Donnerstag, November 29, 2012

Le Chat Noir - Boheme in Paris

Nur mal kurz zwischendurch, weil ich gerade beim Surfen drüber gestolpert war: Das Bild mit der schwarzen Katze, das in meinem Blog links der Textspalte hängt, stammt von Théophile-Alexandre Steinlen und war ursprünglich ein Veranstaltungsplakat für das Kabarett "Le chat noir" („Die schwarze Katze“) am Fuß des Montmartre. Es öffnete seine Tore am 18. November 1881. Gegründet hatte es Rodolphe Salis (1851-1897), der eigentlich als Maler und Graphiker lebte.

"Le Chat Noir", das seinen Namen Edgar Allan Poes gleichnamiger Geschichte verdankt, gilt das als erstes literarisches Kabarett überhaupt, war aber deutlich mehr als das. Die gesamte künstlerische Elite der Stadt gab sich damals dort ein Stelldichein. Von dort gingen viele neue Impulse aus. Die schwarze Katze war nicht nur ihr Treffpunkt, sondern auch ihr Symbol: nachtaktiv, geheimnisvoll, verführerisch, verspielt und unabhängig - so sah sich die Boheme jener Tage.

Viele illustre Kreative jener Tage verkehrten dort: Adolphe Willette, Caran d’Ache, André Gill, Emile Cohl, Paul Bilhaud, Sarah England, Paul Verlaine, Henri Rivière, Claude Debussy, Erik Satie, Charles Cros, Jules Laforgue, Charles Moréas, Albert Samain, Louis Le Cardonnel, Coquelin Cadet, Emile Goudeau und Jane Avril waren dort regelmäßig zu Besuch.

Dass "Le chat noir" 1897 schloss, dürfte am Tod seines Besitzers gelegen haben, den die Tuberkulose dahinraffte. Aber das ist nur eine Vermutung aufgrund der Jahreszahl. Falls einer von euch zufällig eine Biographie von Salis hat und Näheres weiß, würde ich mich über eine Info freuen.

Andrea Jennert: La mer. Die Liebe der Emma Debussy



Romane aus der Zeit des "Chat noir" sind selten. Bei meinen Recherchen bin ich eben über den relativ neuen Roman La Mer. Die Liebe der Emma Debussy von Andrea Jennert gestoßen (erschienen Okt. 2011). Über den heißt es im Verlagstext: "Emma und Claude trafen sich das erste Mal 1904. Die Liebe zur Musik führte ihre Wege von da an immer wieder zusammen. Nur wenige Jahre später, ließen Sie schließlich ihr bisheriges Leben hinter sich, entgegen aller Widrigkeiten fest entschlossen, ihr Leben fortan gemeinsam zu verbringen. Doch was sie verband, stellt sich den beiden plötzlich in den Weg. Claudes musikalisches Genie bestimmt sein Leben und bald auch das Ihrige. Während Claude sich immer mehr in einem Schaffensrausch verliert und auf Konzertreisen geht, zieht sich Emma weiter zurück. Ihre Liebe steht vor einer harten Prüfung, selbst die Geburt ihres gemeinsamen Kindes Chouchou kann daran nichts ändern. Nur in der Musik, so scheint es, liegt die Hoffnung auf eine neue Liebe. Andrea Jennert hat mit ihrem Buch ein einfühlsames Porträt einer Beziehung, einer Zeit und einer Musik geschaffen, die den Leser in ihren Bann ziehen.
Vor Claude Debussys 150. Geburtstag 2012 erscheint dieses Buch mit Auszügen aus seinen Originalbriefen und zeigt einen der bedeutensten Komponisten Frankreichs von seiner schönsten Seite."

Ihr merkt, ich bin sehr an dieser Zeitepoche interessiert. Falls ihr also einen Tipp für einen spannenden Pariser Fin de Siècle-Roman habt, in dem der Montmartre und vielleicht sogar das "Chat noir" eine Rolle spielt (und ich meine jetzt nicht Bücher wie "Interview mit einem Vampir"), dann immer her damit!

Ein Geheimtipp zum Thema, wenn auch ein nicht ganz ernst zu nehmender, scheint mir folgender gerade erschienener Roman von Christopher Moore zu sein:

Christopher Moore: Verflixtes Blau



Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber es kommt wohl ebenso wie La mer auf meine Weihnachtsleseliste. Christopher Moore ist ja spätestens seit "Die Bibel nach Biff" auch hier in Deutschland bekannt. Nicht alle seine Romane finde ich genial, aber wenn er sich die impressionistischen Maler vom Montmartre um 1890 vorknöpft, will ich zumindest wissen, was dabei herauskommt. Und die ersten Leserrezensionen klingen vielversprechend: "Es enthält wieder diesen für Moore typischen schwarzen Humor, beißenden Sarkasmus und einfach herrlich lustige Metaphern!", heißt es etwa.

Inhaltlich geht es um den Tod Vincent van Goghs. Henri Toulouse-Lautrec ist entsetzt und macht sich auf die Suche nach den Hintergründen. Und stößt - historisch eher spekulativ - auf Gerüchte, dass ein rätselhafter Farbenmann arglose Künstler verfolge. Zusammen mit dem Bäcker Lucien Lessard versucht Toulouse-Lautrec, das blaue Mysterium aufzuklären. Klingt ein wenig, als würde man parallel zu Caesars "Gallischem Krieg" eine Runde "Asterix" lesen: Zeit und Hauptpersonen stimmen irgendwie, der Rest ist einfach nur amüsant. Aber der Roman Verflixtes Blau! ist zumindest ein Versuch zu erklären, warum die Farbe Blau in van Goghs Bildern derart rar ist.

Bin übrigens gespannt, ob das Kabarett "Le chat noir" in dem Roman vorkommt.


Emile Zola: Nana

Kurz vor Eröffnung des "Chat noir", im Jahr 1880, erscheint einer der wichtigsten Romane Emile Zolas. "Nana" beginnt in unmittelbarer Nähe des Cabarets am Montmartre, im Théâtre des Variétés am Boulevard Montmartre 7. Dort wird die Premiere des Stücks „Die Blonde Venus“ aufgeführt, mit Nana in der Titelrolle:
"Noch ist sie in Paris eine Unbekannte, die noch dazu weder über eine schöne Stimme noch über schauspielerisches Talent verfügt. Doch sie besitzt etwas, das die Herren ihre Operngläser auf sie zu richten zwingt, wenn sie beim Singen ihren Körper wiegt: sie verbreitet um sich einen Duft des Lebens, der Allmacht des Weibes, und berauscht das Publikum, bis dieses erregt und erschöpft scheint, von einem Rausch ergriffen und von Verlangen erfüllt. Und angesichts dieser fünfzehnhundert unterejochten, erschöpften Menschen steht nana siegreich da in der Allmacht ihres Marmorleibes, um diese ganze Welt in Trümmer zu legen und inmitten des allgemeinen Verderbens allein aufrecht zu  bleiben. Dies ist der Beginn der steil aufsteigenden 'Karriere' einer talentlosen kleinen Schauspielerin, die sich zur Kurtisane großen Stils entwickelt, die mit der naiven Selbstverständlichkeit eines Kindes, das zu früh mit der Verderbtheit der Welt bekannt wurde, ihre Liebhaber wechselt." (Klappentext)

»Ich habe gestern den ganzen Tag bis halb 11 Uhr nachts damit zugebracht, ›Nana‹ zu lesen und ich habe die ganze Nacht darüber nicht schlafen können ... Es wimmelt nur so von echten Ausdrücken, und zum Schluß der Tod ist ganz Michelangelo! Ein enormes Buch, mein Lieber!«, schrieb Gustave Flaubert seinerzeit begeistert an den Autor Emile Zola.

Obwohl der Roman von Zeit und Ort her zum Thema dieses Threads passt, spielt er doch die meiste Zeit über nicht im Künstlermilieu, sondern im Großbürgertum, in dem sich Nana zu behaupten sucht. Eindrucksvoll jedoch auch die Passage, in der sie sich mit dem Schauspieler Fontan zusammentut und für kurze Zeit versucht, wahre Liebe zu leben. Da taucht sie kurz auf, die Bohème jener Tage mit ihrer alles verschlingenden Armut und den großen Hoffnungen. Ein Künstlerroman ist das Buch hingegen nicht. Würde ich behaupten.


Henri Murger: Das Leben der Bohème


Über die Künstlerclique  in Paris gibt es eine Menge schöner Bücher. Allen voran natürlich "Boheme" von  Henri Murger, die Geschichte vierer befreundeter Künstler, die in einer Dachkammer in Paris versuchen, mit einigen Tricks den Winter zu überstehen. Pfiffig erzählt, mit einem Schalk im Nacken, der mich ein wenig an den Stil Gábor von Vaszarys erinnerte. Und lange nicht so düster wie die Oper, die Puccini aus dem Stoff gemacht hat.
Im Klappentext heißt es: "Murger (1822-1861) war selbst einer jener hungernden und liebenswürdig verbummelten Künstler und Liebhaber des Pariser Quartier Latin, die die Hauptpersonen seines Buches sind: Der Musiker Schaunard, der Philosoph und Bücherfreund Colline, der Dichter Rudolf und der Maler Marcel. Sie alle 'gehören zur Rasse der eigenwilligen Träumer, für die die Kunst einen Glauben und nicht ein Handwerk bedeutet'." Natürlich gibt es in dem Buch auch eine Liebesgeschichte, eigentlich sogar zwei. Aber Beziehungen in Künstlerkreisen stehen unter keinem guten Stern, zumal, wenn diese von Luft und Liebe leben müssen.
(Bei genauerem Betrachten der Jahreszahlen wird euch auffallen, dass Murgers Roman natürlich entstand, bevor das "Le Chat noir" aufmachte. Und genaugenommen spielt die Geschichte auch nicht am Montmarte, sondern im Studentenviertel, dem Cahier Latin. Trotzdem ist es wohl nicht möglich, über die Pariser Künstlerszene des 19. Jahrhunderts zu reden, ohne zumindest auf Murger hinzuweisen.)


Grob in diesem Millieu, wenn auch nicht passgenau in dieser Zeit spielen auch folgende Titel:

Stephen Longstreet: Montmartre - ein Utrillo-Roman

Der 1883 geborene Maurice Utrillo war ein französischer Maler, ganz Künstlernatur, früh schon dem Suff ergeben. Lange trieb er sich unter den Künstlern am Montmartre herum. In dem Roman Montmartre hat der amerikanische Autor Stephen Longstreet (1907-2002) ihm ein Denkmal gesetzt.

"Als er am 5. November 1955 starb, im Alter von 72 Jahren und erfüllt von tiefer Frömmigkeit hatten seine eigentümlich leuchtenden, genial-einfachen Bilder der Straßen, Plätze, Häuser und Treppen von Montmartre die Welt erobert.
Wie es aber einst dazu kam, wie aus dem scheuen, von seltsamen Traumbildern verfolgten Knaben der große Maler Utrillo wurde, davon erzählt dieses Buch. In kühn herausgegriffenen , mit raschem Pinselstrich hingeworfenen Szenen wird die in ihrem Glanz und ihrem Elend einzigartige Welt der Bohème rings um die Kirche Sacré Coeur auf dem Montmartre lebendig: mit ihren Malern und Dichtern, mti all denen, die damals jung, unbekannt und hungrif waren und heute zu den Meistern des Jahrhunders gehören.
Den Mittelpunkt im Leben des Malers Utrillo wie in diesem Buch nimmt immer wieder die faszinierende Persönlichkeit der Suzanne Valadon ein; mit den Wehen bei der Geburt ihres vaterlosen Kindes beginnt es, und mit ihrem schweren Sterben endet es. Die Kunstgeschichte kennt nur wenige so erschütternde Augenblicke wie jenen, da die Malerin Suzanne, Freundin und ehemaliges Modell der Impressionisten Renoir, Degas, Toulouse-Lautrec, ihrem Sohn den Pinsel in die Hand drückt, um ihn vor dem Alkohol zu retten. Dem verstörten jungen Maurice öffnet sich dadurch langsam das Tor in seine eigene Welt; er lernt die einzige Sprache, in der er sich ausdrücken, sich bereien kann.
Er, der Einsame, findet Gefährten. Der junge Picasso verhilft einer neuen Kunst zum Leben, und der rauschsüchtige Modigliani läßt auf seiner Fahrt in den Abgrund des Todes Bilder von überraschendem, nie gesehenen Reiz hinter sich: leuchtende Spur eines Meteors.
Dem oberflächlichen Betrachter mag manches im leben dieser Menschen abstoßend erscheinen: die Übersteigerung ihrer Gefühle, die jähen Stimmungswechsel, ihr wirres Liebesleben, ihre Triebhaftigkeit, die Absage an die bürgerliche Ordnungen. Aber wenn wir tiefer hineinblicken in diese Gesichter, gewinnt uns der rührende Zug nackter Ehrlichkeit, der darin offenbar wird, die Verlorenheit dieser ewigen Kinder und ihre wahre Größe und Menschlichkeit, deren unsterbliches Zeugnis ihr Werk ist." (Klappentext)

André Salmon: Montmartre - Montparnasse. Das Leben des Malers Modigliani


Modigliani habe ich ja eben schon im Zusammenhang mit Utrillo erwähnt. Hier also der Roman seines Lebens aus der Feder seines Entdeckers, André Salmon: Montmartre Montparnasse. Salmon war Anfang des 20. Jahrhunderts Teilnehmer an diversen literarischen Zirkeln rund um das Quartier Latin. Dort traf er den jungen, noch unbekannten Schriftsteller Guillaume Apollinaire und gründete zusammen mit ihm und anderen jungen Künstlern eine Künstlergruppe. 1904 zog er in das Atelierhaus Bateau-Lavoir, in dem Picasso, Max Jacob, Kees van Dongen, Apollinaire und andere Künstler wohnten. Amedeo Modigliani und Jean Cocteau gehörten zu seinem Freundeskreis.

"Der heute beinahe achtzigjährige André Salmon ist wohl der letzte Überlebende des engen Freundeskreises um den maler Amadeo Modigliani. Er entdeckte den Künstler und hat seine schicksalhafte Laufbahn aus nächster Nähe verfolgt. So ist das jetzt vorliegende Werk des großen Kritikers und Essayisten, der heute in Frankreich so berühmt ist wie wie seine Freunde Picasso oder Cocteau, nicht allen Biographie oder Roman, sondern in erster Linie das Erinnerungsbuch eines Augen- und Ohrenzeugen, mit hohem dokumentarischem Wert und kaum zu überbietender Kenntnis des damaligen Pariser Milieu und seiner Hauptfiguren.
"Amadeo Modigliani wurde 1884 in Livorno geboren und starb 1920 in Paris. Schon früh studierte er an den Akademien von Florenz und Venedig. Im Jahre 1907 kam er nach Paris. eine aristokratische und etwas melancholische Schönheit zeichnete ihn aus. Die Uberkulose, die später seinen körper verwüsten sollte, hatte ihn schon damals befallen. Schnell wurde er eine der auffallendsten Erscheinungen unter den exzentrischen jungen Malern, die den Montmartre bevölkerten, sehr schweigsam, außerordentlich begabt, unablässig sein Quartier wechselnd, aber auch an den ästhetischen Streitgesprächen und Kämpfen teilnehmend, bildhauernd, malend.
Seine lange und schlanke Gestalt tauchte auch an jenen orten auf, die Toulouse-Lautrec, dessen Werk Modigliani sehr bewunderte, aufgesucht hatte. 1913 verließ Modigliani "La Butte" und begann am Montparnasse seine unruhe und seine Trunkenheit auszutoben, ein heruntergekommener junger Mensch voller Alkohol und Talent, der seine Gaben und sein Geld verschwendete. Wie ein Strandgut trieb Modigliani von Café zu Café, von Mansarde zu Mansarde. Beatrice Hastings, eine englische Dichterin, lernt ihn kennen und unterstützt ihn einige Zeit. Aus dem Atelier Kislings wechselt er zu Zborowsky über. Zborowsky selbst war nicht mit Gütern gesegnet und verzichtete nun auf alles, nur um es Modigliani zu ermöglichen, die akte und Gesichter zu malen, um die sich säter Museen und Sammler streiten sollten, Zborowsky stellte auch die Bilder Modiglianis aus. Damals stießen sie nur auf Empörung. Es gab Skandale, die Polizei musste eingreifen. Modigliani lernte ein junges Mädchen kennen, das er heiratete; sie schenkt ihm ein Kind. Wird dieser Unruhige nun endlich Ruhe finden? Ach nein, das Fieber verzehrt ihn. Er stirbt mit 36 Jahren im Hospital. An seinem Begräbnis - André Salmon und Kisling kümmern sich um alles - stürzte sich seine Frau aus dem fünften Stockwerk auf die Straße und blieb zerschmettert liegen.

Dieses einmalige Leben ist von André Salmon sehr freimütig und überzeugungskräftig beschworen. Es ist gleichzeitig ein großartiges Spiegelbild des vielfältig verflochtenen Kunstlebens jener Zeit und der Leser erlebt mit einer atemberaubenden Vehemenz das damalige Paris, alle Enge des Montparnasse und Montmartre, die zugelich Weltweite umfasst." (Klappentext)

Nachtrag 29.12: Mehr zum Thema Pariser Boheme der Jahrhundertwende gibt es in dem Blog-Post: Nachtrag zum Chat Noir und meiner Rezension zu Christopher Moore: Verflixtes Blau!, die mittlerweile auch online ist.

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