Freitag, Dezember 14, 2012

Antiquare als Ermittler

Derzeit gibt es auf audible.de kostenlos das Hörbuch Badete van Veeteren jemals im See von Kumla? Ein Führer durch Hakan Nessers Romanwelt von Eugen G. Brahms als Download. Die informative Reise durch die Nesser-Romane dauert etwas über eine Stunde. Ich habe mir eben das Vergnügen gegönnt. Viele der van-Veeteren-Romane kenne ich, und auch den etwas sperrigen, weil über weite Strecken handlungsarmen Roman Kim Novak badete nie im See von Genezareth habe ich seinerzeit gelesen, um ihn gleich darauf wieder zu vergessen.


Was mich bei den van-Veeteren-Romanen faszinierte, war die Idee des belesenen Antiquars als Ermittler. Wahrscheinlich kennt ihr die Reihe ja: Schon in Band 5 (Der Kommissar und das Schweigen) geht dem Kommissar sein Beruf gehörig auf den Senkel und er sehnt sich nach Urlaub, muss sich aber stattdessen mit Morden in einem Ferienlager herumschlagen. Folgerichtig lässt er sich in Band 6 (Münsters Fall) für zunächst ein Jahr beurlauben und arbeitet stattdessen in einem Antiquariat. Dieses übernimmt er später, als er offiziell in Rente geht. Was ihn nicht daran hindert, ständig als Anlaufstelle für seine Nachfolger bei der Polizei zu fungieren und sich so kräftig in die Ermittlungsarbeit einzumischen.


Wie gesagt: Die Idee des Antiquars als Ermittler gefällt mir. Zwangsläufig muss ich an die Verfilmungen der Wilsberg-Romane von Jürgen Kehrer denken, stellte dann aber schnell fest, dass bei Kehrer der Antiquar in Wirklichkeit lediglich ein Briefmarken-/Münzhändler ist. Auch in der Verfilmungen der Reihe war Wilsberg ursprünglich in dieser Funktion angelegt. Aber wahrscheinlich hat man schnell gemerkt, dass Briefmarken und Münzen wenig bildfüllend sind, so dass man mit dem Wechsel des Darstellers (ursprünglich war es noch Joachim Król, der den Wilsberg gab) auch das Metier wechselte. Schade eigentlich. Die Idee des stets klammen Antiquars, der, um sein Geld aufzubessern, nebenbei als Privatdetektiv arbeitet, gefiel mir.

Bei dem Thema "Antiquar als Ermittler" fällt mir übrigens noch Leonardo Paduras Krimi Der Nebel von gestern ein, der sehr vielversprechend beginnt, sich dann aber in Seitensträngen verliert und ein wenig unübersichtlich wird. Padura schildert darin einen kleinen Antiquar Mario Conde, der ebenso wie van Veeteren früher bei der Polizei arbeitete, dann jedoch, als sein Chef einer Säuberungsaktion zum Opfer fiel, den Dienst quittierte. Er träumt davon, ein Buch zu schreiben, tut aber, um zu überleben, das Nächstbeste und zieht meist mit einem Handkarren um die Häuser, um die Bewohner um ihre überzähligen Bücher zu erleichtern. Als er in einem alten Band eine Notiz über eine erfolgreiche Bolero-Sängerin findet, die sich aus unerfindlichen Gründen aus ihrer Arbeit verabschieden möchte und wenig später tot aufgefunden wird, erwacht Condes Schnüfflerinstinkt und er macht sich auf die Suche, die Zusammenhänge zu recherchieren. Padura zeichnet mit viel Lokalkolorit Havannas Kneipenszene, wo sich ein Großteil der Handlung abspielt.

Irgendwie gehört wohl auch Der Club Dumas von Arturo Pérez-Revertes in diese Reihe, der ebenfalls im Antiquars-Milieu spielt. Während Conde sich jedoch vor allem mit Büchern der jüngeren Vergangenheit herumschlägt und aus ihnen versucht, Geld zu machen, sucht Lucas Corso, Protagonist des Clubs Dumas im Auftrag von Händlern und Sammlern nach seltenen Erstausgaben und gut erhaltenen Wiegendrucken. Eines Tages wird Corso beauftragt, die Echtheit einer Erstausgabe eines alten Romans zu bestätigen, was zunächst nach einer spannenden Aufgabe klingt, bald aber darauf hinausläuft, dass er über Leichen stolpert. Wer immer ein Exemplar der Erstausgabe von  De Umbrarum Regni Novem Portis besitzt, die er als Vergleich heranziehen könnte, kommt kurz darauf ums Leben. Ein Roman um Kunstfälschung und Okkultismus, verfilmt von Roman Polanski unter dem Namen "Die neun Pforten".


Dann gibt es noch den Berner Antiquar Konrad Sembritzki aus der Feder von Peter Zeindler.  Zehn Romane und ein Erzählband um diese Figur sind zwischen 1984 und 2000 erschienen, beginnend mit Die Ringe des Saturns. Eine chronologische Komplettübersicht der Reihe findet ihr bei krimi-couch.de. Sembritzki ist ausnahmsweise mal nicht ehemaliger Kommissar, sondern arbeitete früher als Agent des Bundesnachrichtendienstes. Ich habe die Reihe selbst (noch) nicht gelesen, bin aber neugierig geworden, weil Zeindler immer wieder als sehr intelligenter Autor, der die Genregrenzen gern sprengt, dargestellt wird und wohl immer wieder auch politische Themen aufgreift. Für Mai 2013 ist übrigens ein Doppelband Sembritzki in Neuauflage angekündigt: Die Ringe des Saturn /Der Zirkel beim Reinhardt Verlag, Basel.

Hauptperson eines Romans ist auch der Antiquar Francis Falckenberg in Morton H. Olsens Das Kind aus dem Moor. Allerdings handelt es sich bei Falckenberg eher um einen Ermittler wider Willen. Hier der Klappentext: "Als Francis einige Tage später an einem nebligen Abend vom Antiquariat nach Hause geht, erscheint ihm ein seltsames kleines Mädchen, das er noch nie zuvor gesehen hat. Sie nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zu den vermißten Leichen – um dann genauso unbemerkt zu verschwinden, wie sie gekommen ist. Als Francis den Fundort der Polizei meldet, begegnet die kleine Stadt ihm zunehmend mit Mißtrauen: Ist er der Mörder? Oder ist Magie im Spiel? Und bald darauf erscheint ihm das Kind erneut und führt ihn ins Moor – wo vor fünfundzwanzig Jahren ein kleines Mädchen spurlos verschwand …" Auch Olsen sprengt die Genregrenzen und dringt tief in die psycho-sozialen Verbindungen der fiktiven Stadt Oscarshavn an der Nordwestküste Norwegens ein.

Diese Liste erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls ihr andere Romane im Kopf habt, die hier hereinpassen, würde ich mich über eine Nachricht im Kommentar freuen.

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