Montag, November 05, 2012

Klaus-Peter Wolf: Sklaven und Herren

Klaus Sträußen hat ein Problem. Irgendwie ist er in die Fänge von Yogi geraten, der aufgrund seiner Stärke und seines selbstbewussten Auftretens in der Schule ohnehin macht, was er will. Nun ist Klaus sein Sklave. Wenn Yogi sagt, er soll vom 10er-Brett springen, dann macht er das. Notfalls auch ohne Badehose. Denn Yogi hat angekündigt, Inga, der Schwester von Klaus, die Finger zu brechen, falls er nicht mitspielt. Und Klaus weiß, dass Yogi skrupellos genug ist, dies auch in die Tat umzusetzen. Dabei ist Inga eine begabte Klavierspielerin. Und für das Ende ihrer Karriere will Klaus nicht verantwortlich sein.

Dabei ist Yogi kein Einzelfall an der Schule. Via Handy werden die neusten Mutproben der Sklaven aufgenommen und untereinander getauscht. Die Methode, bei der aus Schülern unterwürfige Befehlsempfänger werden, ist immer die gleiche: Die Jugendlichen werden mit Gewalt gezwungen, etwas zu tun, was besser nie ans Licht kommt. Dabei werden sie gefilmt. Damit diese Filme nicht ins Netz kommen, tun die Sklaven so ziemlich alles, was von ihnen verlangt wird.

Als Tina dahinter kommt, was ihr Bruder für sie durchmacht, beschließt sie, sich selbst Yogi als Sklavin anzubieten und dafür Klaus freizubekommen. Das geht natürlich schief. Aber inzwischen hat die Gruppe um Lina und Doro, Jan und Tim sich der Sache angenommen. Die Vier hatten bereits im letzten Sommer einen Fall geknackt. Nun haben sie die glohrreiche Idee, dass sich auch Doro als Sklavin anbieten könnte, um so zu belastendem Material über Yogi zu kommen.

Cyber-Mobbing und Gewaltstrukturen an Schulen sind ein wichtiges Thema. Insofern gefiel mir die Idee, dies in Romanform für Jugendliche aufzuarbeiten und nach Möglichkeit Lösungen zu präsentieren. Ich hatte mir den Film "Sklaven und Herren" unter der Regie von Stefan Kornatz angesehen und war nun gespannt auf das Buch. Denn in aller Regel ist dort mehr Platz für Reflexionen und Gedanken als in einem Spielfilm.

In diesem Fall jedoch war ich enttäuscht. Klaus-Peter Wolf versuchte offensichtlich, einen Detektiv-Club im Stil von Enyd Blyton zu etablieren, springt aber so oft in der Erzählperspektive, dass es schwer ist, sich mit einzelnen Charakteren zu identifizieren. Auch die Rückgriffe auf den "ersten Fall" stören eher, weil sie ohne Zusammenhang kaum verständlich sind und zu offensichtlich als Werbeeinlage für den Kauf des ersten Bandes der Serie dienen. Dafür zieht Klaus-Peter Wolf in "Sklaven und Herren" die Spannungsschraube gehörig an, gepaart mit einer schüchternen Prise Sexualität, die jugendgerecht wirken soll, angesichts der Zugangsmöglichkeiten der Zielgruppe zu Internet-Pornographie aber irgendwie auch ein wenig verklemmt daherkommt.

Inhaltlich wirkt der Roman wie eine Vorübung zum Film. Einige Motive sind angedacht, aber noch nicht ausgebaut. Viele Handlungsstränge tauchen im Buch gar nicht auf. Vor allem Yogi selbst bleibt im Roman noch relativ blass. Letztlich sind es nur wenige Absätze, die tiefer in das Dilemma hineinführen. Yogi erinnert sich darin an sein eigenes Vorbild, einen Schüler namens Sandokan. Der hat ihm einst erklärt, wie gute Opfer zu erkennen sind. Und warum psychologische Barrieren oft verhindern, dass diese sich wehren.

Lösungsansätze zeigt Klaus-Peter Wolf in "Sklaven und Herren" zwar auf, doch verschwimmen die ein wenig in der Geschichte um die vier Jungdetektive, die insgesamt nur mittelbar mit dem Geschehen zu tun haben und folgerichtig für die Filmversion komplett herausgestrichen wurden. So gibt es einen ehemaligen Polizisten, den Opa von Lina, der die Kids mehrmals warnt, die Sache selber regeln zu wollen. Das sei eine Nummer zu groß für sie. Aber natürlich nehmen sie die Auflösung trotzdem selbst in die Hand und geraten dabei schließlich sogar in Lebensgefahr.

Empfehlenswert scheint mir das Buch, da es das wichtige Thema Cyber-Mobbing, Erpressung und Gewalt an Schulen jungendgerecht aufarbeitet. Da die Geschichte mit diversen Subplots spannend gestrickt ist, stört der fade Geschmack mancher Szenen zunächst nicht sonderlich. Dass die Erwachsenenwelt eingeteilt ist in nichts ahnende Eltern, liebe verständnisvolle Großeltern und teils überhebliche, teils einfühlende Polizisten, hat mich persönlich auch nicht überzeugen können. Gerade bei Klaus-Peter Wolfs Anspruch, mit "Sklaven und Herren" einen realistischen Jugendroman zu verfassen, scheint mir die Charakterzeichnung dann doch zu platt und klischeehaft. Ein wirklich überzeugender Roman zum Thema ist ihm jedoch hier nicht gelungen.

Titel Sklaven und Herren / Klaus-Peter Wolf
Person(en) Wolf, Klaus-Peter
Ausgabe [3. Aufl.]
Verleger München : ArsEd.
Erscheinungsjahr [2009]
Umfang/Format 173 S. : Ill. ; 19 cm
Gesamttitel Treffpunkt Tatort
ISBN/Einband/Preis 978-3-7607-5155-9 kart. : EUR 6.95 (DE), EUR 7.20 (AT), sfr 12.90 (freier Pr.)
EAN 9783760751559
Sprache(n) Deutsch (ger)
Schlagwörter Köln ; Jugendbande ; Erpressung ; Clique ; Aufklärung ‹Kriminologie› ; Jugendbuch

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