Mittwoch, November 07, 2012

Frisch ausgepackt 07.11.2012

Wie macht ihr das eigentlich: Schmeißt ihr Bücher, die ihre beste Zeit deutlich hinter sich haben, weg oder behaltet ihr sie solange, bis die Schrift nicht mehr lesbar ist? Lange Zeit konnte ich mich von überhaupt keinen Büchern trennen, selbst wenn der Einband nahezu auseinanderfiel oder der vordere Einband bereits fehlte. Denn die Geschichte auf dem gedruckten Papier war doch die gleiche, egal, ob der Umschlag hübsch oder hässlich anzusehen war. Mittlerweile bin ich eher bereit, Bücher auch mal wegzuschmeißen, wenn ihr Zustand zu sehr gelitten hat. Oder wenn ich Dubletten von Buchclub-Ausgaben in die Finger bekomme. Oder wenn ich sehe, dass bestimmte Titel, die mich nicht groß interessieren, für 1 Cent bei Amazon gehandelt werden. Aber für diesen Schritt, Bücher tatsächlich ins Altpapier zu werfen, habe ich lange gebraucht.

Hier meine frisch ausgepackten Bücher des Tages:

Isaac B. Singer: Das Landgut


Um gleich mit einem Nobelpreisträger loszulegen: Isaac Bashevis Singer ist 1902 in Polen geboren und später in die USA ausgewandert. Er starb 1991 in Florida. Den Nobelpreis für Literatur erhielt er 1978 „für seine eindringliche Erzählkunst, die mit ihren Wurzeln in einer polnisch-jüdischen Kulturtradition universale Bedingungen des Menschen lebendig werden lässt“.

Auf den Roman "Das Landgut", der 1967 entstand, trifft diese Beschreibung genau zu. Die Geschichte beginnt 1863 mit dem Aufstand polnischer Adliger gegen das Zarenreich. Graf Jampolski, dem ein großes Landgut in der fiktiven (?) Gemeinde Jampol gehört, wird nach Sibirien verbannt und enteignet. Der fromme Getreidehändler Jacobi hat die Chance, das Gut zu pachten und kommt dort schnell zu Wohlstand. Doch auf dem Gut liegt kein Segen. Jacobis Sohn sagt sich vom orthodoxen Glauben los und ist fasziniert von aufklärerischem Gedankengut, eine von Jacobis Töchtern konvertiert gar zum christlichen Glauben. Und Jacobi selbst gerät nach dem Tod seiner Frau an ein skrupelloses Weib. Eine Familiensaga, breit ausgebreitet.

Das Besondere an diesem Roman brachte damals eine Rezension in der "Welt" gut auf den Punkt: "Das Schicksal all dieser so verschiedenartigen Personen gibt Singer reichlich Möglichkeit, vor dem Leser ein breit angelegtes Panorama des jüdischen und polnischen Lebens im ausgehenden 19. Jahrhundert aufzurollen: chassidisches Milieu mit all den Intrigen am "Hof" des Wunderrabbi; nationalistisch entflammte, aber auch positivistisch-nüchterne Polen; Juden, die versuchen, die Glaubensbande zu lockern ...; Sozialismus in verschiedensten Nuancen and Varianten. Vor alle m aber, wie immer bei Singer: ungemein lebendige Figuren, die man, wie sonst nur bei Tolstoj, nicht als erfunden, sondern als völlig real empfindet."

Titel Das Landgut : Roman / Isaac Bashevis Singer. Dt. von Anna u. Henning Ritter
Person(en) Singer, Isaac Bashevis
Ausgabe Ungekürzte Ausg., 2. Aufl., 13. - 18. Tsd.
Verleger München : Deutscher Taschenbuch-Verlag
Erscheinungsjahr 1981
Umfang/Format 470 S. ; 18 cm
Gesamttitel dtv ; 1642
Einheitssachtitel The manor ‹dt›
Anmerkungen Aus d. Amerikan. übers. - Lizenz d. Hanser-Verl. München
ISBN/Einband 3-423-01642-6 kart.
Zustand gut erhalten, Lesespuren im Rücken
Katalog-Linkhttp://www.shakespeare-and-more.com/catalog/isaac-singer-das-landgut-p-1783.html

João Guimarães Rosa: Nach langer Sehnsucht und langer Zeit


Eine Zeitlang hatte der Deutsche Taschenbuchverlag wirklich ein gutes Händchen für anspruchsvolle Literatur jenseits des Mainstreams. Mit João Guimarães Rosa (1908-1967) holte er einen brasilianischen Schriftsteller an Bord, der zu besten Zeiten mit James Joyce und Alfred Döblin verglichen wurde. Er galt lange neben Jorge Amado als wichtigster brasilianischer Autor.

Besonders sein Gespür für Sprachen war legendär. So erzählte er selbst einmal: "Ich spreche: Portugiesisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Esperanto, etwas Russisch; Ich lese: Schwedisch, Holländisch, Lateinisch und Griechisch (aber mit dem Wörterbuch immer neben mir); ich verstehe einige deutsche Dialekte; ich studierte die Grammatik: Ungarisch, Arabisch, Sanskrit, Litauisch, Polnisch, Tupí, Hebräisch, Japanisch, Tschechisch, Finnisch, Dänisch; ich habe mich in mehreren anderen versucht. Aber nur auf der einfachsten Ebene. Und ich denke, dass den Geist und den Mechanismus anderer Sprachen zu studieren, sehr hilft, tiefer die eigene Sprache zu verstehen. Im allgemeinen studiere ich jedoch, weil es mir Spaß macht, aus Begierde und zur Zerstreuung." Warscheinlich aufgrund dieser Fähigkeit erwarb er sich den Ruf, ein bedeutender Sprachschöpfer zu sein. Allerdings hieß es, selbst für Brasilianer sei er sehr schwer zu lesen, weil er auf der einen Seite viel mit Dialekt arbeitete, andererseits aber eben auch keine Skrupel hatte, eigene Ausdrücke zu kreieren, wenn ihm seine Sprache nicht auszureichen schien.

Sein Roman "Nach langer Sehnsucht und langer Zeit" stammt aus dem Romanzyklus "Corpo de baile", ist aber in sich geschlossen. Er spielt, wie alle Romane des Zyklus in den Campos Gerais, den Hochebenen des Staates Minas Gerais im Südosten Brasiliens. Die Leute fernab der Zivilisation sind einfach gestrickt, verwurzelt in archaische Gesetze, überzeugt von der Wirkung von Zauberformeln und Ritualen.

Es geht um Tugend und Sinnlichkeit, um die Versuche des Gutsherren Io Liodoro, der mit zwei Töchtern und einer Schwiegertochter auf einer Fazenda (einem landwirtschaftlichen Großbetrieb) lebt, die Familienehre aufrecht zu erhalten und dabei sein eigenes Doppelleben nicht auffliegen zu lassen.

Titel Nach langer Sehnsucht und langer Zeit : Roman / João Guimarães Rosa. [Aus d. Portugies. von Curt Meyer-Clason]
Person(en) Rosa, João Guimarães
Ausgabe Ungekürzte Ausg.
Verleger München : Deutscher Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr 1969
Umfang/Format 226 S. ; kl. 8
Gesamttitel dtv[-Taschenbücher] ; 543
Einheitssachtitel Buriti ‹dt›
Anmerkungen Lizenz d. Verl. Kiepenheuer u. Witsch, Köln, Berlin
ISBN/Einband/Preis kart.
Zustand gut erhalten
Katalog-Linkhttp://www.shakespeare-and-more.com/catalog/joao-guimaraes-rosa-nach-langer-sehnsucht-und-langer-zeit-p-1782.html

Rafik Schami: Erzähler der Nacht


Rafik Schami ist in Deutschland mittlerweile ziemlich gut bekannt. Der 1946 in Damaskus geborene Schriftsteller lebt seit 1971 in Deutschland und wurde schon mit seinen ersten Büchern "entdeckt". Sein Stil ist deutlich von der mündlichen Tradition arabischer Märchen geprägt, einfach, plastisch, bildstark. Gerade in seinen frühen Büchern thematisiert er häufig auch das Erzählen selbst, so auch in diesem Roman, "Erzähler der Nacht":

Salim ist der beste Geschichtenerzähler von Damaskus, bzw. er war es, denn "er, dessen kleines Zimmer sich durch den zauber seiner Worte in ein Meer, eine Wüste oder einen Urwald verwandelten, wurde von heute auf morgen stumm." Das war das Werk einer Fee, die ihn - ohne dass er es wusste - über all die Jahre begleitet und ihm treu zur Seite gestanden hatte. Nun offenbahrt sie ihm, dass nur sieben einzigartige Geschenke ihm seine Stimme zurückgeben würden. Zum Glück wissen seine Freunde bald, welche Geschenke es sind, die den Bann zu brechen vermögen. Und so erzählen sie Salim ihre Lebensgeschichten, ihre Schicksale, von Unterdrückung und Widerstand, von Unrecht, Hoffnung und Rettung.

Natürlich sind auch diese Lebensgeschichten ebenso märchenhaft wie realistisch. "Ich wollte einmal alle Möglichkeiten des Erzählens in einer Geschichte versammeln", sagte Schami einmal über Erzähler der Nacht. "Zunächst hielt ich das für unmöglich, abe rnach vielen Versuchen ist es mir gelungen, alle auf der erde bekannten Erzählkünste in diesem Buch zu verstecken. Nicht einmal die Art, wie das Feuer dem Holz erzählt, ist mir entkommen."

Titel Erzähler der Nacht / Rafik Schami
Person(en) Schami, Rafik
Ausgabe Ungekürzte Ausg., 5. Aufl.
Verleger München : Dt. Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr 1996
Umfang/Format 273 S. ; 18 cm
Gesamttitel dtv ; 11915
Anmerkungen Lizenz des Verl. Beltz & Gelberg, Weinheim, Basel
ISBN/Einband 3-423-11915-2 kart.
Schlagwörter Damaskus ; Alltag ; Unterdrückung ; Widerstand ; Jugendbuch
Zustand gut erhalten
Katalog-Linkhttp://www.shakespeare-and-more.com/catalog/rafik-schami-erzaehler-der-nacht-p-1781.html

Rafik Schami: Eine Hand voller Sterne


Und noch ein Schami, der erste, den ich damals in die Hände bekam und der mich gleich faszinierte. Eine hand voller Sterne ist ein autobiografisch gefärbter Jugendroman, aufgemacht als Tagebuch. Darin erzählt er von seiner Jugend in Damaskus, von der ersten Liebe, von seinem Traum, einmal Journalist zu werden, und von seiner Bande Die Schwarze Hand, mit der er gegen das Unrecht in seiner Stadt ankämpfen will.

Gegen seinen Willen nimmt ihn sein Vater von der Schule und steckt ihn in als Lehrling in die eigene Bäckerei. Erst als der namenlose junge Ich-Erzähler auf die Idee kommt, die Backwaren selbst auszuliefern, kann er sich aus der Enge der Backstube befreien und nicht nur neue Kunden gewinnen, sondern eben auch neue Freunde. Zu denen gehört der Journalist Habib, der ihm alles beibringt, was man zum Schreiben braucht. Gemeinsam gründen sie eine Untergrundzeitung, die kritisch über die politische Situation in Damaskus berichtet. Die Sache fliegt auf und Habib wird verhaftet und gefoltert. Aber das politische Bewusstsein des Jungen ist nun erwacht. Zusammen mit seinen Freunden führt er das Projekt weiter.

Letztlich sind es dieselben Themen wie im Erzähler der Nacht: Der Alltag in Damaskus, das erwachende politische Bewusstsein, das Gespür für Unterdrückung und der Widerstand dagegen. So ist das Buch Entwicklungsroman und politischer Roman in einem.

Titel Eine Hand voller Sterne : Roman / Rafik Schami
Person(en) Schami, Rafik
Verleger Frankfurt am Main ; Wien : Büchergilde Gutenberg
Erscheinungsjahr [1989 ?]
Umfang/Format 198 S. ; 22 cm
Anmerkungen Lizenzausg. d. Beltz Verl., Weinheim u. Basel
ISBN/Einband/Preis 3-7632-3523-X (nur für Mitglieder)
Schlagwörter Damaskus ; Alltag ;  Unterdrückung ; Widerstand ; Jugendbuch
Zustand gut erhalten
Katalog-Linkhttp://www.shakespeare-and-more.com/catalog/rafik-schami-eine-hand-voller-sterne-p-1780.html

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