Samstag, September 08, 2012

Tana French: Schattenstill

Broken Harbour war einmal ein Naherhohlungsgebiet im Nordosten von Dublin. Campingplatz, Hafenanlage, wunderschöner Blick auf den Sonnenaufgang. Daher der Name. Sie wissen schon: "Morning has broken".

Dann kam der Bauboom. Ein Bauunternehmer namens Brian zog dort nahezu über Nacht eine Neubausiedlung hoch. Kindergarten, Supermarkt, Jugendzentrum - alles sollte folgen. Eine Stadt für die neue Mittelschicht, in gehobener Lage. Das war gerade für junge Familien verlockend. So für die Spains mit ihren zwei Kindern.

Aber irgendwann zerplatzte die Eco-Blase. Von einem auf den anderen Tag zogen die Baufahrzeuge ab und die restlichen Gebäude bieben im Rohzustand. Bauruinen überall. Von der angekündigten Infrastruktur keine Rede mehr. Schlimmer noch: Mit dem Ende des Wirtschaftsbooms verloren einige Familien ihre Arbeit. Und es war abzusehen, dass sie ihre mit Hilfe der Bank gekauften Häuser nicht würden halten können. So wurde Broken Harbour, das mittlerweile Brianstown hieß, zu einem Symbol für das Ende der guten Zeiten in Irland.

Zu diesem Zeitpunkt beginnt auch das Ende der Spains. Eigentlich hat Jenny Spain jeden Morgen mit ihrer Schwester Fiona telefoniert. Als dieser Anruf enes Tages ausbleibt, macht sich Fiona auf den Weg nach Broken Harbour. Sie findet die Familie überfallen und gemeuchelt in deren Haus. Die beiden Kinder Emma und Jack erstickt, der Vater Pat erstochen. Jenny, in seinen Armen liegend, lebensbedrohlich verletzt, wird umgehend ins Krankenhaus gebracht. Sie liegt im Koma.

Der Fall ist genau das Richtige für Detective Mike "Rocky" Kennedy von der Dubliner Polizei. Er liebt diese spektakulären Fälle. Wer sich nicht an großen Fällen abarbeitet, wird auch nie den großen Ruhm einstreichen. Kennedy glaubt an solche Motivationsphrasen. Er verkörpert sie. In ihm findet der amerikanische Traum sein irisches Pendant.

Wäre da nicht seine kleine Schwester Dina. Seit dem Selbstmord ihrer Mutter, oder eigentlich erst seit der Pubertät, hat sie Phasen, in denen ihr die Wirklichkeit verschwimmt. Spätestens dann, wenn die Schuhe anfangen, ihr mit unerträglichen Geräuschen auf die Nerven zu gehen und der Kühlschrank beginnt, sie wütend anzuraunen, weiß sie, dass sie ohne ihren Bruder hilflos ist. Kennedy muss dann schon einmal ein paar zusätzliche Urlaubstage nehmen, bis das Schlimmste vorüber ist.

Als Dina hört, dass ihr Bruder in Broken Harbour ermittelt, ahnt sie die nächste Katastrophe. Denn auch die Kennedys gehören zu jenen Familien, die früher regelmäßig auf dem dortigen Campingplatz Urlaub machten. Dies waren die einzig glücklichen Zeiten mit ihrer Mutter, an die sie sich erinnern kann. Vielleicht hat die Mutter deswegen beschlossen, dort ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ins Meer zu gehen und sich von der Strömung forttreiben zu lassen.

Tana French entwickelt mit "Schattenstill" ein eindrucksvolles und seitenstarkes Psychogramm, das sich vordergründig liest wie ein Whodonit. Und tatsächlich ist über weite Strecken nicht klar, wer für den Tod der Spains verantwortlich ist. Selbst dann, wenn immer mal wieder ein Verdächtiger auftaucht. Und bereits nach dem ersten Drittel des Romans ein Geständnis vorliegt.

Aber Wirklichkeit ist subjektiv, gerade in dieser Geschichte, die tief in die Seelen ihrer Protagonisten blickt. Das Irland der Rezession, mit all den Gewinnern und Verlierern des Wirtschaftsbooms, ist weit entfernt von jenem Ferienidyll, mit dem wir es gerne verbinden. Und je tiefer wir in die Abgründe ihrer Bewohner eindringen, desto stärker wirkt der Sog, der von diesem Roman ausgeht.

Nach der Lektüre bleibt ein etwas fader Nachgeschmack. Einiges wirkt überkonstruiert, gerade bei der Auflösung des Falls. Logikliebhaber werden schnell merken, was ich meine: Da ist dieses Vieh, das sich auf dem Dachboden der Spains niedergelassen hat. Ausführlich beschreibt Tana French die Jagd nach diesem Nager, der Pat zunehmend auf die Nerven geht. Aber diese ganze eskalierende Situation funktioniert nur, weil Pat sich beharrlich weigert, eine Videokamera zu installieren, um das Tier tatsächlich zu Gesicht zu bekommen. Die Begründung für diese Weigerung ist an den Haaren herbeigezogen. Aber nur so funktioniert die Geschichte. Und das ist ärgerlich.

Ansonsten jedoch eine lohnenswerte Lektüre, sobald man sich auf die Figuren und ihre Vita einlässt. Kein Highspeed-Thriller, keine Action, dafür ausgearbeitete Charaktere mit einer Backstory, die jeden Schritt der Protagonisten nachvollziehbar macht. Für sie einnimmt. So dass ein Gefühl des Abschieds entsteht, wenn man das Buch nach 729 zur Seite legen muss. Eigentlich weiterlesen möchte. Was will man mehr?

Titel Schattenstill : Kriminalroman / Tana French. Aus dem Engl. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Person(en) French, Tana ; Wasel, Ulrike [Übers.] ; Timmermann, Klaus [Übers.]
Verleger Frankfurt, M. : Scherz
Erscheinungstermin 4. Juni 2012
Umfang/Format 731 S. ; 20 cm
Parallele Ausgabe(n) Kindle eBook
Hörbuch
Einheitssachtitel Broken harbour ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-502-10223-6 Pp. : EUR 16.99 (DE), EUR 17.50 (AT), sfr 24.50 (freier Pr.)
3-502-10223-6
EAN 9783502102236
Leseprobe fischerverlage.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen