Samstag, September 01, 2012

Peter H. Gogolin: Calvinos Hotel

Zu den Romanen, die mich in den letzten Jahren am nachhaltigsten beeindruckt haben, gehört  "Calvinos Hotel" von Peter Gogolin. Zwei Mal habe ich seit Erscheinen das (ungekürzte) Hörbuch mit seinen 16 Std. 27 Min. gehört, das ich mir besorgt hatte, weil es deutlich vor der Printausgabe auf den Markt kam. Und nachdem die Buchversion erschien, stand auch diese bald in meinem Regal. Es ist leicht, sich in dem Roman festzuschmökern. Denn Gogolin ist Stilist, mit einer großen Begabung gerade im Bereich "sinnlicher Details", wie er das nennt.

Es fällt mir nicht leicht zu beschreiben, worum es in diesem Buch geht. Es wirkt zerstückelt, zerfranst, so als habe er mehrere Ideen in eine Geschichte zu verweben gesucht. Letztlich erzählt Gogolin darin die Geschichte des Generalmajors Richard Thallmann, von dessen Umzug aus dem kalten Norddeutschland in die Toskana, genauer gesagt ins Mugello nördlich von Vicchio. Hierhin, wo Don Calvino ein kleines Hotel betreibt, zieht es Richards Eltern, den Komponisten Eduard mit seiner Frau Greta. Sie kaufen sich ein kleines Häuschen auf 574m Höhe östlich des Sievetals, das bei ihrer Ankunft wenig mehr ist als ein Schafstall. 

Richard erzählt von dieser Kindheit im "Haus im Wind", der Casa al Vento. Er beschreibt, wie sein Onkel Julius die ersten Versuche unternimmt, dort einen Brunnen zu bohren. Was kolossal misslingt. Und er berichtet von seiner ersten Liebe, Maria, Calvinos Tochter. Die Eltern sind entschieden gegen diese Beziehung, und erst viel später wird Richard begreifen, was der Grund dafür ist. Als die beiden sich immer weiter annähern, setzt Calvino Richard in den Zug zurück nach Deutschland. Die Liebenden werden getrennt und sollen sich erst viele Jahre später wiedersehen.

Als Richard, mittlerweile Generalmajor, mit seiner F-16 über die Region Venetien donnert, erscheint ihm das Fragment eines Engel, der ihm mit Gretas Stimme klarmacht: "Du musst". Richard ahnt, was es ist, das er tun muss. Und so begibt er sich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder zur Casa al Vento, wo sein Vater gerade seinen Geburtstag feiert. Die Wiederbegegnung mit seiner Familie sorgt für viele Probleme. Sein Bruder Fred hat ihm seinen Werdegang nie verziehen, zumal inzwischen der Bosnienkrieg seine ersten Schatten über die Region geworfen hat und Richard zu jenen NATO-Kräften gehört, die mit ihrem militärischen (Nicht-)Eingreifen dazu beitragen, die Situation dort eskalieren zu lassen.

Auch Maria trifft er bei seinem Besuch im Mugello wieder. Und zunächst sieht alles so aus, als ließe sich an die Liebe aus Kindertagen anknüpfen. Aber an jenem Abend, als er zu ihr hinauf in die Villa Enzo geht, wird er von Unbekannten entführt und nach Venedig verschleppt. Politische Aktivisten hoffen, durch die Entführung eines NATO-Generals die Bündnispartner zu einem Eingreifen in Bosnien zu bewegen.

Das Buch endet zwei Jahre nach dieser Entführung. Durch die von Gogolin benutzte Collage-Technik, die die verschiedenen Zeitebenen miteinander verwebt, ist schnell klar, dass diese Entführung glimpflich für Richard abläuft. Die letzten Kapitel zeigen, wie der ehemalige Major versucht, die Geschichte seiner Mutter (und somit seiner eigenen Herkunft) zu ergründen. Und wie er in seiner neuen Heimat Stuttgart langsam aus seinem durch die Entführung entstandenen Trauma erwacht, wie er sich zögerlich neu verliebt (oder zumindest eine Frau umwirbt) und wie er von ihr seiner letzten Reste an Vertrauen beraubt wird.

Diese einzelnen Handlungsfäden sind sauber miteinander verwoben. Überall finden sich Voranküdigungen, Hinweise, kleine Randbemerkungen, die erst beim wiederholten Lesen Sinn ergeben. Insofern verliert der Roman auch bei wiederholter Lektüre nichts von seiner Kraft. Die Sprache ist gehoben, bildlich, sinnlich - und auch das lässt mich immer wieder gern zum Buch greifen. Ähnlich wie Marcel Pagnol mit seinen Romanen immer wieder die Stimmung der Provence einfängt, gelingt es Peter Gogolin regelmäßig, mich für kurze Zeit in die Toskana zu entführen.

Allein psychologisch vermag der Roman mich nicht zu überzeugen. All diese Handlungsfäden, so sicher sie technisch verwoben sind, scheinen doch wenig Einfluss auf die Nebenfiguren zu haben. Zwar war es spannend zu lesen, wie Richards Mutter Greta in Neu-Trebelow in einer geheimen Produktionsanlage für die berühmten V1-Waffen arbeitete und wie sie dort sowohl ihren späteren Mann als auch Don Calvino kennenlernte. Aber all diese Verquickungen spielen sich im (chronologisch) späteren Verhalten der Erwachsenen kaum wieder. 

Lediglich in ein paar Bemerkungen am Anfang des Romans (und später in der Maria-Sequenz) lässt sich erahnen, welches Potential an Problemen in Trastevo, wo sich Calvinos Hotel befand, vorhanden gewesen sein muss. Aber Gogolins Stil ist zu trocken, zu faktisch orientiert, um sich hier auf psychologische Details einzulassen. Das gleiche Problem taucht auch bei der Entführung auf. Es ist, als würde Richard Thallmann seine Empfindungen völlig außenvor lassen, als ginge ihn all das überhaupt nichts an. Das hinterlässt ein gewisses Gefühl der Ratlosigkeit, wie ich es sonst nur aus einigen Passagen von John Irving kenne, wenn dieser die größten Katastrophen im Ton beliebiger Beiläufigkeit erwähnt.

Oft scheint mir, ich lese mit diesem Roman gleichsam auch seine Entstehungsgeschichte. Da sind die Abschnitte, deren Entstehung ich 1989 in der Villa Massimo in Rom vermute, als er dort mit dem Rompreis der Deutschen Akademie einen Arbeitsaufenthalt gewann. Es gibt die Trebelow-Episoden, die Gogolins Stipendienaufenthalt im Künstlerhof Schreyahn im Wendland zu verdanken sein dürften. In meinen Augen am stärksten geraten sind seine Kindheitserinnerungen an die Casa al Vente, die allerdings völlig losgelöst von seinem Bosnien-Roman funktionieren und sich lediglich durch Freds Ausraster auf der Geburtstagsfeier und die merkwürdige Doppelfunktion Marias leicht zusammenfügen. 

Trotz allem lohnt die Lektüre von "Calvinos Hotel". Peter H. Gogolin gehört meiner Ansicht nach zu den sprachlich versiertesten deutschen Gegenwartsautoren. Und es ist sicher kein Missgriff, wenn dieser Roman mithilfe zahlreicher Literaturstipendien und Förderpreisen entstand. (s.u.) Bereits mit seinen ersten beiden Romanen "Seelenlähmung" und "Kinder der Bosheit" hat er sich seinen Platz in der deutschen Literatur gesichert. Dass "Calvinos Hotel" erst mit etlichen Jahren Verspätung auf den Markt kam und durch die Vertriebspraxis des Kleinverlags "Kulturmaschinen" kaum Beachtung findet, ist schade. Ich wünsche ihm zahlreiche neue Leser.


Titel Calvinos Hotel: Roman / Peter H. Gogolin
Person(en) Gogolin, Peter H.
Verleger Berlin : Kulturmaschinen-Verl.
Erscheinungsjahr 2011
Umfang/Format 368 S. ; 21 cm
Gesamttitel Kulturmaschinen Prosaedition
Parallele Ausgabe(n) Hörbuch, ungekürzte Lesung
Kindle eBook
ISBN/Einband/Preis 978-3-940274-27-4 kart. : EUR 19.80 (DE), EUR 21.80 (AT), sfr 25.90 (freier Pr.)
EAN 9783940274274
Sprache(n) Deutsch (ger)
Schlagwörter Oberitalien ; Mutter ; Lebenslüge ; Sohn ; Vatersuche ; Belletristische Darstellung
Jugoslawienkrieg ; General ; Deutsche ; Belletristische Darstellung
Leseprobe amazon.de



Nicht jeden Tag erhalte ich auf meine Rezensionen direkte Antwort des Autoren. Peter H. Gogolin hat mich gebeten, seine Replik auf obigen Text hier zu posten. Das mache ich gern:

01.09.2012 ~18:00 Uhr

Lieber Norbert



bedankt für Deine Besprechung. Normalerweise sage ich zu Besprechungen nichts. Hier sei allerdings der Hinweis gestattet, dass Deine Negativanmerkungen lediglich eine Folge Deiner falschen Spekulationen über die Entstehung des Buches sind.

Was bitte soll ich z.B. in der Villa Massimo für dieses Buch geschrieben haben? Ich hielt mich dort 1989 auf, das war etwa ein halbes Jahrzehnt VOR Ausbruch des Bosnienkrieges, von dem das Buch handelt. Ich müsste ein Zeitreisender sein, wenn Deine Behauptung zuträfe. Vom Hannoverschen Wendland wusste ich damals noch nicht einmal, dass es es gibt. Und als ich 1990 in Schreyahn war, da habe ich leider GAR NICHTS geschrieben, dafür war ich nämlich viel zu sehr mit meiner Scheidung beschäftigt und war froh, dass ich überlebt hatte.

Es geht zwar niemanden etwas an, aber die erste Zeile des Romans wurde 2006 im Frühjahr geschrieben, während eines Aufenthalts auf Walcheren. So fabulieren sich also Rezensenten etwas zurecht, weil sie sich nur so etwas erklären können, was sie nicht verstehen. Schade, sehr schade.

Ach ja, und zum Thema "Entführung" will ich Dir nur sagen, dass ich Dir wünsche, so etwas nie erleben zu müssen. Falls Du das Pecht hättest, so würdest Du zumindest hinterher wissen, dass die Reaktionsweise des Generals darauf absolut angemessen ist. Außerdem ist sie gar nicht so distanziert, wie Du es wahrgenommen hast. Da ist Dir wohl etwas entgangen.



Weiterhin viel Spaß wünscht Dir PHG

01.09.2012 ~22:20 Uhr

Lieber Peter

Das Problem, dass ich sehe, ist ja, dass die einzelnen Episoden im Roman für mich sehr zusammengestückelt wirken. Du hast die Kindheitserinnerungen an die Casa al Vento, wunderschön beschrieben, aber in einem ganz anderen Tonfall als der Rest des Buches. Du hast die Haupthandlung, die ich den eigentlichen Bosnien-Roman genannt habe. Du hast die Geschichte um Neu-Trebelow, von der ich in der Rezension bereits gesagt habe, sie sei zwar eingewoben, psychologisch aber nicht in der Mugello-Episode aufgenommen und daher wahrscheinlich später entstanden. Der Veronika-Faden hingegen passt zwar irgendwie psychologisch, gerade im Blick aufs Ende, macht aber für mich dramaturgisch nach der Venedig-Sequenz keinen Sinn und wirkt auf mich daher, als hättest du das Material gehabt und irgendwie noch mit einbauen wollen.

Insofern war es für mich naheliegend, unterschiedliche Zeitpunkte der Entstehung für diese Brüche verantwortlich zu machen. Wenn das nicht der Fall ist, wäre ich in der Tat sehr neugierig zu erfahren, wie du dies erklärst.

Herzlichen Gruß,
Norbert

03.09.2012

Richtigstellung

Nach einem leider etwas zermürbenden Kleinkrieg im privaten Facebook-Profil von Peter H. Gogolin bat mich dieser heute, den Hinweis auf die zahlreichen Preise und Stipendien seines Lebens zu entfernen. Ich korrigiere daher obigen Text dahingehend:

Laut S.4 des Romans wurde die Arbeit am Manuskript vom Deutschen Literaturfonds Darmstadt gefördert. Ich gehe jedoch aufgrund der unterschiedlichen Textschichten nach wie vor davon aus, dass auch Material, das von früheren Stipendien und Arbeitsaufenthalten herrührt, in den Roman eingeflossen ist.

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