Donnerstag, Dezember 06, 2012

Christopher Moore: Verflixtes Blau! [Rezension]

Natürlich konnte ich es nicht lassen! Nachdem ich erfahren hatte, dass Christopher Moore mit „Verflixtes Blau!“ einen Roman geschrieben hat, der im Künstlermilieu des Pariser Fin de Siècle spielt, habe ich mir zunächst das ungekürzte Hörbuch bei audible.de heruntergeladen. Und zwei Tage später, ein wenig aus Frust, ein wenig, weil ich Papier nun mal lieber mag als Bits und Bytes, das Buch besorgt.

Kurz zur Geschichte: Bekannt ist, dass Vincent van Gogh gegen Ende seines Lebens eine ungesunde Liebe zum Absinth entwickelt hat. Was unter anderem darin endete, dass er sich ein Ohr abschnitt und dies als untrüglichen Liebesbeweis gedeutet wissen wollte. Wahnvorstellungen, Albträumen und Depressionen gaben sich bei ihm ihr Stelldichein. Fakt ist, dass er am 27. Juli 1890 mit einer Kugel im Körper in den Gasthof torkelte, in dem er logierte. Dort starb er zwei Tage später. Lange Zeit wurde kolportiert, van Gogh hätte sich selbst das Leben genommen, entweder aus unglücklicher Liebe zur jungen Mademoiselle Gachet, oder weil er seinem Bruder meinte, tot nützlicher zu sein als lebend.

Unstrittig ist auch, dass van Gogh in den Monaten vor seinem Tod in Auvers einen ungewöhnlichen Kreativitätsschub erlebte und jeden Tag ein Bild fertig stellte. Relativ neu ist die Theorie, van Gogh sei in Wahrheit ermordet worden. In dem im letzten Herbst erschienen Buch Van Gogh: The Life stellen die Autoren Steven Naifeh und Gregory White Smith zehn Jahre Van-Gogh-Forschung zusammen und decken einige Ungereimtheiten in Zusammenhang mit dem Tod des Malers auf: Zum einen wurde die Pistole, mit der er sich angeblich erschossen haben sollte, nie gefunden. Der Weg, den er nach seinem versuchten Selbstmord zurückgelegt haben soll, betrug vom Kornfeld zur Gaststätte über 1,5 km. Für einen Mann, der gerade eine Kugel in den Bauch bekommen hat, ist das eine stattliche, um nicht zu sagen ungewöhnliche Strecke.

Christopher Moore hat sich ebenfalls Gedanken um die in der Kunstwelt schon lange bekannten Fakten gemacht. Aber er, der schon immer ein gewisses Faible für das Übersinnliche hatte, kommt naturgemäß zu einem völlig anderen Schluss. Er nimmt den Tod van Goghs in Auvers als Ausgangspunkt für eine ziemlich überdrehte Geschichte, in der ein von der Kunstgeschichte übersehener Maler vom Montmartre zusammen mit Henri de Toulouse-Lautrec versucht, den Tod van Goghs aufzuklären.

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist allerdings weniger Krimi als ein wagemutiger, völlig überdrehter Genremix, der in erster Linie eines ist: saukomisch! Darin geht es natürlich um die Frage, wie ein talentierter Maler in so kurzer Zeit wie van Gogh zahllose Bilder auf die Leinwand bringen kann. Um warum van Gogh in seiner letzten Periode weitestgehend auf die Farbe Blau verzichtete - bzw. sie nur für Nachtbilder einsetzte.

Da das Übernatürliche bei Moore nicht fehlen darf, spielt auch eine sehr wandlungsfähige Muse eine zentrale Rolle, die sich jedoch erst im Laufe des Romans immer deutlicher herausschält. Und es gibt einen kleinen Kauz, genannt „der Farbenmann“, der die Maler am Montmartre mit qualitativ hochwertigen Farben versorgt, vor allem mit dem im Original titelgebenden „Sacré bleu“, einem aus Lapislazuli hergestellten Ultramarin. Bald schon haben Toulouse-Lautrec und sein Künstlerkollege Lessard diesen Farbenmann in Verdacht, für den Tod van Goghs verantwortlich zu sein. Aber es dauert doch über 400 Seiten, bevor sie die Zusammenhänge begreife.

Obwohl alle relevanten Maler jener Epoche zumindest mit einem Cameo-Auftritt in dem Roman vorkommen, ist „Verflixtes Blau!“ alles andere als ein historischer Genreroman. Atmosphäre ist so gar nicht das Spezialgebiet von Christopher Moore, der eher für seine knackigen Dialoge bekannt ist. Wer also dichtes Zeitkolorit sucht, ist hier falsch und sollte eher zu den beiden Romanen „Moulin Rouge“ und „Clair de lune. Sinfonie der Leidenschaft“ von Pierre La Mure greifen.

Die Hörbuchversion von „Verflixtes Blau!“, gesprochen von Simon Jäger, zieht den Roman noch weiter in Richtung Farce. In dem Versuch, den unterschiedlichen Charakteren des Romans eigene Stimmen zu geben, landet Jäger häufig im Bereich der Überzeichnung. Vor allem sein als Louis de Funès-Verschnitt angelegter Toulouse-Lautrec ist äußerst gewöhnungsbedürftig. Wem nicht nach lautem Spektakel zumute ist, sei daher dringend die Lektüre des Buches empfohlen. Dort können immerhin eigene Bilder im Kopf entstehen. Und es ist auch ohne überdrehte Stimmen lustig. Ganz nebenbei befinden sich im Mittelteil des Buches etliche Farbabbildungen jener Bilder, über die im Roman geredet wird. Auch das erdet den Leser.

Der Roman wartet immer wieder mit kleinen Bildungshappen auf, springt dabei munter in den Zeiten, so dass Michelangelo ebenso sein Fett wett bekommt wie die Römer, die im Jahr 122 n.Chr. in Britannien stationiert waren. Eine Sequenz spielt sogar in Pech Merle, Frankreich, 38.000 v. Chr. - für Moore kein Problem, eher schon für den Leser, der bei diesem ganzen Hin- und Hergehopse zwischen den Zeiten der Gefahr ausgesetzt ist, langsam den Verstand zu verlieren.

Dabei ist unterm Strich alles ganz logisch in der kleinen Welt der Künstler, in die Moore hier entführt. Und selbst die Dinge, die auf den ersten Blick doch sehr überdreht wirken, sind in der Realität verankert. So dass nach Ende der Lektüre all die Rätsel um den Tod van Goghs plötzlich gelöst scheinen - wenn auch nur in dem kleinen, leicht verrückten Universum Moores.

Für die regelmäßigen Leser dieses Blogs sei noch angemerkt, dass das „Chat noir“, das kleine Cabaret von Rodolphe Salis am Fuße des Montmartre tatsächlich im Roman vorkommt. Ebenso übrigens wie „Le Mirliton“, das Cabaret des Aristide Bruant. In beiden spielt jeweils eine Szene, beide sind nur mit sehr wenigen Sätzen skizziert. Wie gesagt: Lokalkolorit sucht man bei Christopher Moore weitestgehend vergebens. Schade.

Titel Verflixtes Blau! : Roman / Christopher Moore. Ins Dt. übertr. von Jörn Ingwersen
Person(en) Moore, Christopher ; Ingwersen, Jörn [Übers.]
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger München : Goldmann
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 474 S. : Ill., Kt. ; 21 cm
Gesamttitel Goldmann
Einheitssachtitel Sacré bleu ‹dt.›
Parallele Ausgabe(n) Kindle eBook
Ungekürztes Hörbuch (Download)
ISBN/Einband 978-3-442-31324-2 kart.
3-442-31324-4
EAN 9783442313242
Katalog-Linkhttp://www.amazon.de/gp/product/3442313244
Leseprobe randomhouse.de

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