Freitag, November 23, 2012

Frisch ausgepackt, 23.11.2012

Wieder einen Karton abgearbeitet. Spannende Fundstücke. Wahrscheinlich könnte ich mich allein mit diesem Karton für ein Jahr Urlaub zurückziehen, ohne dass mir dabei langweilig würde. Da ist etwa Vikram Seths knapp zweitausend Seiten starker Indienroman Eine gute Partie, der anhand einer Familiengeschichte das Panorama eines ganzen Landes aufrollt. »Seth verfügt über ein erzählerisches Naturtalent, einen ordnenden Intellekt, eine überbordende Phantasie und eine virtuose Beherrschung der englischen Sprache«, hieß es seinerzeit in der Zeit über das Buch. Heirat von jungen Leuten, die sich kaum kennen, scheint in Indien - zumindest in der Zeit, über die Seth schreibt - ziemlich normal gewesen zu sein. Der Klappentext zumindest lässt ein wenig Bollywood aufleuchten, mit Tänzen und tiefen Emotionen.

Oder, ganz das Gegenteil, ein kleiner Russlandroman, von Claude Anet, den ich bisher noch nicht wirklich gewürdigt habe. Sein Roman Ariane ist seinerzeit von Billy Wilder verfilmt worden, mit der grandiosen Audrey Hepburn in der Hauptrolle. Eigentlich sträflich, dass ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen habe. Ein junges Mädchen, siebzehn Jahre jung, verliebt sich und macht, um den jungen Mann zu beeindrucken, auf erfahren. Geht natürlich furchtbar in die Hosen. Nach Erscheinen des Buches wurde die junge Ariane zum Schwarm einer ganzen Generation, ein wenig wie seinerzeit Werther zum Vorbild für etliche Männer wurde. Das ganze vor der Kulisse des Moskauer Winters, eigentlich die ideale Lektüre für die kommende Jahreszeit.

Besonders ins Auge gestochen sind mir noch zwei Bände der Flanagan-Reihe von Andreu Martín und Jaume Ribera. Die beiden spanischen Autoren habe eine Krimireihe um den Detektiv Flanagan aus Barcelona geschrieben, und in der Kiste befanden sich gleich zwei Bände. Ich weiß nicht, warum, aber so etwas weckt in mir immer die Lust zu lesen. Die Serie umfasst mindesten sechs Bücher, erschienen auf Deutsch im Jugendbuchverlag Beltz und Gelbert. Mit Flanagan Blues Band und Wasch dir nicht die Hände, Flanagan  habe ich die Bände Drei und Vier der Reihe bei mir zu Hause stehen. In Flanagan Blues Band geht es um einen erdrosselten Priester - und um einen erfahrenen Kollegen Flanagans, der sich sehr sonderbar verhält. Und in Wasch dir nicht die Hände, Flanagan scheint Rassimus eine wichtige Rolle zu spielen. Ich bin auf beide Bände gespannt. Ist jemand unter den Lesern hier, der die Reihe schon kennt?

Ebenfalls spannend finde ich zwei Bände von Marion Zimmer Bradley. Ihr wisst schon, Nebel von Avalon und so ... Das eine ist ein großformatiger englischsprachiger Band, dessen Inhaltsangabe sich ziemlich spannend liest. In The Forest House erzählt sie einmal mehr vom Zusammenprall zweier Welten, der der Priesterinnen in den Wäldern Englands und der der Römer, die als Eindringlinge kommen und dem alten Glauben den Krieg erklärt haben. Dumm nur, dass sich die Priesterin Eilan in einen der Römer verliebt. - Spannender noch ist allerdings ein Band mit drei Kurzgeschichten von Bradley, dazu Essays zu verschiedenen Aspekten ihrer Darkover-Serie sowie ein Rückblick der Autorin auf die Entstehung des Darkover-Universums. Gerade als Autor finde ich solche Bücher, in denen andere Schriftsteller über die Entstehung ihrer Werke reden, immer besonders lesenswert.

Ursprünglich gar nicht in der Kiste, von mir aber in einem Anfall von Aufräumwut gleich mitkatalogisiert ist Sebastian Fitzeks Roman Das Kind. War ganz lustig zu lesen, zumal das Ding ja jetzt verfilmt wurde und daher noch mal für neue Aufmerksamkeit sorgte. Aber irgendwie habe ich auch nicht das Gefühl, ich müsse mir nun mehr von Fitzek holen. Der Roman ist routiniert runtergespult, das Thema Organhandel habe ich aber schon an anderer Stelle eindrücklicher umgesetzt gesehen. Irgendwie verschwimmt jeder politische Ansatz bei Fitzek hinter dem Versuch, möglichst spannend zu schreiben. Da helfen auch ein paar gute Ideen und Sätze nicht weiter. Finde ich. Für einen Moment rettet noch die Ausgangsfrage, warum sich ein kleines Kind für den Mord an Leuten zuständig fühlt, die lange vor seiner Geburt umgebracht wurden. Nur - so viel sei verraten - hat das eine Thema mit dem anderen nun so gar nichts zu tun. Mag man kunstvoll finden, wie er beides verknüpft - mich hat es ein wenig enttäuscht.

Last, not least einmal Henry Miller. Wieder so eins jener Bücher, die ich hier nur  einstelle, weil ich inzwischen mehre Exemplare habe: Wendekreis des Krebses. Ich mag ja ohnehin alles, was irgendwie mit Paris zu tun hat. Und jene Atmosphäre des Aufbruchs, als Paris von Amerikanern überlaufen ist, die wegen des günstigen Wechselkurses hier leben und davon träumen, anerkannte Künstler zu werden, fasziniert mich besonders. Die Frage, ob all das, was er da zu Papier bringt, wirklich autobiografisch ist, lasse ich mal links liegen. Ich mag seine freche Art, über Dinge zu schreiben. Und die Selbstverständlichkeit, mit der er das Leben genießt. Einst stand es auf dem Index verbotener Bücher, mittlerweile ist es aber frei zugänglich. Eine Ode an das Leben, die Liebe und - bien sûr - an das Paris der Dreißiger Jahre.


Wie immer finden sich alle Bücher, die ich heute in Händen gehalten - neben den hier vorgestellten noch etwa 20 weitere Titel - in der Liste Neu reingekommen. Ich werde mich in Zukunft darauf beschränken, hier im Blog eine kleine Auswahl an "Highlights" vorzustellen, und die ganzen bibliografischen Angaben dem Katalog vorbehalten. Google mag keine Dubletten, macht also keinen Sinn, sämtliche Inhalte doppelt zu posten. Ihr kennt den Trick: Die orange hervorgehobenen Begriffe hier im Blog enthalten den Link zur jeweiligen Seite im Katalog des Antiquariats "Shakespeare and more", meinem kleinen Internetbuchladen. Also, à demain!


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