Montag, Dezember 17, 2012

Frisch ausgepackt 17.12.2012

Wieder etwas dazugelernt: "Steampunk ist ein Phänomen, das als literarische Strömung in den 1980ern begann und sich zu einem Kunstgenre, einer kulturellen Bewegung, einem Stil und einer Subkultur ausgeweitet hat. Dabei werden einerseits moderne und futuristische technische Funktionen mit Mitteln und Materialien des viktorianischen Zeitalters verknüpft, wodurch ein deutlicher Retro-Look der Technik entsteht. Andererseits wird das viktorianische Zeitalter bezüglich der Mode und Kultur idealisiert wiedergegeben. Steampunk fällt damit in den Bereich des sogenannten Retro-Futurismus, also einer Sicht auf die Zukunft, wie sie in früheren Zeiten entstanden sein könnte." (Zitat Wikipedia, Artikel: Steampunk)

Wie sieht so etwas praktisch aus? Aus meiner literarischen Wundertüte zog ich eben den Roman "Frankenstein Unbound" von Brian W. Aldiss, den dieser 1973 veröffentlichte. Darin geht es um einen Amerikaner namens Bodenland, der nach einem Unfall bei einem Nuklearexperiment durch ein Zeitloch ins Jahr 1816 trudelt und am Genfer See auf Percy und Mary Shelley, sowie Lord Byron kennenlernt. Auch Doktor Frankenstein lebt dort in Genf und Joe Bodenland trifft ihn an genau dem Abend des Verfahrens gegen Justine Moritz. Da Bodenland Shelleys Geschichte natürlich kennt, kann er nach einigen Verwicklungen helfen, einen Freispruch für Justine zu erreichen und die Schuld auf das Monster zu schieben. Wieder plumpst er durch das Zeitloch und landet genau in jenem Augenblick bei Dr. Frankenstein, als dieser eine Gefährtin für sein Monster erschaffen will ...

Und gleich der nächste Ausflug in die Welt des Science Fictions. Michael Moorcocks Werk spielt mit der Idee der Parallelwelten, der Multiversen. So kann es durchaus mal passieren, dass ein Held von einer Realitätsebene in eine andere gerät. Dieses Schicksal wiederfährt zum Beispiel den Kindern des Helden Dorian Hawkmoon in der Castle Brass-Trilogie. Hawksoon lebt in der mythischen Version eines fern-zukünftigen Europas. Unter den Bannern der Barone Granbretaniens wurden fast alle Länder Europas mit Kampf und Tod überzogen. Doch inzwischen ist das Dunkle Imperium  besiegt, und die Völker Europas erfreuen sich des langersehnten Friedens. Fünf Jahre nach der Schlacht von Londra, die das Schicksal des Dunklen Imperiums besiegelte, droht der Welt neues Unheil. Magier-Wissenschaftler manipulieren Zeit und Dimensionen, um das Dunkle Imperium wiedererstehen zu lassen. Nur ein Mann ist imstande, ihre Pläne zu durchkreuzen: eben jener Dorian Hawkmoon, ehemaliger Herzog von Köln und jetziger Herr der Burg Brass.  

Leider fehlt mir Band 1 der Burg Brass-Reihe. In Band 2, "The Champion of Garathorm", bekommt Hawkmoon Besuch von Katinka van Bak, der Königin der Ukrania. Sie will mit seiner Hilfe ihren bulgarischen Bergstaat von einer Armee fremder Dämonen befreien. Leider ist seine Stimmung ziemlich gedrückt, sein Geist verwirrt und sein Körper schwach. Denn bei einer früherer Zeitreise ist seine Frau Yisselda in der Schlacht von Londra umgekommen, wodurch die Kinder, die sie beide hatten, in eine Parallelwelt versetzt wurden. Trotzdem macht er sich auf, mit van Bak durch Zeit, Raum und frühere Inkarnationen hindurch zu reisen, nicht zuletzt deswegen, weil er hofft, auf seiner Tour seine Frau wiederzufinden. Bei seinem Ritt durch die Inkarnationen wird er zu Königin Ilian von Garathorm und als Ewiger Held des Schwarzen Juwels nimmt er den Kampf gegen die dunklen Mächte auf.

Leider kann ich nicht behaupten, schon bis ins Letzte in Moorcocks Universum eingedrungen zu sein. Auch in der Runenstab-Saga geht es um Dorian Hawkmoon, den Herzog von Köln. War mir bisher - zumindest theoretisch - klar, dass Teil 2 der Burg Brass-Saga gleichzeitig als Teil 3 der Erekosë-Serie ("Der ewige Held") zählt, scheint Burg Brass ein Sequel der Runenstab-Tetralogie zu sein: Das Dunkle Imperium steht noch in seiner Macht und bedroht die eigentlich wohlbeschützte Provinz der Kamarg. Nur eine antike Kristallmaschine des Geistervolks kann die Einwohner der Kamarg davor bewahren, in eine andere Dimension geworfen zu werden. Aber unser Held Dorian Hawkmoon ist der Einzige, der begreift, dass der Schutz, den das Geistervolk anbietet, nur eine Illusion darstellt. Also legt er erneut Schwert und Rüstung an ...

Kommen wir zu einem anderen SF-Autor: Robert Heinlein (1907-1988). Starship Troopers stammt von ihm, der von Paul Verhoeven 1997 verfilmte Roman um eine Gang Jugendlicher, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als für ihr Land in den interstellaren Krieg zu ziehen. Sechs Mal erhielt er den Hugo Award und wurde von der Organisation "Science Fiction and Fantasy Writers of America" zum „Großmeister der Science-Fiction“ gekürt. Heinleins Zukunftsfantasien beruhen stark auf den Idealen des Libertarismus: Die Rolle des Staates wird zunehmend beschränkt und das Selbst-Eigentum bekommt eine immer wichtigere Funktion.

In meiner Wundertüte fand ich den  Band "Between Planets" von Heinlein. Auch hier werden seine politischen Ideale schnell deutlich. Er erzählt von Don, einem Mitglied der Interplanetarischen Föderation. Seine Mutter stammt von der Venus, sein Vater ist Erdenbewohner und Don selbst ist in einem Raumschiff irgendwo zwischen den verschiedenen Planeten geboren. Auf sehr eigene Art kämpft er nun für die Rechte seiner sehr eigenen Staatsbürgerschaft. Heinlein zeigt hier, was passieren kann, wenn Politik die Freiheit des Einzelnen zu beschneiden sucht.

Genug SF für heute. Einen englischsprachigen Titel habe ich allerdings noch: Einen historischen Roman über die Kindheit Alexanders des Großen - Mary Renaults "Fire from Heaven". Die Geschichte erzählt von den tödlichen Riten seiner Dionysischen Mutter, denen er nur mit Narben entkommt. Sie erzählt von seinem kriegstüchtigen Vater und dessen sexueller Grobheit. Von Aristoteles lernt Alexander die Wissenschaften. - Ich habe den Roman selbst nicht gelesen, aber die allermeisten Rezensionen sind ziemlich begeistert vom Stil Renaults. Zwar passiert in dem Band noch nicht allzu viel, aber Mary Renault schreibt so, dass die meisten kaum das Buch zur Seite legen können. Das muss man auch erst einmal nachmachen. Neben ihrer Arbeit an den Romanen hat sie übrigens auch eine Alexander-Biographie bei Brockhaus, Wiesbaden herausgebracht - was dafür spricht, dass sie auch in den historischen Details relativ genau gearbeitet hat.

Themenwechsel. Krimiszene Deutschland. Mittlerweile ist es ein wenig ruhiger um den "unumstrittenen Shootingstar der deutschen Krimiszene", wie "Die Zeit" Doris Gercke einst nannte. Was aber nicht heißt, dass sie nicht noch immer fleißig schreiben und veröffentlichen würde. Ich habe in meiner Wunderkiste einen frühen Bella Block-Roman ausgegraben: "Nachsaison". Ein Roman, der in Italien spielt und der ähnlich unorthodox daherkommt wie wahrscheinlich die ganze Bella Block-Reihe. Bella lässt sich anheuern, um an der Adria die Frau eines Blankeneser Schuhkettenbetreibers zu beobachten. Angeblich soll die Frau ihren Mann betrügen und Bellas Job ist nun, Beweise dafür zu liefern. Kein Traumjob - aber die Vorstellung auf einen bezahlten Urlaub am Meer lässt Bella die Aufgabe übernehmen. Natürlich kommt alles ganz anders. Bella landet in einem "gottverlassenen Nest in Süditalien"; die Frau, die sie beschatten soll, logiert auf einem ansonsten ziemlich verlassenen Campingplatz und schnell wird klar, dass die Camorra diesen Ort fest in ihrer Hand hält.

Und noch so ein Shootingstar: Ingrid Noll. Auch sie, die 1991 quasi über Nacht mit "Der Hahn ist tot" reüssierte, schreibt immer noch fleißig weiter. In diesem Jahr ist z.B. ihr Roman "Über Bord" erschienen, ein kleines Buch um Familiengeheimnisse und Lebenslügen, das jedoch die Leserschaft überraschend spaltete. Unzweifelhaft gehört jedoch "Die Häupter meiner Lieben", das ich gerade aus der Kiste gezogen habe, noch zu ihren großen, erfolgreichen Romanen: Auch dies eine Frauengeschichte (wie "Über Bord"), auch hier geht es um die Vergangenheit der Protagonistinnen und ihre unkonventionelle Art, mit Problemen fertig zu werden. Schwarzer Humor auf seiner Höhe.

Zum Schluss noch ein historischer Roman aus der Feder von Margarethe Holm. Viel ist über diese Autorin nicht bekannt. Sie ist 1923 in Heidelberg geboren, studierte an der Theaterakademie, arbeitete dann eine Zeitlang als Schauspielerin und wechselte 1974 ins Feuilleton. 1983 kamen mehr oder weniger zeitgleich drei historische Romane von ihr heraus: "Orangen für Robespierre" war der erste davon, der die dramatischen Ereignisse der Französischen Revolution zum Thema hatte. Der Erfolg des Buches kann nicht überwältigend gewesen sein, denn seither sind zumindest unter diesem Namen keine Bücher mehr von ihr erschienen. Ich selbst bin von ihrem Stil auch nicht sonderlich angetan, kann mir aber vorstellen, dass es Leser gibt, die Romane aus der Zeit der Französischen Revolution sammeln und bei diesem Buch auf ihre Kosten kommen: Erstausgabe, kleine Auflage, keine weiteren Reprints - damit wird der Roman fast schon wieder zum Kleinod für Sammler.

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