung mittels SUVs erzählt, oder ob Nachbarn sich wegen Heckenhöhen, Grillgestank und Lärmbelästigung Schimpfworte an den Kopf werfen. Schon für viele Jugendliche gehören Schlägereien mittlerweile zum Alltag. Wen wundert es da, wenn unsere Republik langsam verroht? Jörg Schindler diagnostiziert einen Wertewandel. Statt Solidarität und Miteinander wird nun die Durchsetzungskraft mehr und mehr erstrebenswert. Das mag seinen Grund in der Arbeitswelt haben, in der der Einzelne immer leichter ersetzbar wird und Durchsetzungsfähigkeit die Chancen erhöht, als Konkurrenten erfolgreich zu bleiben. Aber es führt eben auch zur Vereinzelung bis hin zur Vereinsamung.

Sieht Jörg Schindler eine Alternative? Sein Ansatz besteht darin, wieder mehr gemeinsam zu machen. Vereinsarbeit etwa, ehrenamtliches Miteinander. Oder ganz allgemein: Netter zueinander sein. Erinnert irgendwie an Douglas Adams: "Eines Donnerstags, fast zweitausend Jahre, nachdem ein Mann an einen Baumstamm genagelt worden war, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären ..." Aber vielleicht ist es wirklich einen Versuch wert. Denn mit seiner Analyse, unterstützt von unzähligen Beispielen, hat Jörg Schindler sicher recht.

Titel Die Rüpel-Republik: Warum sind wir so unsozial? / Jörg Schindler
Person(en) Schindler, Jörg
Verleger Frankfurt, M. : Scherz
Erscheinungstermin 17. August 2012
Umfang/Format 253 S. ; 22 cm
Anmerkungen Literaturangaben
ISBN/Einband/Preis 978-3-651-00047-6 kart. : EUR 14.99 (DE), EUR 15.50 (AT), sfr 21.90 (freier Pr.)
3-651-00047-8
EAN 9783651000476
Sprache(n) Deutsch (ger)
Schlagwörter Deutschland ; Alltag ; Rücksichtslosigkeit ; Aggressivität ; Egoismus
Parallele Ausgabe(n) Kindle eBook
Leseprobe fischerverlage.de

Peter Scheuer: Peehs Liebe


Eine kleine Liebesgeschichte erzählt Peter Scheuer in seinem neuen Roman "Peehs Liebe". Dass demente Alte häufig Personen verwechseln, kenne ich auch von meinem Vater. So kommt mir der Plot nicht sonderlich konstruiert vor: Rosarius hält seine Pflegerin Anna für eine einstige Geliebte. Und Anna, die ihm zuhört, wenn er von früher erzählt, spielt mit, entdeckt nach und nach die verborgenen Qualitäten dieses alten Mannes, glaubt schließlich selbst ein Stück weit, sie sei diese "Peeh", von der er erzählt.

Die Geschichte ist in der Eifel angesiedelt, in der Scheuer lebt, und angereichert mit etlichen kleinen Episoden, in denen deren Bewohner liebevoll, wenn auch in vollendeter Verschrobenheit, gezeichnet werden. Die Welt spiegelt sich im Kleinen, sagt Scheuer, der hauptberuflich als Programmierer arbeitet. Und so ist es vielleicht auch kein Wunder, wenn Rosarius in jungen Jahren sich ausgerechnet beim Puzzle-legen in Petra verliebt, die für ihn jenes Bindeglied ist, das alle Rätsel dieser so verworren partikularen Welt löst. Die Liebe als Auflösung seines pathologischen Hanges zur Systematisierung der Einzelteile, die diese Welt ausmacht. Klingt nett, und erklärt vielleicht, warum er im Alter die Illusion braucht, dieser Peeh wiederzubegegnen und ihr zu erzählen, wie sein Leben verlaufen ist.

Titel Peehs Liebe : Roman / Norbert Scheuer
Person(en) Scheuer, Norbert
Verleger München : Beck
Erscheinungstermin 12. Juli 2012
Umfang/Format 222 S. ; 21 cm
Parallele Ausgabe(n) Kindle eBook
ISBN/Einband/Preis 978-3-406-63949-4 Pp. : EUR 17.95
3-406-63949-6
EAN 9783406639494
Sprache(n) Deutsch (ger)
Schlagwörter Mann ; Alter ; Altenpflegerin ; Erzählung ; Vergangenheit ; Belletristische Darstellung
Eifel ; Männliche Jugend ; Kleinwüchsiger ; Mutismus ; Verlieben ; Hausierhandel ; Geschichte 1948-1998 ; Belletristische Darstellung
Leseprobe chbeck.de

Felix Salten: Bambi - eine Lebensgeschichte aus dem Walde


Wir alle kennen die Geschichte in der Version von Walt Disney. Aber nicht viele wissen, dass der dem Film zugrunde liegende Naturroman von einem österreichisch-ungarischer Schriftsteller stammt, dessen große Leidenschaft die Jagd war. Und der sich wahrscheinlich auch für den Skandalroman "Josephine Mutzenbacher" verantwortlich zeichnet. Er stammt aus dem Dunstkreis von Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr und Karl Kraus.

"Bambi" wurde sein Lebenswerk, sein Bestseller. Eine Lebensgeschichte aus dem Wald, konsequent aus der Sicht der Tiere geschildert. Der Mensch ist hier nur Eindringling, namenlos und gefährlich. Lange vor der Zeit, in der ökologisch korrekte Kinderbücher den Markt eroberten, schildert Salten den Menschen als das Wesen, das das fragile Ökosystem Wald erobert und vernichtet. Somit ist Bambi, aller Grausamkeit zum Trotz, ein höchst aktueller Roman, betont der im Filmbericht zitierte Literaturkritiker Volker Weidermann. Realistisch, lehrreich und sehr poetisch kommt es daher. Deswegen hat es der Unionsverlag jetzt in einer neuen Ausgabe auf den Markt geworfen: jugendfrisch für alle Generationen.

Titel Bambi: Eine Lebensgeschichte aus dem Walde / Felix Salten
Person(en) Salten, Felix
Verleger Zürich : Unionsverl.
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 188 S. : Ill. ; 21 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-293-00449-8 Gewebe : ca. EUR 16.95 (DE), ca. EUR 17.50 (AT), sfr 25.90 (freier Pr.)
EAN 9783293004498
Sprache(n) Deutsch (ger)
Sachgruppe(n) Kinder- und Jugendliteratur


Zum Schluss wie immer die Liste jener Bücher, die als aktuelle Lektüre bei den befragten Passanten gerade auf dem Nachttisch liegen. Ich poste diese Liste deswegen an dieser Stelle, weil ja doch immer mal ein interessanter Tipp dabei ist, den sonst zu recherchieren relativ langwierig sein kann.

Homepage der Sendung: http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/lesezeichen/index.html

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